Dienstag, 09 Juni 2020 07:43

Alles braucht seine Zeit

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30 Jahre wurde gekämpft bis 1906 die alte Bahn fuhr, 15 Jahre nach der Schließung fuhr die neue Bahn erstmals am 05.05.2005  und nun, nach 15 erfolgreichen Jahren wird die Bahn elektrifiziert. 30 Jahre wurde gekämpft bis 1906 die alte Bahn fuhr, 15 Jahre nach der Schließung fuhr die neue Bahn erstmals am 05.05.2005 und nun, nach 15 erfolgreichen Jahren wird die Bahn elektrifiziert.

Gut Ding braucht Weile“, dieses alte Sprichwort bedeutet, dass alles, was gut werden soll, auch seine Zeit braucht. Große Dinge brauchen Jahre und Jahrzehnte, müssen oft auch Rückschläge hinnehmen, bis sie reifen und dann umgesetzt werden. „Dreißig Jahre wartet Tirol nun schon auf die Geburt dieses Sehnsuchtskindes, von dessen Ausbau, dessen tatkräftigen Einfluss auf das wirtschaftliche Leben Tirols durch die Steigerung des Fremdenverkehrs sowohl, als auch durch die Ausfuhr und Bewertung verschiedener Produkte Westtirols Großes zu erhoffen gewiss berechtigt ist.“ So schreibt F. W. Ellmenreich in einer Beilage zur „Meraner Zeitung“ am Vortag zur Eröffnung der Vinschgau-Bahn am 1. Juli 1906. Im Jahre 1894 verfasste der Rechtsanwalt und spätere Bürgermeister von Schlanders, Dr. Josef Tinzl, (Vater des späteren Senators Dr. Karl Tinzl) eine verkehrspolitische Studie über „Die Vinstgauer-Bahn“. In seiner 70 Seiten umfassenden Schrift wird die Geschichte der Bahnidee nachgezeichnet und ausführlich werden die verschiedenen Argumente für die Wichtigkeit dieser Bahn aufgeführt. Neben vielen Plänen, gab es auch Vorsprachen und parlamentarische Initiativen in Wien und Beschlüsse im Tiroler Landtag. Tinzl schreibt, dass der Stadtmagistrat und die Handels- und Gewerbekammer in Bozen, sowie der Stadtmagistrat und die Curvorstehung Meran Petitionen an das hohe k.u.k. Handelsministerium um möglichste Förderung dieses Projektes fassten. Viele Gemeinden schlossen sich diesen Petitionen an.

1891: die erste Kundgebung
im Vinschgau,
1906: Eröffnung der Vinschgerbahn

Am 1. März 1891, 15 Jahre vor der Eröffnung, gab es eine Kundgebung in Laas. Höchstwahrscheinlich war dies die erste Kundgebung, die erste Bürgerversammlung im Vinschgau. Diese Kundgebung war auch der Grund für das Verfassen der Studie, welche Tinzl aber erst drei Jahre später abschloss und veröffentlichte. Auf Seite 6 der Studie schreibt Tinzl: „Geradezu grossartig aber war die Kundgebung der bäuerlichen Bevölkerung Vinstgaus, welche am 1. März 1891 in Laas stattfand. Diese Versammlung war von fast sämmtlichen Gemeindevertretern und massgebenden Persönlichkeiten des ganzen Vinstgaus, im Ganzen von circa 200 Personen besucht, welche sich einstimmig dahin aussprachen, dass die Idee einer Bahnverbindung Meran-Landeck als eine Lebensfrage für das ganze Vinstgau begrüsst werden müsse, und welche ein siebengliedriges Comité zur Förderung dieser Idee eisetzten“. Am 29. Juni 1891 wurde von Vertrauensmännern des Oberinnthales in Hochfinstermünz eine Versammlung einberufen, welche von fast allen Gemeindevorstehern von der Haide bis Landeck, im Ganzen von circa 60 Personen besucht war, die sich im gleichen Sinne aussprachen und ebenfalls ein Aktionskomitee wählten. Tinzl betonte die internationale Bedeutung der Bahnlinie Meran – Landeck als kürzeste Verbindungslinie zwischen dem adriatischen Meer, Ungarn und den Donauländern einerseits und Westeuropas andererseits. Betont wurde die Bedeutung der Vinschgaubahn als zweite Nord-Süd-Verbindung neben der Brennerbahn bei Ausfall derselben. Das zweite Argument war die strategische Bedeutung der Bahn. „Aus diesem Gesichtspunkt muss eine Bahn von Meran nach Landeck auch als ein wesentlicher Bestandtheil unserer nationalen Landesverteidigung angesehen werden“ (S. 18). Erst später wurde die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bahn hervorgehoben, besonders die Bedeutung für die Landwirtschaft, für den Handel und die Industrie, besonders den Marmortransport und für den Fremdenverkehr. Nachdem 1881 die Bahnstrecke Bozen – Meran eröffnet wurde, war ein Weiterbau nach Landeck nicht ganz unrealistisch. Doch erst 15 Jahre nach der Kundgebung in Laas und 30 Jahre nach den ersten Bemühungen um eine Bahnverbindung, ging die Bahn in Betrieb. Aber nicht bis Landeck, sondern nur bis Mals. Ursprünglich sollte sie nach den Plänen der Bozner Bankies E. Schwarz & Söhne sogar nur bis Schluderns führen.

