VinschgerWind

Flucht nach oben?

s6 einreichepr5Naturns - In der anstehenden Gemeinderatssitzung am 22. Mai 2017 wird sich in Naturns entscheiden, wohin sich vor allem die Hotel-Baukultur entwickeln wird. Die Hoteliers wollen hoch hinaus. Die Geister, die man in der attraktiven Wohn- und Tourismusgemeinde rief, sind kaum mehr beherrschbar. Die Frage ist, ob man die Entwicklung in die Höhe politisch will, oder ob man von dieser Entwicklung überfahren wird. Wie die Naturnser Politik letztlich zum Diener wird.

von Erwin Bernhart

Unter anderem ein 20 Meter hoher Hotelturm in unmittelbarer Nähe des Kriegerdenkmals und des Kirchweges:

Am 22. Mai 2017 steht auf der Tagesordnung des Gemeinderates von Naturns ein Punkt, der, wenn er so wie ge-plant beschlossen wird, ein richtungsweisender sein wird. Es gibt einige Hoteliers in Naturns, die die Diskussion und den anstehenden Gemeinderatsbeschluss mit verschränkten Armen und mit Neugier verfolgen. „Antrag Hotel Lindenhof KG des Nischler J. und Co. - Genehmigung des Durchführungsplanes der Zone für touristische Einrichtung „Hotel Lindenhof“, lautet der Tagesordnungspunkt.
Dabei wird es weniger um das Projekt vom Hotel Lindenhof gehen. Vielmehr wird sich entscheiden, wohin sich in Naturns die Baukultur, die Baukubatur und vor allem die Bauhöhe entwickeln soll. Für BM Andreas Heidegger ist klar, dass die Bauhöhen in die Höhe gehen werden. Aufgrund des sparsamen Umganges mit Baugrund ist für ihn nur noch die Flucht nach oben realistisch.
BM Heidegger wird im Gemeinderat eine Fülle von Erklärungen und Rechtfertigungen anzubieten wissen. Denn seit mehr als einem Jahr wird am Lindenhof-Projekt herumgedoktert, wobei sich BM Heidegger mehr als Kellner denn als Koch eingesetzt haben soll.

Vor gut einem Jahr hat der Gemeinderat dem Hotel Lindenhof die Zone für touristische Einrichtungen erweitert. Spätestens mit dem ersten Bebauungsvorschlag dürfte auch BM Andreas Heidegger gedämmert haben, dass da Geister heranwachsen, die der Bevölkerung nur schwerlich zu vermitteln sein werden. Nach vielen Umplanungen rückt nun ein Baukörper mit einer Höhe von knapp 21 Metern nahe an ein Denkmal heran, welches von Teilen der Bevölkerung emotional besetzt ist, an welchem die kirchlichen Prozessionen, auch die Beerdigungen vorbeiziehen: das Kriegerdenkmal am Lindenplatz. Und auch an den Kirchweg, der einzigen Verbindung zwischen Kirche und Dorf.
Das Schlanderser Architektenduo Stephan Marx und Elke Ladurner hat für Joachim Nischler vom Lindenhof zum bestehenden Hotel drei Baukörper geplant, mehreckig, rein architektonisch durchaus ansprechend. Heidegger, sagt, dass er den Bauherren verpflichtet habe, drei Künstler zu Rate zu ziehen, um Überlegungen einholen zu können, wie man jenem dem Kriegerdenkmal zugewandten und rund 21 Meter hohen Turm mit Mitteln  der Kunst die Wuchtigkeit nehmen könnte.  Erfahrungen damit  hat man bereits vor Jahren mit dem Hochregallager in der Obstgenossenschaft Texel gemacht. Dort hat der Künstler Manfred Alois Mayr mit einer Ummantelung dem Hochregalturm seine Wucht genommen und damit Proteste über die Bauhöhe aus der Bevölkerung  beruhigen können. Nun ragt der Turm des Hochregallagers wie eine überdimensionale Großkiste aus der Gebäudegruppe der ObstgenossenschaftTexel.
Manfred Mayr wurde mit dem gebürtigen Naturnser Künstler Erich Kofler Fuchsberg und dem Architekten Walter Angonese eingeladen, den neu entstehenden Lindenhofturm zu beurteilen und möglicherweise zu kaschieren. Die Künstler lehnten allerdings despektierlich ab. In einem internen Bericht vom Lindenhof an BM Heidegger haben die Künstler klar Position bezogen: Der besprochene „Künstlerwettbewerb“ stelle mehr eine „Feigenblattfunktion“ dar, da eine Integrierung des Gefallenendenkmals in die geplante Fassade des gegenständlichen Projektes in diesem Sinne schlichtweg nicht möglich sei.

