Werbung

VinschgerWind

Vom Steinhaus zum Bergkristall

s34 Alte neue monte rosaWie sieht eine Schutzhütte, eine Kirche oder ein Bauernhof im 21. Jahrhundert aus? Jede Kultur und jede Zeit hat ihre eigene Architektursprache. Bauen ist Ausdruck des Zeitgeistes mit klaren Botschaften. Dabei geht es nicht nur um die Funktionalität und Ästhetik, sondern auch um das verwendete Material, das Einbeziehen der Umgebung und der Geschichte und zunehmend auch um Umweltschutz und nachhaltiges Bauen. Die Geschichte der Schutzhütten ist relativ kurz und trotzdem gab es große Veränderungen.


Der junge Brixner Architekt Gabriel Kerschbaumer hat 2015 an der Fakultät für Architektur und Raumplanung in Wien seine Diplomarbeit mit dem Titel „Die Entwicklungsgeschichte hochalpiner Architektur in Form von Schutzhütten“ eingereicht. Darin wird die Entwicklungsgeschichte der Schutzhütten im Alpenraum aufgezeigt und die Veränderungen in der Funktion und in der Ästhetik dokumentiert. Die Berge waren über Jahrhunderte der Wohnsitz von Göttern, Geistern und Dämonen. Es waren mysteriöse Verbindungsglieder zwischen Himmel und Erde und damit Verbotszonen für die Menschen. Erst in der Zeit der Aufklärung verloren die Menschen die Furcht vor den finsteren Bergmächten und entwickelten eine Faszination für die Bergwelt, die erobert, erforscht und von Künstlern gemalt und beschrieben wurde. Die Alpenvereine haben am Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert durch den Bau von Schutzhütten und Wanderwegen das Besteigen der Berge ermöglicht. Die ersten Unterkünfte boten eine Schlafmöglichkeit und Schutz vor Unwettern. Es waren einfache Steinhütten, an eine Felswand oder an einen großen Stein angelehnt. In niederen Lagen wurden die Hütten aus Holz gebaut. Die Hütte bestand aus einem einzigen Raum mit einem Herd und Schlafmöglichkeiten. Vorläufer der Schutzhütten waren die Hospize, als einfache Unterkünfte für Pilger. Später dienten solche Unterkünfte den Hirten, Händlern, Schmugglern, Bergleuten oder Jagdgesellschaften. Zu Beginn der Neuzeit wurde die gesundheitsfördernde Wirkung des Bergsteigens entdeckt und die Naturverbundenheit, um Geist, Körper und Seele zu stärken und der Stadt zu entfliehen. Wissenschaftler begannen die Geologie, die Pflanzen- und Tierwelt zu erforschen, Maler, Dichter und Musiker ließen sich von der Bergwelt inspirieren. Schutzhütten boten nicht nur Unterschlupf und Schutz, sondern auch eine wunderschöne Aussicht. Durch solche Hütten sollte es möglich sein, eine Bergtour auf zwei Tage zu verteilen. Nach und nach entstanden im ganzen Alpenraum Schutzhütten, um den Mont Blanc, Großglockner, Venediger, Ortler und andere Berge zu besteigen. Bereits 1854 entstand in den Savoyer Alpen unterhalb des Mont Blanc eine einfache Hütte. Sie wurde später vom französischen Alpenverein mehrmals umgebaut und erweitert. 1906 war Platz für 7 Personen, nach dem Umbau 1936 für 36 Personen. 1960 folgte auf 3.817 m Höhe die Konstruktion des 1962 eingeweihten Refuge du Goûter, das Platz für 65 Personen bot. 2013 wurde ein moderner Neubau auf 3.835 m für 120 Gäste errichtet. Das neue Gebäude sieht aus wie eine Raumkapsel, hat die Form eines vierstöckigen elliptischen Zylinders mit einer Verkleidung aus Inox-Stahl. Das Innere besteht aus einer Gebälkkonstruktion aus Holz. Die „Grünhornhütte“ in den Glarner Alpen auf 2.448m, erbaut 1863, war die erste Hütte des Schweizer Alpenvereins. 1866 erbaute der CAI unterhalb des Monviso die erste Berghütte. Die „Stüdlhütte“ auf 2.800 m war die erste Hütte zur Besteigung des Großglockners. In der 7,5 x 4,5 m großen Hütte war Platz für 12 Personen. Der Prager Kaufmann Johann Stüdl ließ sie auf eigene Kosten erbauen. 1868 wurde sie eingeweiht und anschließend mehrfach erweitert und umgebaut. 1875 erbaute die Sektion Prag des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins auf 3.029m die Payerhütte zur Besteigung des Ortlers. 1876 wurde die Schaubachhütte, 1882 die Zufallhütte und 1892 die Düsseldorferhütte erbaut. Zwischen 1884 und 1894 wurden in Südtirol die meisten Schutzhütten erbaut. Bis vor dem Ersten Weltkrieg gab es 73 Hütten des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins.

