VinschgerWind

Spezial-Bauen & Einrichten

s32 3721„Je weniger Kompromisse man als Architekt eingehen muss,
desto besser wird die Architektur“

„Es wäre nicht gut von sich selbst abzuschauen“, sagt der Naturnser Architekt
Erwin Gerstgrasser, mit dem die Interviewreihe im Vinschgerwind
Vinschger Architekten im Gespräch – in dieser Ausgabe fortgesetzt wird.

 

Vinschgerwind: Herr Gerstgrasser, von Architekten kennt man die Gebäude, die sie geplant und gebaut haben, aber man weiß nicht, wie sie selbst wohnen. Wie haben Sie sich eingerichtet?


Erwin Gerstgrasser: Ich wohne seit 1994 in einem privaten Wohnhaus mit zwei Wohnungen und einem großen Garten.
Vinschgerwind:Offen oder eher geschlossen?
Erwin Gerstgrasser: Der Grundriss ist offen und über große Fenster kommt viel Licht herein. Das war damals – Anfang der Neunziger – eigentlich nicht üblich.
Vinschgerwind:Woran arbeiten Sie gerade?
Erwin Gerstgrasser: Ich arbeite gerade an mehreren Projekten. Einmal an der Sanierung einer Jugendstilvilla am Gardasee, dann noch an einer Friedhofgestaltung, an einem Gewerbebau, einer Hotelerweiterung, einem Umbau eines Wohnhauses, an urbanistischen Planungen und weiteren kleinen Aufgaben in Südtirol.
Vinschgerwind:Die Arbeit scheint demnach nicht auszugehen. Sie hatten das Privileg eine Kirche, jene in Plaus zu bauen: Ist es das? Ein Privileg?
Erwin Gerstgrasser: Ja, das ist es, ein Privileg, weil wenige neue Kirchen gebaut werden. Es ist aber auch harte Arbeit. Ich musste für die Kirche in Plaus zwei Mal an einem Ideenwettbewerb teilnehmen, um letztendlich zu gewinnen.
s32 05Vinschgerwind:Warum zwei Mal?
Erwin Gerstgrasser: Beim ersten Wettbewerb wurde kein 1. Preis vergeben. Es wurden dann nochmals fünf Architekten zu einem zweiten Ideenwettbewerb eingeladen, bei dem letztendlich drei Architekten ihr Projekt eingereicht haben und ich als Sieger hervorgegangen bin.
Vinschgerwind:Sie haben Sakralbauten geplant, Hotelbauten, Gewerbegebäude, Einfamilien-, Mehrfamilienhäuser. Was fehlt in Ihrem architektonischen Portfolio?
Erwin Gerstgrasser: Größere öffentliche Projekte, die aber – das muss man dazu sagen – für ein kleineres Büro sowieso nicht zu schaffen sind. Ich bin und war aber immer für eine Zusammenarbeit mit anderen Büros bereit. Das tun nur wenige Architekten, ich habe das schon des Öfteren praktiziert und ich glaube in Zukunft wird das noch notwendiger werden, als es jetzt schon ist.
Vinschgerwind:Stichwort Privater Wohnbau: Ist eine gediegene Vorbereitung der Bauherren die halbe Miete?
Erwin Gerstgrasser: Ich muss sagen, dass mir Bauherren mit einem klaren Raumprogramm am Liebsten sind. Und: Bauherren, die in der Planungsphase genau hinschauen. Böse Überraschungen im Nachhinein werden dadurch einfach vermieden.
Vinschgerwind:Anders gefragt: Stefan Marx und Elke Ladurner haben in einem WIND-Interview einmal gesagt: Zuerst sollte man bauen, dann kann man heiraten. Teilen Sie diese Meinung?
Erwin Gerstgrasser: Ja, wenn man dann nicht zu spät zum Heiraten kommt.

