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Der „Meydi-Hermann“

s18 hermannGenüsslich im Liegestuhl sitzend, den Blick auf den nahestehenden Ortler gewandt, erzählt der Suldner Hermann Grutsch seine Lebensgeschichte.

von Cornelia Knoll

Wir sitzen gemeinsam vor seinem wunderschönen Haus in Sulden, welches seit 1970, Leben und Heimat von Hermann und seiner Familie ist.

Blumen in allen Farben und Formen zieren den liebevoll angelegten Garten und schmücken auch die Balkone dieses selbstgebauten Familienhäuschens.
„Ja“, sagt Hermann lächelnd, „ich bin wirklich stolz auf dieses Haus und darauf, dass wir es geschafft haben, trotz Not und Mühe, dies zu errichten.“ So ganz einfach war es nämlich nicht für den einstigen Stilfser Maurerbursch, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Jeder einzelne Quadratmeter Grund, auf dem sein kleiner Familienbetrieb nun steht, habe ihn 20 Stunden harter Mauerarbeit gekostet, erzählt er. Doch mithilfe seiner Frau Erna und vieler abendlich-nächtlicher Arbeit am eigenen Bau, wurde der Traum vom Familienheim endlich wahr.
Am 19.12.1973 konnte Familie Grutsch mit den Töchtern Angelika und Susi in 2 Räume des Hauses einziehen und ein erstes, wenn auch karges Weihnachtsfest feiern. Geld für große Geschenke war damals nicht mehr vorhanden und die Ansprüche dementsprechend klein. Doch eine große, geschenkte Pralinenschachtel rettete unerwartet das Fest und zauberte allen ein Lachen ins Gesicht, erinnert sich der nun 85-Jährige.
Neben den Mauerarbeiten im Sommer machte sich Hermann viele Jahre als tüchtiger Hausmeister im Hotel Eller und Hotel Marlet unersetzbar, während Ehefrau Erna die ausgebauten Gästezimmer im eigenen Häuschen bewirtschaftete.
„Arbeiten und Verantwortung tragen habe ich schon von Kindesbeinen an gelernt“, so der rüstige Rentner, der in Sulden nur „Meydi“ genannt wird.
Er erzählt von den armen Jahren in seiner 9 köpfigen Stilfser Ursprungsfamilie und dem Vater, der wegen der Armut jahrelang in Österreich arbeiten musste. Als zweitältester, musste Hermann, wie viele andere Kinder auch, bereits ab dem neunten Lebensjahr als Hirte dienen. In Begleitung seiner Mutter und Schwester stieg er jährlich im März durch Eis und Schnee die Scharte in Stilfs hinauf, um bei fremden Bauern auf dem Lande seine Arbeitsstätte zu finden.
“Na, Hoamwea honn i eigentlich nia kopp“, erinnert sich Hermann, der die vielen Sommermonate weitab von Heimat und Familie war und oft ohne Strom oder Heizung wohnen musste “.Miar isches olm recht guat pa die Bauern gongen und schließlich hatt i drhoam jo a lei orbaten gmiasst.“
Einmal musste er auf einer Alm 150 Ziegen hüten und konnte dafür jeden Tag bei einem der Ziegenbesitzer zum Essen kommen. Pro Ziege also…1 Tag Essen!
Bei einem anderen Bauern in Planeil verdiente sich der fleißige Stilfser für die monatelange Hirt und Knechtarbeit sechs Meter Loden, woraus 2 Paar Hosen für ihn geschneidert wurden.
„Sogor 2 Poor Knoschpen honn i selm kriag“, schmunzelt der 5 fache Großvater.“ Obr ofteramol bin i a pa ärmere Bauern gwesn, wo i mit a poor Paarlen und Goggelen honn zufrieden sein gmiast. Jeden 1. November dann, wenn die Arbeit getan war, kam Hermann zurück in sein Heimatdorf Stilfs und besuchte dort im Winter die Schule. Zuerst 2 Jahre lang nur die italienische Volksschule und irgendwann auch die Katakombenschule, welche heimlich in Stilfs eingerichtet war.
Jahre später; mit 22, schickte ihn ein Baumeister in die neue Berufsschule nach Mals. Dort erlernte Hermann den Beruf des Maurers und erwarb so eine wichtige Ausbildung für seinen weiteren Lebens und Arbeitsweg, der ihn durch ganz Südtirol führte.
1960 brachte ihn seine Maurertätigkeit nach Sulden ins Hotel Eller. Dort begegnete er als Vorarbeiter zum ersten Mal seiner späteren Ehefrau Erna. Sie und ihre Schwester Hilda waren dort im Gastbetrieb angestellt und unternahmen in ihrer Freizeit so manchen Ausflug auf Hermanns Vespa.
Seine junge hübsche Ehefrau (so Hermanns Worte), heiratete er im Mai 1964. Die Töchter Susi und Angelika vervollständigten das Familienglück und sorgten später für eine frohe Enkelschar, welche ihrem heißgeliebten „Neina“ immer zur Seite stehen.
So ganz einfach waren nämlich Hermanns Jahre auch nach seiner Pensionierung nicht. Mit 65 Jahren übernahm er mit viel Freude den Dienst des Messners in der Suldener Pfarrkirche und übte diese Tätigkeit für 15 Jahre aus. Doch dann machten ihm seine Knochen zu schaffen und ließen ihn das Ehrenamt abgeben.
Eine weitere schwere Krankheit folgte und forderte allen Überlebensmut vom Suldener Urgestein „Meydi“. Doch auch diese Hürde meisterte er mit viel Kraft und mit der Liebe seiner Familie.
Er habe auch nicht vor sich wieder einen Oberschenkel zu brechen, beteuert Hermann, augenzwinkernd. Schließlich hätten ihm die letzten 4 Jahre mit jeweils einem Knochenbruch, darauffolgenden Operationen und mehrwöchiger Rehabilitation vollkommen gereicht.
Auch habe er in der Reha sein gutes Glasl Wein, seinen Speck und a guates Paarlbrot vermisst. Dies gehöre zu einem gesunden Leben dazu und darf weder beim „Holbmittog noch beim Marend“ fehlen, verrät er lachend und schenkt sich genüsslich a Glasl Wein ein.

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