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Nationalpark Stilfserjoch - Rotwildmanagement - Entnahmeabschüsse zur Reduzierung des Wilddruckes

207B1Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Leonhard, 6. November 2017

Im Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch und in den angrenzenden Tälern stehen ca. 10.000 Stück Rotwild ein. Diese Zahlenangabe bezieht sich auf den gesamten Nationalpark mit seinen Flächenanteilen in der Lombardei, im Trentino und in Südtirol. Die höchste Dichte hat das Rotwild in der lombardischen Valfurva mit 13,5 Stück je 100 Hektar Fläche erreicht.

An den sonnseitigen Wintereinständen steigt die Rotwilddichte in der Valfurva sogar über 20 Stück/100 ha an. Verbiss-Schäden am Wald sind die Folge solch hoher Dichten und der Bergwald verjüngt sich nicht mehr und verliert seine Schutzfunktion.
Zur Wiederherstellung des verloren gegangenen Gleichgewichtes zwischen der Anzahl einer Tierart und dem verfügbaren Lebensraum wird das Rotwild  daher in bestimmten Mikroregionen des Nationalparks durch selektive Abschüsse reduziert. Das rechtliche Instrument dazu bietet eine Ausnahmeregelung im staatlichen Rahmengesetz über die geschützten Gebiete 394/1991. Diese Ausnahmebestimmung lässt Entnahmen von nicht geschützten Tierarten in zwei Fällen zu: bei Krankheit und Seuchen und eben bei gestörtem Gleichgewicht zwischen dem verfügbaren Lebensraum  und der Anzahl einer (Schad-)Tierart. Die Basis für solche regulierenden Eingriffe sind wissenschaftliche Studien und Beweisführungen, das Sammeln statistischer Zahlenreihen zur Entwicklung der Tierart  über einen mehrjährigen Zeitraum, dann auch der Beleg von Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. Und ausschlaggebend für die Zulässigkeit der Eingriffe in die betroffene Wildtierpopulation ist das positive Gutachten des nationalen wissenschaftlichen Referenzinstitutes ISPRA (Istituto superiore per la ricerca ambientale).

Die Situation im Vinschgauer Parkanteil
Zur Erinnerung: Im Dreijahreszeitraum 1997-1999 hatten wir zu Beginn der konsortialen Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch am mittelvinschgauer Nörderberg und im Martelltal eine Stichprobe von 120-150 Stück Rotwild pro Herbst abgeschossen, um am Todtier  biometrische Messungen wie Körpergröße, Gewicht, Alter zu erheben und Laboruntersuchungen an verschiedenen Organen 021B2durchzuführen. Nach einem Urteil des Staatsrates auf Rekurs des WWF Italien war im Jahre 1983 die vorher praktizierte Jagd auf Rotwild im Nationalpark untersagt worden. In der Folge war die Population des Rotwildes stark angewachsen. Schäden an den landwirtschaftlichen Kulturflächen und Verbiss-Schäden am Wald führten zu sozialen Spannungen und einer verstärkten Ablehnung des Schutzgebietes. Und die hohe Dichte des Rotwildes ging mit einer Verschlechterung seiner Konstitution einher. Die Laboruntersuchungen auf 30 verschiedene Bakteriosen und Virosen ergaben für den genannten Entnahmezeitraum von 1997-1999, dass beispielsweise in Martell bis zu einem Drittel der Hirschkälber an Paratuberkulose erkrankt oder Paratuberkuloseträger waren.
Die Bestandszählungen ergaben für den Vinschgauer Nörderberg und die Seitentäler eine Rotwilddichte von 9,7 Stück je 100 Hektar Lebensraum. In der Forstwirtschaft wird eine Dichte von 4 Stück/100 ha als Grenzwert angesehen, bei dem noch eine Naturverjüngung des Waldes erfolgt und seine Schutzfunktion erhalten bleibt. Es ist überflüssig zu betonen, dass der Schutzfunktion des Waldes im steilen, erosionsgefährdeten, ganzjährig bewohnten und bewirtschaften Berggebiet eine besondere Bedeutung zukommt.

