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Alles hat seine Zeit - Uhren im Kloster Marienberg

kulturUralte Schätze des Klosterfundus werden der Öffentlichkeit in zeitlich begrenzten Sonderausstellungen zugänglich gemacht und thematisch aufgearbeitet. Kurator Hannes Egger hat für 2018 „Alles hat seine Zeit – Uhren im Kloster Marienberg“ konzipiert. Darin wird die Zeit veranschaulicht, welche in einem Benediktinerkloster eine maßgebliche Rolle spielt.

Der Alltag, der Rhythmus der Mönche ist geprägt vom Gebet und der Arbeit. Die Benediktsregel bestimmt in Kapitel 48 sowohl den Tages- als auch den Jahresablauf. Deshalb vermutet man, dass die Räderuhren in einem klösterlichen Umfeld entwickelt wurden. Vom Zeitmaß der Mönche kann man auch im weltlichen Leben viel Heilsames und Inspirierendes lernen. Das Nachdenken über die Zeit hat heute richtig Konjunktur. Wie kommt die Zeit in die Köpfe von den Menschen? Wie wird sie persönlich wahrgenommen? Jeder hat sein subjektives Zeitempfinden. Der Druck und die Schnelligkeit der heutigen Leistungsgesellschaft haben den Augenblick, das „Hier und Jetzt“, vergessen. Die Kunst der Langsamkeit mit ihrer heilsamen und inspirierenden Wirkung muss neu entdeckt und geübt werden. Mutter Theresa wurde einmal gefragt, warum sie immer so ausgeglichen und leistungsbereit ist. Das Geheimnis sei ganz einfach: wenn ich sitze, dann sitze ich; wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ihr sitzt, dann denkt ihr schon ans Aufstehen; wenn ihr esst, dann denkt ihr schon, was nach dem Essen zu tun ist, wenn ihr geht, dann seid ihr schon am Ziel. Das Geheimnis sei die Gegenwart, der Augenblick. Viele suchen auch in alternativen Zeitformen ihr Heil. Da gibt es Angebote aus fernöstlichen Kulturen zur Erreichung vollständiger Harmonie wie Entspannung in Zen Gärten. Wir brauchen gar nicht auswärts gehen. So wie in viele anderen Klöstern bietet auch Marienberg Kloster auf Zeit. Gestresste und ausgebrannte Menschen können herkommen und in der Stille der Klosteranlage Ruhe suchen, wieder zu innerer Balance kommen, neues Zeitempfinden erleben und vor allem dem Tag eine neue Struktur geben, die wertvoll ist.
s32 Uhr mit SchreibzeugÜber dem Kubus-Schaukasten mit der Uhrenausstellung im Korridor läuft eine rote Laufschrift mit einem Zeitspruch des hl. Augustinus: „Also was ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn mich aber jemand danach fragt, dass ich es erklären soll, weiß ich es nicht.“ Demnach ist die Zeit eigentlich ein Rätsel. Er sagt auch: „Gott kennt nur eine Gegenwart. Der Mensch hingegen kennt die Zeit nur im Nacheinander“. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Als Gott die Welt erschuf, hat er den Europäern die Uhr geschenkt und uns die Zeit“. Trotzdem: ein Leben ohne Uhr kann sich niemand mehr vorstellen.
„Die Sonnenuhren haben wir nicht vom Turm abnehmen können. Aber wir haben eine tragbare, eine Taschensonnenuhr, bzw. eine Reisesonnenuhr in der Ausstellung“ sagte Museumsleiterin Annemarie Schwarz und zeigte die Rarität einer interessierten Kleingruppe. Die Sonnenuhren gibt es schon seit der Antike. Die Räderuhren wie Taschenuhren, Stehuhren, Reisewecker, Armbanduhren u.a. gibt es erst seit dem Spätmittelalter. Die ersten mechanischen Uhren waren die Turmuhren, die durch Stundenschläge die Zeit über das ganze Dorf vermittelten, die Zeit des Gottesdienstes, die Zeit der Vesper oder des Gebets. Die Turmuhr von Marienberg wird mit einem 3D-Video dem Besucher gezeigt. Neben den Fotos der vielen Ziffernblätter und dem Gestänge, das sich zum Antrieb der Zeiger durch das Kloster zieht, kann die Originalrechnung und der Transportschein vom Uhrmacher Wendelin Jäger eingesehen werden. Zwischen 1794 und 1795 forderte die französische Regierung die Einführung von dezimalen Uhren. Ein Tag wurde in zehn Stunden eingeteilt und die Stunde hatte 100 Minuten. Ein entsprechendes Exemplar bereichert die Ausstellung. Verschiedene Ziffernblätter, die nicht als ganze Uhr erhalten sind, aber interessante Bemalungen und Motive zeigen, Bücher zu Zeitthemen aus der Klosterbibliothek und viele Armbanduhren der verstorbenen Patres sind zu bewundern. Ein weiteres Kuriosum sind ein Tintenfass mit Schreibwerkzeug sowie ein Kerzenständer mit Zündhölzer, die jeweils mit einer Uhr ausgestattet sind. Weiters sind wertvolle Taschenuhren zu bestaunen, Geschenke, die die Äbte von Fürsten zu besonderen Jubiläen gekriegt haben. Und so hat jede Uhr ihre eigene Geschichte. In einer Ecke wurde eine symbolische Bushaltestelle installiert. Über Kopfhörer kann die Geschichte „Warten auf Godot“ in drei Sprachen abgehört werden. Zwei Männer warten auf einen dritten, der niemals kommt. In einem Satz lässt sich Samuel Becketts weltberühmtes Drama Warten auf Godot zusammenfassen. Doch damit ist nur die halbe Wahrheit gesagt. Fragen tun sich auf. Was bewirkt vergebliches Warten mit Blick auf unzähligen Uhren? Probieren Sie es aus. In Stille auf der Bank bei der symbolischen Haltestelle im Korridor des Museums ORA ET LABORA in Marienberg.
Andreas Waldner

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