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VinschgerWind

Ein „HU“ für die Fans Fußball - Kultur

s30 6197von Erwin Bernhart

Um die laufende Fußballweltmeisterschaft in Russland geht es hier nur ganz am Rande. Das sympathische „HU“ der Isländer nehmen wir allerdings hinein. Es geht um Bodenständigeres, um Lokaleres. Aber es geht um Fußball - um Fußball-Kultur, auch um Archaisches.

Ein in Fußballkreisen universelles Thema. Es geht weniger um theoretische Exkursionen,  viel mehr um gelebte Vorkommnisse auf den Zuschauertribünen, um Kritiken, um Verhaltensweisen, um Erklärungen, Erwartungen und Wünsche. Der lokale Bezug ist Naturns, dort der SSV Naturns Raiffeisen und dort  die Sektion Fußball. Die Naturnser sind „norret“ - Fußball-norret - also Fußball begeistert.

Einen tiefen Einblick in die Seele des Naturnser Fußballes (bedingt übertragbar auch auf Fußballsektionen anderer Vereine) hat kürzlich eine Podiumsdiskussion geboten. Die Seele des Naturnser Fußballes hat mehrere Kammern - da sind die Vorstellungen der Vereinsführung, der Sektionsführung, des Trainers, der Spieler, und da sind die Erwartungen der Fans, der Spieler-Väter, der Nörgler, der Besserwisser, da sind Verhaltensweisen auf der Tribüne.
Die Kammern der Naturnser Fußballseele drohen auseinanderzudriften. Dieses Driften hat nicht zuletzt jene Strafexpedition Anfang April ausgelöst, bei der die Sektion Fußball in Naturns zu einer Geldstrafe und zu Platzsperren verurteilt worden ist. Grund: der Linienrichter sei beleidigt worden. Naturns sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Linienrichter mit rassistischen Ausdrücken aus den Reihen der Fans attakiert worden sei.
Die verantwortlichen Vereinsfunktionäre haben sich unmittelbar öffentlich distanziert, haben selbst recherchiert und haben keine rassistischen Beleidigungen ausfindig machen können. Sie sind aber beim Sportgericht mit ihrer entlastenden Beweisführung abgeblitzt. Die Strafen blieben aufrecht - und damit der Vorwurf im Raum.
Damit hat das Sportgericht eine große Wunde in Naturns aufgerissen und neben mehreren Aktionen des Vereines auch die Frage aufgeworfen, was im Fußball erlaubt ist, wo die Grenzen sind...
„Fußball: Freude, Emotion, Leidenschaft. Wo ist die Grenze?“ - zu dieser Frage wurde zu einer Podiumsdiskussion in das Bürger- und Rathaus geladen. Den Drift zwischen Vereinsführung und Fans wollte man schließen - auch wollte man erkunden, wie man mit den Vorwürfen des Sportgerichtes umgehen könne.
Herausgekommen sind dann auch ganz andere Befindlichkeiten - Befindlichkeiten, welche in dieser Form selten den Weg in die Öffentlichkeit finden. Die Podiumsdiskussion selbst war eine Sternstunde der „Fußballkultur“. Moderiert wurde die Diskussion von Zeno Christanell.

