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Tim Krohn

s29 Tim Krohn Foto Katharina LuetscherKennen Sie Tim Krohn? In Südtirol ist er wenig bekannt, aber in der Schweiz ist der freie Schriftsteller berühmt. Er hat mehrere Bücher und Theaterstücke geschrieben, Preise erhalten, wurde 2015 zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen und hält viele Lesungen im deutschsprachigen Raum. Tim Krohn ist 1965 in Nordrhein-Westfalen geboren, lebte ab seinem zweiten Lebensjahr in der Schweiz im Glarnerland und später in Zürich.

Seit 2014 lebt er mit Frau und Kindern in Santa Maria im Val Müstair. Dort ist er recht bekannt. Bei der Autorenlesung in der Chasa Jaura in Valchava am 27. Juli waren rund 70 Personen anwesend, obwohl 20 Franken für den Eintritt bezahlt werden musste. In Valchava las Krohn aus seinem neuen Buch „Herr Brechbühl sucht eine Katze“. Es ist ein Buch mit 65 Geschichten, ungewöhnlich und witzig, genauso wie das ganze Buchprojekt. Krohn bewohnt mit seiner Familie ein vierhundert Jahre altes Bauernhaus in Santa Maria. Da seine betagte Mutter über die steilen Treppen nicht mehr steigen konnte, sah er sich gezwungen ebenerdig ein Bad einzubauen. Doch woher das Geld nehmen? So entstand ganz spontan die Idee, über Crowdfunding das notwendige Geld einzutreiben. Krohn bot 111 Geschichten zum Verkauf an. Jede Geschichte sollte über ein menschliches Gefühl, eine menschliche Regung, einen Charakterzug erzählen. Jeder Unterstützer durfte sich eine der Regungen von „aalglatt“ bis „zynisch“ aussuchen und erhielt zu jenem Begriff seine ganz persönliche Geschichte. Zum ausgewählten Begriff wurden die Unterstützer gebeten, zusätzlich ein bis drei ganz beliebige Wörter anzugeben, die sie in ihrer Geschichte wiederfinden wollten. Das Angebot war mehr als erfolgreich. Alle 111 Geschichten waren s29 Krohn Herr Brechbuhlinnerhalb eines Monats verkauft. Das Bad für seine Mutter war finanziert. Das Projekt ging weiter und entwickelt sich zu einem Mammutprojekt. Geplant ist eine literarische Enzyklopädie der menschlichen Gefühle und Charakterzüge. 15 Bände sollen es werden. Aus 111 menschlichen Regungen wurden zuerst 777 und später rund 1.000.

1 Haus, 11 Menschen,
15 Bände, 1.000 Gefühle
und 1.000 Geschichten

Im Internet kann man sich die Liste der ganzen Regungen unter www.menschliche-regungen.ch ansehen und eine Geschichte bestellen. Über 200 Geschichten hat Krohn schon geschrieben. 65 Geschichten enthält der erste Band „Herr Brechbühl sucht eine Katze“. Am 31. August wurde in Zürich der zweite Band „Erich Wyss übt den freien Fall“ vorgestellt. Weitere zwei Bände sind bereits geschrieben, im nächsten Jahr werden sie vorgestellt, im übernächsten Jahr die nächsten zwei Bände. Außergewöhnlich an diesem Literaturprojekt ist auch, dass jede Geschichte eine abgeschlossene Einheit bildet und als einzelne Geschichte gelesen werden kann. So kann man das Buch lesen, wie man will. Man kann sich Begriffe aussuchen und die Geschichten s28 Lesungdazu lesen, man kann das Buch von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne lesen. Und trotzdem hängen die Geschichten zusammen, weil immer wieder die gleichen Figuren auftauchen. Die Geschichte handelt von einem Mietshaus in Zürich, in dem 11 Menschen in 7 Wohnungen leben. Eine Wohnung ist leer. Es sind ganz unterschiedliche Menschen, verschiedene Generationen mit unterschiedlichen Berufen. Diese Menschen treffen andere Menschen, verreisen, erleben verschiedenes, haben Ängste und Träume und 1.000 andere Gefühle, so wie wir alle. Die Geschichte beginnt in der Silvesternacht des Jahres  2000. Für den pensionierten Tramfahrer Hubert Brechbühl beginnt das Jahrtausend mit großen Plänen und ohne Katze. Für das junge Paar Pit und Petzi mit viel Sex. Für Selina May ohne Arbeit. Für Efgenia Costa mit Drogen. Außerdem wohnt in dem Haus das ältere Ehepaar Erich und Gerda Wyss, Moritz Schneuwly, ETH-Student und Tüftler, der Rettungsdienstfahrer Adamo Costa und die alleinerziehende Lektorin Julia Sommer mit ihrer vierjährigen Tochter Mona. Die elf Bewohnerinnen und Bewohner des Mietshauses geraten in einen Strudel der Gefühle. In der ersten Geschichte geht es um „Heiterkeit“. In der Silvesternacht 2000 geht Hubert Brechbühl schon um 22 Uhr zu Bett und hat einen schönen Traum. Im Jahr zuvor erwartete er mit dem Datumswechsel auf den Zusammenbruch des Abendlandes, der aber nicht eintraf. Selina May, die arbeitslose Schauspielerin soll in der zweiten Geschichte zur Ausstellungseröffnung einer alten Bekannten in Berlin die Eröffnungsrede zum Thema Chiaroscuro halten, obwohl sie von Kunst keine Ahnung hat. Die Geschichten von Tim Krohn sind komisch und lustig. Es gibt überraschende Wendungen, lebendige Dialoge und geistreiche Überlegungen. Die Leser staunen, lachen und leiden. Beim Spazierengehen entwickelt der Autor die Ideen für die Geschichten. Dann schreibt er sie nieder und abends, wenn seine Kinder bereits im Bett sind, überarbeitet er die Geschichten und sendet sie an den Auftraggeber. Oft gibt es dann ganz persönliche Rückmeldungen. Die Geschichten haben großen Unterhaltungswert, aber auch Tiefgang. Bei der Lesung in Valchava las Krohn u.a. die Geschichte Nr. 7 „Zartheit“. Gerda und Erich Wyss warteten in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung schon länger auf den Tod, der sich nicht einstellen wollte. Das Treppensteigen wurde für das alte Ehepaar s29 Gilly Krohn Grossmannbeschwerlich und lieber, als nochmals umzuziehen, wollten sie sterben. Die Nächte wurden ihre innigste Zeit. Erich streichelte Gerda und sie hörte den Tod klopfen. Es ist eine nachdenkliche, eine seltsame Geschichte und doch wurde bei der Lesung sehr viel gelacht. Den ersten und letzten Begriff aus der alphabetisch angeordneten Liste der 1.000 menschlichen Regungen hat sich der Malser Apotheker Johannes Fragner-Unterpertinger alias Hans Perting ausgesucht. Es sind die Geschichten Nr. 53 und 54. Es geht um „Aalglätte“ und „Zynismus“. Beide Geschichten erzählen von Selina, der Schauspielerin. Nach der Lesung in Valchava komme ich zufällig ins Gespräch mit zwei Frauen aus Zürich, die bei Krohn eine Geschichte bestellt haben und eigens nach Santa Maria gefahren sind, damit Krohn ihnen ihre Geschichte nach einem guten Essen in seiner Küche vorlesen konnte. Es war ein einmaliges Erlebnis, meinten die beiden Frauen.
Heinrich Zoderer

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