Die neuen Schutzhütten sind Aushängeschilder: gut sichtbar und gut erreichbar
Nach dem Bau der ersten Steinhütten, wurden anschließend freistehende Holzhütten in einer Fertigbaumethode gebaut. Im Tal wurden die Hütten gebaut, die einzelnen Balken nummeriert, anschließend wieder zerlegt, hinaufgetragen und am Berg aufgestellt. Gebaut wurden sie an lawinensicheren, windgeschützten Stellen, neben einer Wasserquelle. Nachdem immer mehr Menschen die Berge bestiegen und auch Unterkünfte in den Bergen suchten, entstanden mehrstöckige Schutzhütten aus Stein mit eigenen Schlafräumen, Küche und Toiletten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten einige Hütten bereits Federbetten, Einzelzimmer, eine Zentralheizung und Gasbeleuchtung. Die Steinhütte mit einem Satteldach, gebaut mit Material aus der Umgebung, wurde im 20. Jahrhunderts zum Standardbau in den Alpen. Einige Hütten wurden im Untergeschoss aus Naturstein und im Obergeschoss in Holzbau gefertigt. Durch den Einsatz von Hubschrauber und Kran änderte sich in den 60er und 70er Jahren auch die Bauweise im Hochgebirge. Der Bau an unebenen Bauplätzen durch den Einsatz von industriellen Fertigbauelementen war nun möglich. Neues Material, neue Technologien und neue Verkleidungen werden heute eingesetzt, neben Beton, Stein und Holz, auch Stahl und Glas. Das Energiekonzept, die Brauchwasseraufbereitung, die Fäkalienentsorgung und die Abwasserkläranlage müssen berücksichtigt werden. Sonnenkollektoren, eine Photovoltaikanlage, ein Hubschrauberlandeplatz, eine Materialseilbahn müssen Platz finden. Neue Schutzhütten zeichnen sich durch eine futuristische Formensprache und einen polygonaler Grundriss aus. Das Modell der Alphütte aus Bruchsteinmauerwerk mit rot-weiß karierten Vorhängen hat ausgedient. Frühere Schutzhütten waren an die Landschaft angepasst, zurückhaltend und unscheinbar. Die neuen Schutzhütten sind Aushängeschilder, Landmarken mit besonderen Formen: wie Raumkapseln, große Felsen oder Bergkristalle. Es sind möglichst energieautarke Bauten aus Holz, mit einem Flachdach bzw. leicht geneigtem Pultdach, hellen Speisesälen und Panoramablick. Die Holzverkleidung der Schlafräume und Speisesäle schafft eine gemütliche Atmosphäre. Bei einigen Hütten sieht man auch von außen die Holzbauweise, einige werden mit Holzschindeln, andere mit Kupferblech bzw. Aluminiumpaneelen verkleidet. Beispiel dafür sind die 2008 eingeweihte Olpererhütte in den Zillertaler Alpen, die neue Monte Rosa Hütte oder die neue Schwarzensteinhütte im Ahrntal. Innen aus Holz und außen aus Kupfer, gut sichtbar und gut erreichbar, das ist die neue Bauphilosophie der Schutzhütten. Auch die neue Weißkugelhütte wird aussehen wie ein großer Felsblock in einsamer Berglandschaft, eine sichere und gemütliche Unterkunft mit einem fantastischen Rundblick.    

Heinrich Zoderer

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Aktuelle Seite: Start Kultur Archiv Archiv 2019 Ausgabe 3-19 Vom Steinhaus zum Bergkristall