Im Fußball sei viel erlaubt. Es gehe um Leidenschaft, um Emotionen - bei Spielern, Trainern und bei Fans zweier Fußballmannschaften. Die Grenzen seien tief gesetzt. So beginnt Gabriele Ghirardello, Psychologe und Mentalcoach, sein Impulsreferat. Ein Beispeil: „Arbitro scemo“ komme am Fußballplatz vor. Was würde geschehen, wenn man dies zu einem Dorfpolizisten sagen würde, fragt Ghirardello. Das Wort „Fan“ komme aus dem Englischen und stehe für die verkürzte Version von „fanatic“. Und als Fanatismus bezeichne man den rücksichtslosen Einsatz für eine Idee. Dieser Einsatz könne von einem Einzelnen oder von einer Gruppe kommen. In der Psychologie spreche man von „verschobener Gewalt“ - wenn Grenzen überschritten werden.
Ghirardello, der selbst Fußballspieler war, dann auch Trainer und der unter anderem als Spielerpsychologe 6 Jahre lang beim FC Südtirol tätig war, wirft drei Maßnahmen in die Zuhörerschaft: soziale Kontrolle über die Familie, Schule und über den Verein sei eines, ein Zweites finde mit dieser Podiumsdiskussion statt und ein drittens: Phantasie sei gefragt. Für die Phantasie bringt Ghirardello ein Beispiel: Die brasilianische Mannschaft Recife, berüchtigt durch die Ausschreitungen ihrer Fans, hat eine Agentur damit beauftragt, Randale und Verbalinjurien einzugrenzen. Die Agentur habe Mammis kurz ausgebildet und auf die Tribüne gestellt. „Das ist gelungen“, sagt Ghirardello. Im Magazin für Fußballkultur lesen sich Ghirardellos Ausführungen so: „Beim Risikospiel zwischen Sport Club de Recife und Nautico Capibaribe setzte der Verein auf Weisung besagter Agentur Mütter als Ordner ein. Und zwar nicht irgendwelche Mütter, sondern zuvor eigens ausgesuchte Erzeugerinnen von stadtbekannten Krawallmachern, die dafür extra eine Security-Blitzausbildung erhielten. (...) Und tatsächlich: Der Plan funktionierte! Erstmals seit sehr vielen Jahren gab es bei diesem Duell keine Verletzten, keine Festnahmen, ja nicht mal hier und da verteilte Ohrfeigen.“
Einige Statements am Podium:
Luis Pföstl, der mittlerweile zurückgetretene Fußball-Sektionsleiter im SSV Naturns, sagt, dass es nicht in die richtige Richtung gehe. Unterstützung für die Mannschaft sei gefragt, aber mit positiven Emotionen. Die Diskussion darüber, wie man die Emotionen in positive Energie umwandeln könne, sei wichtig.
Günther Pföstl, seit 22 Jahren technischer Leiter im SSV, sagt: „Die Strafen haben uns hart getroffen, auch imagemäßig. Wir stehen unter Beobachtung.“ Man überlege, Kameras auf den Tribünen aufzustellen, als Funktionäre wolle man wachsamer sein und es gehe um eine Sensibiliserung aller und auch um Zivilcourage, also um das Einschreiten aller, wenn die Situation auch verbal eskalieren sollte.

Fußball habe in Naturns einen hohen Stellenwert, sagt BM Andreas Heidegger. Ihm gefalle, dass sich der Fußball und auch die Fangemeinde entwickelt hätten. Erst die Emotionen machen den Fußball interessant. Dabei können schon mal Aggressionen abgebaut werden. Aber es müsse alles getan werden, um Rassismus zu vermeiden.
Die Gemeindereferentin Astrid Pichler ist „absoluter Fußballfan“. „Ich war im April wegen der Strafen schockiert“, sagt sie. Denn oft sei es auf der Tribüne wie auf einem Friedhof, trotz mehr als 300 Fans. Fair play beinhalte das gesamte Fußballgeschehen, nicht nur der Umgang der Spieler auf dem Rasen, sondern auch der Umgang der Fans untereinander und den Schiedsrichtern, Spielern und Trainern gegenüber und auch den Funktionären gegenüber. Das Thema Fußball-Kultur gehe über die Gemeindegrenzen von Naturns hinaus und betreffe auch die Verbände. „Wo sind die Verbände“, fragt Pichler.
Dietmar Hofer ist Präsident des SSV Naturns und leidenschaftlich. „Die Stangata im April hat weh getan. Ich war am Boden zerstört“, sagt Hofer. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, um so etwas künftig zu verhindern. „Es geht nicht, dass durch den Kakao gezogen wird, was man jahrelang aufgebaut hat.“ Videokamera, ein Ziehharmonikazelt beim Spielereingang seien Überlegungen im SSV und Hofer richtet einen feurigen Appell an die Zivilcourage.

In den ersten Statements ist zu spüren, dass Emotionen auch abseits des Fußballplatzes im Spiel sind.
Balsam auf die geschundene Vereinsseele kommt von auswärts. Andreas Canal, der langjährige sportliche Direktor von Bozen FC, weist darauf hin, dass Naturns mit der Situation nicht allein sei. Der SSV sei ein sehr bodenständiger und angesehener Verein, der mit Rassismus sicher nichts zu tun habe. In Naturns werde Fußball gelebt, wie er in Tramin oder in St. Pauls gelebt werde.
Ein junger Mann sagt, dass es in Südtirol keine Eigeninitiative gebe. Wegschauen sei üblich, es gebe keine Zivilcourage.
Norbert Kaserer, der Kassier des SSV Naturns, sagt, dass er am Platz Fan sei. Leidenschaft schaffe auch Leiden, vor allem dann, wenn es nicht gut laufe. Da gehen einem schon mal die Gäule durch, wenn der Schiedsrichter falsch pfeife. „Ich sehe nicht ein, dass wir uns da ans Kreuz nageln lassen müssen“, sagt Kaserer. Denn er habe nicht das Gefühl, dass Naturns schlimmer sei, als andere Fans. „Gegen die Fans aus Obermais sind wir Hascherlen“, sagt Kaserer. Es werde vom Verband mit zweierlei Maß gemessen.
Luis Pföstl wies darauf hin, dass der SSV noch nie so erfolgreich gewesen sei. Seit 8 Jahren in der Oberliga, die Jugendarbeit sei erfolgreich, auch ökonomisch sei man das. Die Frage sei, wie man den Hebel bei der Fankultur umlegen könne. Es gehe auch um Kritiken an Spieler und Funktionären.
Auf die Frage, wo denn die Grenze sei, konnte Ghirardello nur auf die Haltung und auf die Kultur im Verein hinweisen.
Lukas Spechtenhauser, als Sponsor und Spieler-Vater am Podium, gab seine  Freude über die Anzahl der Zuschauer bei den Heimspielen zum Ausdruck. Man stecke sich auf der Tribüne gegenseitig an. Im Übrigen gebe es Verbalattacken auch bei den Jugendspielen.