Vinschgerwind: Bauen Sie Häuser nach den Bedürfnissen der Bauherren oder gibt es Dinge, wo Sie keine Kompromisse eingehen?
Erwin Gerstgrasser: Also, je weniger Kompromisse man als Architekt eingeht, desto besser wird die Architektur. Vorausgesetzt natürlich die Planung ist gut durchdacht und abgesprochen mit aufgeschlossenen Bauherren. Kompromisse sind meiner Meinung nach ein wenig Charaktersache. Es braucht viel mehr ein großes Durchsetzungsvermögen.
Vinschgerwind: Demnach tragen Ihre Bauten eine unverkennbare Handschrift.
Erwin Gerstgrasser: Nein. Ich versuche eigentlich bei jedem Bau einen eigenen Ansatz zu finden. Denn es wäre nicht gut von sich selbst abzuschauen. Ich muss sagen, ich bewundere Kollegen, denen es gelingt für jedes Projekt einen ganz eigenen Weg zu beschreiten.
Vinschgerwind: Bleiben wir bei den Kollegen. Wenn wir uns im Vinschgau umblicken: Gibt es einen Bau von dem Sie sagen: Der hat Vorbildcharakter, der gefällt mir.
Erwin Gerstgrasser: Da gibt es sicherlich mehrere Bauten, vor allem Sanierungen von bestehenden eventuell denkmalgeschützten Bauten in historischen Ortskernen. Ich hebe diese Sanierungen ganz bewusst hervor, denn die Verbindung von Altem und Neuem stellt eine große Herausforderungen dar und kann sehr spannend sein.
Vinschgerwind: Ein Beispiel?
Erwin Gerstgrasser: Ein vorbildliches Beispiel ist der Friedhof mit der Leichenkapelle in Tisens. Das ist architektonisch ein Gedicht.
Vinschgerwind: Und ein Beispiel im Vinschgau?
Erwin Gerstgrasser: Die Sanierung und Restaurierung des Oberjuvalhofes. Oder: Im Dörfl in St. Valentin der Umbau eines Stadels zu einem Wohnhaus.
s32 hofstelle tschars kVinschgerwind: Themenwechsel: Was sind die Herausforderungen für die Zukunft für junge Architekten?
Erwin Gerstgrasser: Die Herausforderungen werden immer größer und schwieriger. Die Auftragsbeschaffung ist ein Problem, die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Bürokratie und auch die schleppende Abwicklung vor allem bei öffentlichen Bauten. Dazu kommen die hohen Betriebskosten und die niederen Honorare.
Vinschgerwind: Bleiben wir bei den Herausforderungen: Was rufen Sie der Politik zu?
Erwin Gerstgrasser: Der Politik müsste man jede Menge zurufen. Diese ist die größte Herausforderung für Architekten, im negativen Sinne. Die Politik und die Beamten kennen nur den bürokratischen Ablauf, die Gesetze, die Verfahrensabläufe und verstehen vom Bauen selbst sehr wenig, geschweige denn von der Architektur. Und genau so werden die Architekten auch eingestuft, als Gesetzesdiener und nicht als geistig Freischaffende. Ich finde das sehr Schade. Man kann das am Beispiel der öffentlichen Bauten sehr gut ablesen: Die Auftragsvergabe erfolgt über europaweite Wettbewerbe mit einer Vielzahl an Auflagen und Hürden. Die Vergabe der Bauleitung erfolgt nicht an den Planverfasser mit allen Gefahren, sprich Ideen und Vorstellungen des Planers können bis zum Endprodukt verloren gehen. Die Honorare sind sehr nieder, das ist ganz einfach eine Abwertung der geistig-kulturellen Arbeit des Architekten. Das geht soweit, dass junge Architekten aufgrund dieser schlechten Rahmenbedingungen abwandern müssen. Aber der Politik ist diese ungute Lage der Architekten anscheinend egal.

Vinschgerwind: Letzte Frage: Architektur ist für Sie...
Erwin Gerstgrasser: .... die Erfüllung des Raumprogrammes und der Funktionen, die Einpassung in den örtlichen Kontext und nicht zuletzt gute architektonische Gestaltung. Das kreative Schaffen des Architekten soll mit seiner Selbstverwirklichung einhergehen.
Interview: Angelika Ploner

 

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