Der erste Dreijahresplan
Nachdem unsere mehrjährigen  Zählungen eine mehr als doppelt so hohe Rotwilddichte im Vinschgauer Anteil des Nationalparks Stilfserjoch ergeben hatten, als forstwirtschaftlich indiziert ist, haben wir als Konsortium Nationalpark Stilfserjoch im Jahr 2000 den ersten wissenschaftlich abgestützten Dreijahresplan zur Reduzierung der Rotwilddichte in dieser Mikroregion des Schutzgebietes erarbeitet, verabschiedet und dem wildbiologischen Institut und dem Umweltministerium zur Begutachtung vorgelegt. Nach anfänglicher Skepsis seitens der Begutachter, von Tierschutzorganisationen und auch des Umweltministeriums und starker und  beharrender Überzeugungsarbeit unsererseits konnten wir positive Stellungnahmen und Gutachten erwirken und mit den Entnahmen durch herbstliche Abschüsse beginnen. Die Rotwilddichte sollte vor allem durch den Zugriff auf die weibliche Population erfolgen. Es war und ist keine Trophäenjagd. Die Abschüsse wurden nicht wie in anderen ausländischen Nationalparken durch Berufsjäger oder durch das Forstpersonal durchgeführt, sondern bei Beteiligung der ortsansässigen Revierjäger. Diese Jäger wurden vorab einer Zusatzausbildung und Prüfung über die Biologie und Ökologie des Rotwildes und über die Ziele der Reduktionsmaßnahme unterzogen. Nach nunmehr über 15-jähriger Erfahrung in der Zusammenarbeit zwischen der Jägerschaft und der Nationalpark-Verwaltung traue ich mir die Einschätzung zu, dass diese Zusammenarbeit seriös und auch für die Skeptiker überzeugend war und die Ziele des Planes weitestgehend erreicht wurden. Die Naturschutzorganisation WWF-Italien hat ihren nach den ersten Jahren der Entnahmen beim Staatsrat behängenden Rekurs zurückgezogen.

Der aktuelle Stand  
In Umsetzung mehrerer, von ISPRA validierten Drei- und Fünfjahresplänen in den geographischen Untereinheiten Mittel-
vinschgau (Latsch bis Tschengls) und Obervinschgau (Prad, Sulden- und Trafoital, Taufers) wurden im Zeitraum 2000-2016 über 5.000 Stück Rotwild durch herbstliche Abschüsse entnommen.  Die Dichte sank von anfangs 9,7 Stück/100 ha im Jahr 2000 auf ca. 5 Stück je Scannen0002100 ha im Jahr 2016. Der Wilddruck auf die  landwirtschaftlichen Kulturen  und die Schäden in ihnen konnten verringert werden. Was die Verbiss-Schäden am Wald betrifft, wurde die erste Waldschadenserhebung aus dem Jahr 1998 im Jahr 2012 bei gleicher Methodik und auf den gleichen Probeflächen wiederholt, um eine wissenschaftlich saubere und aussagekräftige  Vergleichbarkeit der Daten zu erreichen. Das Ergebnis: Der Wald erholt sich langsam, auch wenn der Verbiss und der Wilddruck abnimmt.  Die Wildschäden auf den Probeflächen sind unmerklich zurückgegangen, auch wenn die Krüppelfichten seltener werden und Bäume etwa in dichten Rotten  wieder vermehrt einen stammförmigen Schaft schieben. Die Erkenntnis daraus: Wenn man mittel- und langfristig ein stabiles Ökosystem Bergwald sichern und erhalten will, muss der jährliche Zuwachs in der Rotwildpopulation weiterhin und fortgesetzt abgeschöpft werden.

Der neue Fünfjahresplan
Der letzte gültige Fünfjahresplan (2012-2016) für das Rotwildmanagement im Vinschgauer Anteil des Nationalparks ist im Dezember 2016 ausgelaufen. Das Südtiroler Amt für den Nationalpark Stilfserjoch in Glurns hat vorab den externen Experten Dr. Sandro Nicoloso mit der Ausarbeitung eines neuen Fünfjahresplanes 2017-2021 beauftragt. Der neue Fünfjahresplan wurde unter Einarbeitung der statistischen Eckdaten aus dem letzten Jahr 2016 erarbeitet und fristgerecht vorgelegt  und dem Referenzinstitut ISPRA zur Begutachtung unterbreitet. Das Gutachten von ISPRA mit Datum 27. Oktober 2017 ist gleichentags eingegangen. Das positive Gutachten ist zeitlich auf das eine Entnahmejahr 2017 eingegrenzt. ISPRA knüpft sein positives Gutachten für den gesamten Fünfjahreszeitraum an die Umsetzung weiterer Maßnahmen (wie etwa Lebensraumverbesserungen)  und Beweisführungen. Abschüsse allein werden nicht mehr überzeugen. So muss beispielsweise die Waldschadenserhebung im Jahr 2021 wiederholt werden. Damit die herbstlichen Abschüsse 2017 Rechtskraft erreichen, wird die Südtiroler Landesregierung die entsprechende Beschlussmaßnahme verabschieden. Mit dem Übergang der Verwaltungskompetenzen zum Nationalpark Stilfserjoch vom Umweltministerium an die Länder dank neuer Durchführungsbestimmung zum Autonomiestatut ist die Landesregierung die zuständige Behörde.

 

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