Von Beginn an hat BM Heidegger auch den Landesbeirat für Baukultur und Landschaft miteinbezogen. Der regte im Mai 2016 zu Verbesserungen am Plan an, denen auch Rechnung getragen worden ist. In einer Folgeberatung im Februar 2017 sagt der Landesbeirat unter anderem: „Der Landesbeirat ist der Ansicht, dass die vorgestellte Lösung in die richtige Richtung geht. Es wird eine weiter Ausarbeitung der architektonischen Lösung der polygonalen Baukörper suggeriert...“ Das Gutachten des Landesbeirates für Baukultur ist ein beratendes und für die Gemeinde nicht bindend.
Erich Kofler Fuchsberg sagt, dass es sich vor allem bei der Bauhöhe um einen Präzedenzfall handle. Wohin wolle sich Naturns entwickeln, fragt Kofler Fuchsberg. In Richtung städtische Bebauung? Wenn dem so sei, dann werde Naturns ein Hybrid - nicht städtisch und auch nicht mehr dörflich. Will man das? Kofler Fuchsberg klagt an, dass die Bauherren aus Hotelkreisen die Gemeinde mit fix fertigen Projekten unter Druck setzen, vor allem mit der Argumentation, dass es dabei um wirtschaftliche Überlegungen gehe und eine größere Abänderung von Projekten gar nicht in Frage komme.

Derweil hat die Baukommission von Naturns mehrheitlich das Projekt von Marx und Ladurner genehmigt. In der Baukommission habe sich, sagen mehrere Teilnehmer, eine rege Grundsatzdiskussion ergeben. Eine Grundsatzdiskussion auch über den Tourismus, im Speziellen über den Ressorttourismus der großen Hotels. Man hat angezweifelt, welchen Nutzen denn solche Hotelkomplexe für die kleinstrukturierte Wirtschaft in Naturns brächte. Vor einigen Jahren seien noch viel mehr Gäste in den Pizzerien zu sehen gewesen, in den kleinen Restaurants, beim Einkaufen. Die Hoteliers seien bestrebt, die Gäste den ganzen Tag über in ihren Hotelressorts zu halten, mit einem Rundumprogramm, auch mit hotel-internen Shops. Die Umgebung profitiere von solchen Umständen wenig.

Der Weg durch den Gemeinderat ist für die Neubauten beim Lindenhof schon so gut wie geebnet. Denn nach der Baukommission hat auch der Gemeindeausschuss Ende April 2017 den Entwurf des Durchführungsplanes der Zone für touristische Einrichtungen „Hotel Lindenhof“ genehmigt. Dieser Durchführungsplan, der passgenau auf das Lindenhofprojekt zugeschnitten ist, wird dann Gegenstand im Gemeinderat am 22. Mai sein.

Tatsächlich war es vor Jahren das hehre Bestreben der Gemeinde Naturns, politisch auch den kleineren Betrieben Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Auch dazu hat man vor 6 Jahren ein Tourismusentwicklungskonzept erarbeitet, mit dem Ziel, die rückläufige Anzahl von Betten wieder aufzustocken. Man hat von der Landesregierung eine Aufstockung um 600 Betten plus 80 Campingplätze gefordert und auch per Beschluss erhalten. Was auf dem Papier einleuchtend und vernünftig klingt, wird allmählich real sichtbar.
Denn vor allem die Hotels im 4-5-Sterne Bereich haben von dieser politisch und wirtschaftlich gewollten Entwicklungsmöglichkeit reichlich Gebrauch gemacht: die Hotels Prokulus und Sonnenhof haben einen gemeinsamen Zubau verwirklicht, das Hotel Preidlhof hat erweitert, das Hotel Feldhof... Nicht ohne Stolz hat die Gemeindepolitik diese Entwicklung mehr mitbegleitet als mitbestimmt. „Es sind Investitionen von einheimischen Unternehmern“, sagt BM Andreas Heidegger. Und die Mehreinnahmen über die Gebäudesteuer und über andere Abgaben fließen, so Heideggers Logik, wiederum in die Gemeindekasse und damit können andere, soziale und kulturelle Projekte etwa, mitfinanziert werden. Das komme allen Bürgern zugute.

Die Bauchschmerzen über den Hotelbau-Boom hielten sich in der Bevölkerung - bisher - in Grenzen. Warum auch? Der Tourismus ist in Naturns leuchtender Wirtschaftsmotor und Aushängeschild zugleich. 566.000 Nächtigungen im Vorjahr, mit den TEK-Daten umgerechnet sind das 63 Millionen Euro Jahresumsatz, von denen gut 12 Millionen Euro in Shopping und 7,5 Millionen Euro in Mobilität, Kultur und Sport fließen.
Zudem ist die Tourismusintensität (Nächtigung pro Einwohner) mit dem derzeitigen Faktor 100 deutlich niedriger als in den Tourismushochburgen Schenna (357) oder Dorf Tirol (296). Die Gäste sind also im Dorfgeschehen kaum spürbar. Da gibt es noch Luft nach oben.
Und nun werden in Naturns die Bauchschmerzen größer. Offen darüber reden will man nicht. Die meisten, mit denen der Vinschgerwind gesprochen hat, wollen ihren Namen nicht in der Zeitung genannt haben. „Um Polemiken zu vermeiden“, sagt einer davon. Es sind eigentlich der Bürgermeister, der Ausschuss und der Gemeinderat, die die Richtung vorgeben.

 

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