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VinschgerWind

„Deis isch Lumpengeld gweesn“

s17 0588Als schüchterne junge Frau war Hildegard Kuntner von ihren Schweizer Dienstherren als Kurierin benutzt worden. Erst Jahre später wurde ihr bewusst, dass sie einst ohne es zu wissen, Geldpakete über die Grenze geschmuggelt hatte.

von Magdalena Dietl Sapelza

Wie viele junge Vinschger Frauen der 1950 und 1960erJahre trat Hildegard ihre erste Arbeitsstelle in Solothurn in der Schweiz an. Ihre Tante, die dort arbeitete, hatte sie an eine Bäckerei vermittelt.

Der Start war nicht einfach. „Vom Schwyzertütsch hon i koa Ahnung kopp“, erklärt sie. Am ersten Tag sollte sie beim Metzger „Drü Vierli Gschnetzlets“ holen, hatte die Worte an der Theke aber bereits wieder vergessen. Ihr erster Versuch mit dem Fahrrad Brot auszuliefern, endete im Straßengraben. Doch es dauerte nicht lange bis sie alles im Griff hatte. Urkomisch fand sie, dass sie die Dienstbotin zweier Kinder war, die gleich alt waren wie sie. Ihr monatlicher Lohn betrug 150 SFR, 130 davon schickte sie heim. Nach drei Jahren in der Bäckerei trat sie in den Dienst eines Grenzkommissars im Schweizer Münstertal. Dieser betrieb eine Wechselbank und forderte von Hildegard absolute Schweigepflicht. Wenn sie sich nicht daran halte, sorge er dafür, dass sie nie mehr eine Arbeit in der Schweiz bekäme. Das wollte sie nicht riskieren und gehorchte. Die Hausherrin deckte sie sofort mit Arbeit ein und kontrollierte sie ständig. Stundenlang putzte sie Schuhe, schrubbte Wäsche, wischte Böden. In der Wechselstube herrscht ein oft verstohlenes Kommen und Gehen. Eines Tages erhielt auch Hildegard Zutritt. Auf dem Tisch lag ein Berg von zerknüllten Geldscheinen. Im Eiltempo sollte sie diese glattstreichen. „Lire, Schilling unt Schweizer Franken sein koane drunter geweesn, dia hat i kennt“, bekräftigt sie. Kurz darauf musste Hildegard auf der Fahrt in den Vinschgau ein Paket unter ihrem Pullover verstecken. Sie erhielt den strikten Befehl, das Paket bei einer Kontrolle als das ihre auszugeben. Bei Goldrain tauschte ihr Arbeitgeber das Paket gegen ein anderes aus, das Hildegard auf der Rückfahrt erneut verstecken musste. „I erinnere mi an fünf Fohrtn. Kontrolliert sein miar nia gwortn“, meint sie.“I hat miar aa nia denkt, dass eppas nit richtig isch“. Erst viele Jahre später erfuhr sie, dass der Grenzkommissar wegen Geldwäsche im Gefängnis gelandet war. „Deis isch  Lumpengeld gweesn“, entrüstet sie sich. Nach dem Abenteuer im Münstertal erhielt sie eine Stelle in einer Basler Kneipe angeboten, die von Markttreibern, Künstlern, Musikern… besucht wurde. Beim Vorstellungsgespräch an der Theke spürte sie plötzlich lauwarme Nässe. „A Marktfrau hots onafoch rinnen glott“, lacht Hildegard. Sie trat den Dienst an, sorgte für Ordnung und wurde schon bald zur Vertrauensperson der Inhaber. In der Bar lernte sie ihren späteren Ehemann Rolf Heid kennen. Ihm zuliebe kündigte sie, wurde zuerst Mitarbeiterin in einem Großhandel, dann bei einer Versicherung und schließlich umsorgte sie nur noch ihn und ihre zwei Söhne. Als diese aus dem Gröbsten heraus waren, betreute sie stundenweise Senioren. 1989 stieg sie in ihren Traumberuf ein und wurde Betreuerin in einer Kindertagesstätte. Berufsbegleitend absolvierte sie die Ausbildung zur Krippenleiterin. „I bin selbstbewusster gwortn unt hon oungfongen mein Leben zu leben“, sagt sie. Die Ehe hielt ihre Veränderung nicht aus. Es folgte die Trennung. „I bin vorher wie a Marionette gweesn. I hon mi nimmer gspürt, lei mehr funktioniert“, sagt sie. Sie baute sich einen Bekanntenkreis auf und begann Theater zu spielen. „Am liabst hon i naive Dubalan gspielt“, bekennt sie. Jede Veränderung, jedes Ereignis bringe etwas Gutes, wenn man es anfangs auch nicht verstehe. Dabei denkt sie unter anderem an ihre zwei Fahrradunfälle. In der Reha habe sie Menschen kennengelernt, die sie weiter gebracht hätten. Darunter war eine Frau aus Bari, deren Tochter im Wachkoma lag. Hildegard übernahm deren Betreuung und wertvolle Übersetzerdienste. „Dr Herrgott schickt mi olm an Stellen, wo man mi braucht“, sagt sie. Derzeit wird sie von ihrer alten Mutter gebraucht. Seit Hildegard in Pension ist, kommt sie regelmäßig nach Schluderns und löst ihre Schwestern bei der Betreuung der alten Dame ab. Ihre Kontakte zur Heimat hat Hildegard nie verloren. Und auch den Vinschger Dialekt beherrscht sie noch wie in der Zeit bevor sie in die Schweiz gezogen ist.

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