Ludwig Schöpf, pensionierter Lehrer und Experte für Zeitgeschichte der Gemeinde Graun, mit dem Bunkerschlüssel
Ludwig Schöpf, pensionierter Lehrer und Experte für Zeitgeschichte der Gemeinde Graun, mit dem Bunkerschlüssel

Bunkeranlage Reschen-Plamort Im Bauch der Vergangenheit

geschrieben von

Ludwig Schöpf, ein Experte der Zeitgeschichte seines Dorfes und Mitglied des Vereins „Oculus“ führt uns zum Bunker Nr. 20. Dieser Verein hat die Wehranlage für die Bevölkerung zugänglich gemacht.

von Andreas Waldner

Treffpunkt ist die Infotafel beim Sportplatz oberhalb von Reschen, die die „Historischen Grenzbefestigungen im Dreiländereck Italien-Österreich-s94 030Schweiz“ zeigt. An der Tafel sehen wir Alt-Finstermünz, ein Nadelöhr, das über die Jahrhunderte als Zollstätte und Grenzfestung verwendet wurde. An der orografisch rechten Seite vom Inn liegt Schweizer Territorium, links Österreichisches mit Sigmundseck und Klausenturm. Die erste Brücke haben die Römer gebaut. Die Brücke, die wir heute sehen, stammt aus dem Mittelalter und besteht aus einem Turm und einer überdachten Holzbrücke. Weitere Bilder zeigen Details der Bunker in der Talsohle und die Panzersperre Plamort. „Plamort“ heißt auf Rätoromanisch: toter Boden oder tote Ebene und wurde von den Faschisten fälschlicher Weise mit „piano dei morti, Ebene der (Kriegs-) Toten übersetzt. „Das ist eine historische Fälschung. Wir haben keine Möglichkeit, den Namen richtig zu stellen. Ich verwende den rätoromanischen Namen“ lässt Schöpf die Besucher wissen. Auf dem Weg zum Bunker halten wir an einer zweiten Tafel, die neun rot eingekreiste Bunker am Reschenscheideck und die schwarz eingekreisten Bunker auf Plamort graphisch darstellt. Obwohl Mussolini mit Hitler befreundet war, traute er der Sache nicht. Um eine Invasion Deutscher Truppen nach Italien zu verhindern, sicherte er zwischen 1936 und 1942 die Reschengrenze. Die Verteidigungsanlage entstand unter größter Geheimhaltung und bestand aus Bunkern, Gefechtsständen, Panzersperren, Kasernen und Nachschubstraßen. Spannend ist, dass die einheimische Bevölkerung nichts davon wusste, was hier neben und unter ihrem Dorf passierte. Die s94 2372Bauarbeiten wurden von Süditalienern durchgeführt – Einheimische waren daran nicht beteiligt.
Wir betreten nun den Bunker Nr. 20. Der Bunker ist teils in den Felsen gegraben und teils in Beton ausgeführt. Er hat eine Länge von ca. 270 m und eine begehbare Fläche von 450 m². Alles, was wir sehen, ist im Originalzustand mit Ausnahme der Elektroanlage. Diese musste komplett erneuert werden, um den gesetzlichen Bestimmungen zu entsprechen, damit Führungen gefahrlos angeboten werden können. 50 Mann konnten im Bunker stationiert werden. Weil sie während des Kampfeinsatzes den Bunker nicht verlassen konnten, gab es Lebensmittelrationen: Jeder bekam für 8 Tage einen 12 Liter Kanister Wasser, kalte Mahlzeiten und hochprozentigen Alkohol zugewiesen. Damit wollte man erreichen, dass sich die jungen Soldaten ausreichend Übermut antranken, um gedankenlos zu kämpfen. Zum Glück ist es an der Reschenfront nie dazu gekommen. Der damals verteilte Alkohol wäre heute verboten.

Etschquelle und der Bunker in der Felskaverne
Im Inneren des Bunkers Nr. 20 befindet sich bergseitig eine betonierte Wasserstube, vermutlich die „echte“ Etschquelle. Wir können dorthin nicht vordringen, aber wir hören es rauschen und sehen das Wasser durch Plexiglasrohre aus dem Bunker fließen. Die Gemeinde hatte wegen des s94 00941Sperrgebietes ein tiefergelegenes Rinnsal zur Etschquelle erklärt und als solche erschlossen. Verschiedene Schautafeln im ehemaligen Schlafraum der Soldaten klären die Besucher über die Bedeutung der Bunkeranlage im italienischen Verteidigungssystem, dem sogenannten Alpenwall- Vallo Alpino Littorio, sowie über dessen Funktion im Kalten Krieg auf. Wir sehen u.a. den Grenzzaun Italien-Österreich, die Kasernen in Langtaufers und den Weg nach Plamort. Diese sogenannte Kanonenstraße wurde 1934 gebaut, um oben die Verteidigungsanlage mit Panzersperre zu verwirklichen. Eine Kopie des originalen Bauplanes vom Bunker Nr. 20 zeigt uns, wo wir uns befinden. Der Bunker ist mit zwei Ein- und Ausgängen und mit 5 Maschinengewehrständen ausgestattet. Im Lebensmittelmagazin wurde unter Verschluss „die letzte Ration“ aufbewahrt. Die Offiziere hatte einen eigenen Schlafraum. Eine interessante Lichtsignalanlage diente dazu, mit dem nächsten Bunker mit Morsezeichen zu kommunizieren. Wir verlassen nun den Bunker, begeben uns zum neu gestalteten Etschquellareal und auf die Kuppe des Bunkers. Hier betrachten s94 0938wir fünf Lüftungsglocken, mit denen Frischluft in die Maschinengewehrstände angesaugt wurde. Und immer wieder sehen wir MG-Scharten, die über „Fensterläden“ verfügen. Eine Besonderheit ist die Tarnung. Es wurden teilweise ganze Felsblöcke nachgebaut und modelliert. In Spalten wurden Erde und typische Pflanzen gesetzt, so dass die Bunker nach kurzer Zeit perfekt in die Umgebung integriert waren. Zu guter Letzt erfahren wir, dass das Land der Gemeinde Graun bereits vor einiger Zeit ein 30-jähriges Nutzungsrecht der Anlagen zugestanden hat. Als Teil des „Alpenwalls“ sind die Bunkeranlagen und die Panzersperre auf Plamort im Dreiländereck Italien, Österreich und Schweiz heute ein eindrucksvolles historisches Zeugnis jener Zeit und bilden mit dem Museum Altfinstermünz ein grenzübergreifendes Kulturprojekt. Die Besucher sind eingeladen, die einstigen Grenz- und Verteidigungsanlagen zu besuchen bzw. sie zu erwandern.

s94 0283 s94 00945 s94 00952

 

Führung im Bunker
Nr. 20 – Etschquellbunker

Anmeldung erforderlich
Tourismusbüro oder
+39 0473 633101
info@reschenpass.it
Veranstalter Ferienregion Reschenpass
Preise 5,00 €

Gelesen 519 mal

Schreibe einen Kommentar

Make sure you enter all the required information, indicated by an asterisk (*). HTML code is not allowed.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok