VinschgerWind

Vorreiter und Kriechspur

s7 4081Andreas Tappeiner ist seit 2011 Präsident der Bezirksgemeinschaft Vinschgau. Im „Wind-Gespräch“ spricht Tappeiner über den Zusammenhalt der Bürgermeister, über das leidige Thema Verkehr, über das SPRAR-Projekt, über die Müllproblematik, über das Thema Post und über den Marmorabtransport.

Vinschgerwind: Herr Bezirkspräsident, wir haben den Eindruck, dass es unter den Bürgermeistern des Tales kaum Zusammenhalt gibt.
Andreas Tappeiner: Das würde ich so nicht sehen. Jeder hat seine Gemeindeinteressen, welche er aufgrund seines Auftrages zu erfüllen hat. Es gibt durchaus Anliegen, die über die Kirchtürme hinaus gemeinsam angegangen werden.

Ob das die traditionellen Bereiche Abwasser, Abfall und Soziales sind oder neuerlich auch das SPRAR, der Polizeidienst, die technischen Dienste, die für eine Zusammenschau dienlich sind.

Vinschgerwind: Die institutionellen Aufgaben in der Bezirksgemeinschaft, die von den Gemeinden delegiert sind, müssen ohnehin zentral abgewickelt werden. Aber welche Themen werden von den Bürgermeistern gemeinsam angegangen und dann auch konsequent bearbeitet?
Tappeiner: Das Verkehrsthema beschäftigt uns schon seit längerem. Da wollen wir eine gemeinsame Lösung finden. Aber auch, wie schon erwähnt, der Polizeidienst, die technischen Dienste, die Hilfe bei öffentlichen Ausschreibungen. Diese Themen führen uns mehr zusammen, als sie uns trennen.
Vinschgerwind: Bleiben wir beim Verkehr. Wenn im Langes die Gäste kommen, wird es wohl wieder zu Staus durch den Vinschgau kommen. Hat man ein Konzept, dem entgegenzuwirken?
Tappeiner: Im vergangenen Jahr haben wir eine Überarbeitung bzw. eine Anpassung der Knoflacher-Studie in Auftrag gegeben. Die Knoflacher Studie ist mehr als 10 Jahre alt. Diese Anpassung soll den Fokus auf die Problematik Obervinschgau und darüber hinaus auf eine Verflüssigung des Verkehrs im Untervinschgau legen.
Vinschgerwind: Konkret?
Tappeiner: Wir wissen von den Verkehrszählungen, dass am Reschen täglich 5.000 Fahrzeuge gezählt werden, in Spondinig 10.000, in Latsch 15.000 und in Rabland 20.000 bis zu 30.000. In Spitzenzeiten wo mehr als 30.000 Fahrzeuge pro Tag den Untervinschgau passieren,  kollabiert der Verkehr. Konkret heißt eine Verflüssigung des Verkehrs im Untervinschgau, dass Bereiche geschaffen werden müssen, in denen ein Überholen möglich ist. Eine Kriechspur für langsamere Fahrzeuge würde ebenfalls zu einer Verbesserung beitragen.
Vinschgerwind: Wie kann man sich das vorstellen. Was heißt das? Welche Streckenabschnitte hat man da im Visier?
Tappeiner: Verkehrstechnisch würde es Sinn machen, wenn Streckenabschnitte in einem Abstand von 5 bis 10 Kilometer ausfindig gemacht werden. Heute ist es so, dass von Meran kommend von der Töll bis Latsch, kaum eine Überholmöglichkeit besteht. Diese Situation möchte man durch Überholmöglichkeiten verbessern, so dass langsamfahrende Verkehrsteilnehmer nicht einen Rückstau bis nach Meran bilden. Eine dritte Spur für Langsamfahrende, eine Kriechspur in Abschnitten, ist auch in Betracht zu ziehen.
Vinschgerwind: Apropos Knoflacher-Studie. Im Gemeinderat von Mals ist jüngst die Umfahrungsstraße von Tartsch Thema gewesen. Und zwar so, dass eine Bauleitplanänderung nicht möglich war, weil dann eine erweiterte Tourismuszone in den Bannstreifen dieser im Bauleitplan eingetragenen Umfahrungsstraße hineingekommen wäre. Ist die Umfahrung von Tartsch aktuell?
Tappeiner: Von Seiten der Gemeinde Mals ist die Umfahrungsstraße Tartsch kein Thema. Ich glaube auch, dass eine Umfahrung von Tartsch keine Gesamtlösung sein kann, weil damit nur eine kleine Ortschaft umfahren würde. Das Verkehrsproblem im Obervinschgau würde damit nicht gelöst.
Vinschgerwind: Wechseln wir in den sozialen Bereich. Das SPRAR-Projekt wird von der Bezirksgemeinschaft betreut. Die Gemeinden des Bezirkes Vinschgau sollten demnach insgesamt 126 Flüchtlinge aufnehmen. 82 Flüchtlinge sind in Mals und Schlanders bereits im Sog. CAS-System untergebracht. 44 Flüchtlinge wären noch aufzunehmen. Die Bezirksgemeinschaft hat im September vorigen Jahres ein SPRAR-Ansuchen für 25 Flüchtlinge genehmigt. Wo kommen diese Flüchtlinge unter?
Tappeiner: Laut unserer aktuellen Rechnung sind 120 Flüchtlinge aufzunehmen. 82 Flüchtlinge sind in Mals und in Schlanders untergebracht. Im SPRAR-Programm sollen 8 Flüchtlinge in Graun, 8 zusätzlich in Mals, 6 in Taufers und in Schluderns 4 untergebracht werden. Kürzlich ist das Dekret zur Genehmigung dieses SPRAR-Projektes eingelangt, so dass innerhalb der nächsten 45 Tage diese Gebäude bezugsfertig sein sollen.
Vinschgerwind: Die finanzielle Seite ist also genehmigt, die Gebäude werden hergerichtet und dann können die Flüchtlinge kommen.
Tappeiner: Ab sofort werden Informationsveranstaltungen in den Gemeinden anlaufen und kleine Adaptierungsarbeiten für die Bewohnbarkeit gestartet. Größere Umbauarbeiten sind nicht möglich, auch weil sie nicht finanziert werden.
Vinschgerwind: Haben die anderen Gemeinden keine Unterbringungsmöglichkeit für Flüchtlinge gefunden?
Tappeiner: Alle Gemeinden im Vinschgau haben sich bereit erklärt, bei SPRAR mitzumachen. Die Gemeinden haben die Koordination an die Bezirksgemeinschaft delegiert. Um das zu bewältigen, hat die Bezirksgemeinschaft zusätzlich Personal aufgenommen. Die Gemeinden haben sich dann auf die Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten gemacht, bei manchen ist es schneller, bei manchen weniger schnell gegangen. Die Gemeinden Kastelbell, Latsch, Martell und Laas werden bis Ende März verpflichtend Räumlichkeiten ausfindig machen. Denn dann ist der nächste Einreichetermin für eine neues SPRAR-Projekt. Ansonsten stehen diesen Gemeinden Kürzungen bei der Gemeindenfinanzierung ins Haus.
Vinschgerwind: Wann wird mit dem Eintreffen der Flüchtlinge gerechnet?
Tappeiner: Wir gehen davon aus, dass das Ende März sein wird.