Ein an Klarheit kaum zu überbietendes Statement gab Trainer Gustl Grünfelder ab. Dass es in Naturns viele Fachleute gebe, halte er aus, aber: „Es stinkt mir brutal, wenn auf die jungen Burschen hineingeschrien wird. Ich wünsche mir, dass die Buben positiv motiviert werden.“ Naturns habe mit Abstand die jüngste Mannschaft.
Ghirardello sekundierte. Es benötige sehr viel Kraft, die Jungen, die sich ja in einer Entwicklungsphase befänden, wieder zu regenerieren.  Und der Spieler Gregor Hofer dazu: „Spieler, die beleidigt werden, sieht man das an.“ Im letzten Spiel heuer habe man die Eier herausgetan und den Klassenerhalt geschafft. Klatschen, so Hofer, würden uns Spielern auf dem Spielfeld mehr Input geben.
Andreas Canal gab Grünfelder unter anderem damit Recht, dass die Leute nicht wüssten, was die Spieler unter der Woche leisten. Die Problematik komme allerdings von weiter her. Denn es sei eine Katastrophe auch bei den Jugendspielen zu beobachten.
Lukas Kuppelwieser war für die Fans am Podium. Er sagt, dass auch die Fans vor dem Spiel nervös seien und man habe als Fan halt einen andere Sichtweise als die Spieler. „Wir müssen als Sportfamilie in guten und in schlechten Zeiten zusammenhalten.“
Respekt von den Kritikern forderte Günther Pföstl, denn es gebe Phasen, in denen die Kritik penetrant sei.
Entscheidende Fragen warf Andreas Kofler, langjähriger Spieler beim SSV und derzeit Jugendtrainer, auf. Welche Erwartungen haben wir, was wollen wir. Wollen wir Spieler einkaufen? Wir haben eine große Freude über den Klassenerhalt. Lasst’s doch den Linienrichter in Ruhe. „Ich bin als 15-Jähriger oft weinend vom Spielfeld gegangen“, sagt
Andreas und mahnte zu mehr Ruhe und Gelassenheit.
Die Zwänge, in denen sich ein sportlicher Leiter und die Sektion bewegen, beschreibt Günther Pföstl so: „Die Naturnser erwarten sich eine erfolgreiche, eine attraktiv spielende Mannschaft, mit jungen Einheimischen und auch, dass Spieler von gewissen Vätern eingesetzt werden. Wir müssen dann schauen, das alles unter einem Hut zu bringen.“ Der Philosophie bleibe man treu: Das Arbeiten an der Spielgemeinschaft, das Früchte trägt. Den Klassenerhalt zu schaffen sei Ziel.
Bevor der Sektionsleiter Luis Pföstl verabschiedet wird, weist SSV-Präsident Dietmar Hofer auf 1000 Dinge, die im SSV Naturns gut laufen hin, auf die 11 Sektionen, auf die mehr als 1000 Mitglieder: „Es wird gut gearbeitet und mein Herz schlägt weiterhin Gelb-Blau.“

Während in Russland die WM läuft, bereiten sich die Dorfvereine auf die kommende Meisterschaft vor. Der SSV Naturns hat die Vorbereitung, neben dem Trainerwechsel von Grünfelder zu Harald Kiem,  mit einer öffentlich ausgetragenen Debatte über Fußball-Kultur, über Wege, wie man miteinander auf dem Fußballplatz und am Spielfeldrand umgeht, eröffnet und dabei tief in eine verwundete und auch verunsicherte Fußballseele blicken lassen. Das hat allen gut getan. Ein Anfang.
Den Fußballfans und den Funktionäre in Naurns ist für die kommende Saison ein befreiendes, ein gebündeltes, ein gewaltabweisendes, ein verbaler Blitzableiter - ein isländisches „HU“ zu wünschen.

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