Nach der Schließung 1990 kam es am 05.05.2005 zu einem Neubeginn

„Seit nunmehr vielen Jahren haben wir Vinschger uns daran gewöhnen müssen, in gewissen Zeitabständen nach Art einer psychischen Kneippkur von Gerüchten und halboffiziellen Ankündigungen über eine bevorstehende Auflassung unserer Eisenbahn aufgeschreckt zu werden.“ So beginnt ein Dolomitenartikel von Heinrich Kofler, dem späteren Bürgermeister von Schlanders, welchen Kofler zum 80-jährigen Jubiläum der Vinschgerbahn am 5. Oktober 1985 verfasste. Auch die Organisatoren der Jubiläumsfahrt, neben der Umweltschutzgruppe Vinschgau auch Bauern- und Wirtschaftsverbände, Sozial- und Jugendverbände, die Bezirksgemeinschaft und die Gewerkschaftsbünde, schrieben in der Einladung: „… Heute besteht für die Vinschgauer Eisenbahn die Gefahr, daß sie aufgelassen wird. Das Schienennetz ist teilweise veraltet, die Brücken sind für den Gütertransport zu schwach, die Fahrzeit ist zu lang. Zu wenig Einheimische und Gäste benützen sie als Verkehrsmittel, obwohl sie nur rund die Hälfte kostet wie die Autobuslinie. Für den Güterverkehr kann diese Eisenbahn überhaupt nicht mehr verwendet werden…“ Bereits ein Jahr danach wird die Vinschgerbahn mit Dekret des Präsidenten der Republik vom 19.11.1987 Nr. 527 aus dem Netz der Staatseisenbahnen gestrichen und als sogenannter „ramo secco“, „dürrer Ast“ zur Regionalbahn klassifiziert. Damit war klar, dass nur das Land die Bahn weiterführen konnte. Im Juni 1990 wurde der Bahnbetrieb endgültig eingestellt, nachdem zuvor immer weniger Züge fuhren und in den Sommermonaten der Zugbetrieb ganz eingestellt wurde. Zu Schulbeginn im September 1990 kam nur mehr die telegraphische Mitteilung, dass der Zugbetrieb endgültig eingestellt ist.

15 Jahre Stillstand – nach 15 Jahren Betrieb kommt es zur Elektrifizierung

Bereits am 28.10.1988 gab es einen ersten einstimmigen Beschluss der Bezirksgemeinschaft Vinschgau zur Erhaltung der Eisenbahnlinie Meran – Mals. Am 28.09.1990 folgte ein weiterer einstimmiger Beschluss der Vollversammlung der Bezirksgemeinschaft und ein weiterer Beharrungsbeschluss wurde am 09.06.1994 gefasst. Im Jahre 1988 beauftragte die Bezirksgemeinschaft Ing. Hansjakob Bernath aus Zürich mit der Ausarbeitung einer Machbarkeitsstudie. Bernath spricht sich dabei für die Erhaltung der Bahn aus und macht mehrere Vorschläge zur Neugestaltung des öffentlichen Verkehrsnetzes im Vinschgau. 1991 wurde ein Initiativkomitee eingerichtet, das sich monatlich mit den Verantwortlichen der SAD und dem zuständigen Landesrat traf. Mit Dekret Nr. 129/5 vom 23.11.1992 erteilte das Assessorat für das Transportwesen an die SAD die Konzession für die Bahnlinie Meran-Mals. Im Artikel 6 dieses Dekretes wurde festgelegt, dass die Bahnlinie nach den Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten am 30.06.1996 eröffnet wird. Heute wissen wir, dass es erst am 05.05.2005 dann soweit war. Viele technische, rechtliche und vor allem politische Probleme waren zu überwinden. Sowohl auf Landesebene, als auch im Vinschgau gab es immer wieder Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Bahnlinie. Die Bahn sollte durch Busse ersetzt werden. Es gab viele Stellungnahmen, Initiativen, offene Briefe an römische Minister und an die Landesregierung. Die Wirtschaftsverbände stellten sich nicht gegen die Bahn, aber der Ausbau der Straße hatte für die Wirtschaft Vorrang. Die Tourismustreibenden schlugen vor, auf der Bahntrasse einen Radweg zu machen. Als klar wurde, dass von römischer Seite keine finanziellen Mittel bereitgestellt würden, forderte der Landeshauptmann mit einem Schreiben vom 28.03.1994 an alle Anliegergemeinden eine Kostenbeteiligung am jährlichen Bahndefizit. Damit begann eine neue Grundsatzdiskussion. Auch die Sanierung des Joseftunnels führte zu Unsicherheiten und Verzögerungen. Schlussendlich wurden die Geleisanlagen erneuert, viele Bahnübergänge aufgelassen, die Bahnhöfe restauriert, ein modernes und einladendes Rollmaterial angekauft, Zubringerdienste aufgebaut und ein Taktfahrplan eingerichtet. Und heute, 15 Jahre nach der Wiedereröffnung, wird an der Elektrifizierung der Bahn gearbeitet. In einer Pressemitteilung des Landes vom 17.09.2015 meint damals der zuständige Landesrat Mussner: „Die Wiederinbetriebnahme der Vinschger Bahn im Jahre 2005 hat im Vinschgau und weit darüber hinaus eine neue Begeisterung für das Bahnfahren ins Rollen gebracht, dass es jetzt Zeit für den nächsten großen Schritt ist, um die Vinschger Bahn für die heutigen und künftigen Anforderungen zu rüsten.“ Ob die Zeit bereits reif für einen Anschluss nach Österreich oder in die Schweiz ist, ist noch unklar. Sicher ist nur, dass es sich für all jene gelohnt hat, welche 15 Jahre für eine neue Bahn gekämpft haben. Aber es war auch gut, dass nicht alle gleich Hurra geschrien haben. Große Projekte brauchen viel Zeit, viele Förderer, aber auch Zweifler. Denn: „Wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind“, meint der große Philosoph Teilhard de Chardin. So ist es auch mit den vielen neuen Bahnprojekten, die besonders in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten vorgelegt wurden.

Heinrich Zoderer

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