Vinschgerwind: Themenwechsel. Welche Gedanken macht man sich in der Bezirksgemeinschaft über die Mülltrennung? Etwa beim organischen Müll oder bei der Tatsache, dass im Vinschgau viel Metall im Restmüll landet, wie es die Studie vom Amt für Abfallbewirtschaftung ergeben hat?
Tappeiner: Ich möchte die Studie des Amtes für Abfallbewirtscahftung nicht überbewerten. Der Vinschgau war und ist in der Abfallbewirtschaftung Vorreiter. Seit 1995 gibt es die getrennte Müllsammlung im Vinschgau. Die Gemeinden haben seither sehr viele Aktionen gesetzt um Wertstoffe aus dem Restmüll herauszuholen. Lassen Sie mich einige Zahlen nennen: Von den rund 15.000 Tonnen Müll, der pro Jahr im Vinschgu anfällt, bleiben „nur“ 5.500 Tonnen, welche in die Verbrennung nach Bozen gehen. 9.500 Tonnen sind verwertbare Stoffe. In meiner Anfangszeit als Bezirkspräsident (Tappeiner ist seit 2011 Präsident der Bezirksgemeinschaft Vinschgau Anm. d. Red.) hat man gesagt, dass Halbe-Halbe schon ein gutes Level ist. Heute sind wir bei Zweidrittel verwertbare Stoffe. Der organische Müll wird in den Gemeinden unterschiedlich gehandhabt: einige Gemeinden sammeln den Biomüll separat, in einigen Gemeinden kann der Biomüll im Recyclinghof abgegeben werden. Die Stoffe, die heute im Restmüll zu finden sind, bringen keine Probleme bei der Verbrennung mit sich und wir sind mit einem guten Energiewert dabei. Das heißt auch, dass die Abfallentsorgung für die Vinschger Bürger in den letzten Jahren nicht teurer geworden ist. Die Prognosen für die Verbrennung sahen anders aus. Das ist nicht eingetreten, dank auch optimaler Abläufe in der Zwischenlagerung im Wertstofflager in Glurns.
Vinschgerwind: Trotzdem. Ist nicht ein permanentes Optimierungsstreben gerade im Müllbereich vonnöten?
Tappeiner: Optimierung ja. Das zeigen auch die Zahlen. Aber man kann nicht  alles  trennen. Denn da wären die Kosten hoch und die Motivation bei den Bürgern würde sinken.
Vinschgerwind: Wenn 5,5 Tausend Tonnen Müll jährlich in die Verbrennungsanlage nach Bozen geführt werden, kann man sich da vorstellen, dass der Müllberg in Glurns allmählich kleiner wird?
Tappeiner: Nein, das ist nicht der Fall. Es waren schon ursprüngliche Gedanken, dass man den Müllberg abbaut. Diese Kosten wären ins Unermessliche gestiegen. Zudem wären die Geruchsbelästigungen in den Anliegergemeinden nicht vertretbar. Die Zusammensetzung des Mülls ist für die Verbrennung nicht optimal. Deshalb hat man eine zusätzliche Abdichtung des Müllberges vorgenommen, so dass keine Belastung für die Umwelt entstehen kann. Der Hügel wird begrünt und bleiben. Wir bauen zudem das Wertstoffzentrum in Glurns um, damit dort mehr Wertstoffe gesammelt werden können. Voraussichtlich im Herbst wird es in Betrieb gehen.
Vinschgerwind: Also doch Optimierungsgedanken?
Tappeiner: Sensibilisierung der Bürger trifft es besser. Durch Sensibilisierung erreicht man Optimierung.

Vinschgerwind: Neben den bisher genannten Themen gibt es auch eines, das die Bürger besonders berührt und auch nervt: Es gibt in einigen Gemeinden Probleme mit der Zustellung von Post. Geht die Problematik der Post bzw. des Postpersonals im Vinschgau an den Bürgermeistern vorbei?
Tappeiner: Wir kennen natürlich dieses Problem, leider können wir hier nicht selbst aktiv werden, weil es nicht in unsere Zuständigkeit fällt..
Vinschgerwind: ...politisch könnte man sehr wohl eingreifen...
Tappeiner: Es gibt sehr wohl Gespräche mit Albrecht Plangger. Und die Zusicherung des Landeshauptmannes, dass in jeder Gemeinde mindestens ein Postamt bleibt und auch dass der Zustelldienst vom Land übernommen wird.  Eine Verbesserung soll auch durch das zentrale Verteilerzentrum in Bozen  erreicht werden.

Vinschgerwind: Gehen wir in Ihre Gemeinde Laas. Dort kann man sagen, und ewig grüßt das Murmeltier: der Marmor. Hat man mit dem Landesrat für Wirtschaft LH Arno Kompatscher eine für Göflan und für Laas befriedigende Lösung für den Abtransport des Marmors gefunden?
Tappeiner: Es gibt intensive Gespräche auf politischer und auf technischer Ebene, etwa mit Ressortdirektor Unterweger, als auch mit dem ehemaligen Generalsekretär Berger. Man versucht einen neuen Ansatz. Für uns in Laas ist es wichtig, dass der Marmortransport über die Schrägbahn läuft. Es soll aber eine Kostengleichheit bei den Abtransportkosten geben. Es gibt auch den Ansatz eines gemeinsamen Konsortiums für den Abtransport, eine neutrale Stelle also.
Vinschgerwind: Ihre Ausführungen klingen so, als ob es noch lange Zeit für eine Lösung brauchen wird.
Tappeiner: Ich hoffe nicht lange. Aber kurzfristig sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels.

Interview: Erwin Bernhart

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