„Die Olympia-Erfolge haben einen besonderen Wert“

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Gustav Thöni zählt zu den erfolgreichsten Skirennläufern der Welt. In den 1970er Jahren gewann er viermal den Gesamt-Weltcup. Fünfmal wurde er Weltmeister. Bei olympischen Spielen eroberte er eine Gold- und zwei Silbermedaillen. Im Februar 2021 feierte er  seinen 70. Geburtstag. Heute umsorgt er seine Gäste im Hotel „Bella Vista“ in Trafoi.

von Magdalena Dietl Sapelza

Es war ein Empfang, der seinesgleichen sucht. Nach den Olympischen Spielen in Sapporo im Februar 1972 wurden der Gold- und Silbermedaillengewinner Gustav Thöni gemeinsam mit seinem Cousin, dem Bronzemedaillengewinner Roland Thöni, in roten Cabriolets durch den Vinschgau geleitet. In jedem Ort von Lana bis Trafoi spielten Musikkapellen auf. Menschenmengen jubelten den Skirennläufern zu. Die Begeisterung war grenzenlos. Die beiden jungen, erfolgreichen Athleten waren der Schwarm vieler Frauen. Beim Stopp in Sponding gratulierte eine junge Frau mit einem Blumenstrauß. Was damals kaum jemand wusste, es war Gustavs Freundin und heutige Ehefrau, Ingrid Pfaundler, die sich dezent im Hintergrund hielt. Er hatte sie zwei Jahre zuvor kennengelernt.
„Jeder einzelne Sieg hat mich gefreut, doch die Olympiaerfolge haben einen ganz besonderen Wert“, erklärt Gustav. Zu seinen besonderen Höhepunkten zählen auch die fünf Weltmeistertitel. „Olympiaden und Weltmeisterschaften sind einmalige Ereignisse, bei denen alles stimmen und bei denen man auch Glück haben muss“, betont er. Doch dass er nicht nur Glück hatte, sondern auch großes Können bewies, unterstreichen seine vier Gesamt-Weltcupsiege. Jede Heimkehr mit einer Kristallkugel wurde gefeiert und die Rückkehr von den Weltmeisterschaften, so nach jener 1974 in St. Moritz, wo er zwei Goldmedaillen eroberte. Unvergessen bleibt sein Siegeslauf durch die Slalomstangen als Siebter des ersten Laufes. Die Südtiroler waren stolz auf ihren Gustav, die Italiener auf ihren Gustavo. Er war Vorbild für seine Kollegen in der italienischen Nationalmannschaft, die ihm nacheiferten und als „Valanga Azzurra“ große Erfolge einfuhren.

Gustavs Skikarriere begann am kleinen Schlepplift neben der Kirche in Trafoi. Bereits im Alter von vier Jahren schnallte er sich seine Holzbretteln an, die ihm sein Vater gebastelt hatte, und gesellte sich zu den anderen jungen Skifahrern. „Die älteren Buben haben das Skifahren vorgemacht, und wir haben es nachgemacht“, erzählt er. Als Torstangen dienten Haselnussstöcke, die es geschickt zu umfahren galt. Im Sommer trainierte er mit seinem Vater Georg, der Skilehrer war, am Stilfserjoch. Gustavs Talent blitzte auf, als er die ersten Rennen für den Skiclub Trafoi bestritt. 1965 gewann er das Topolino Rennen am Monte Bondone. Das Training und den Schulbesuch brachte er geschickt unter einen Hut. Entgegen kam ihm später auch die Zugehörigkeit zur Sportgruppe der italienischen Finanzwache.
Im Dezember 1969 eroberte Gustav seinen ersten Welcupsieg im Riesentorlauf in Val d‘ Isere. Als Favorit ging er bei der WM in Gröden an den Start, denn kurz zuvor hatte er zwei Riesentorläufe in Madonna di Campiglio gewonnen. „Aber der Favorit ist schnell weg gewesen“, schmunzelt er. Er entschädigte seine Fans zwei Jahre später mit seinem ersten Weltpokalsieg.

Seine Freundin Ingrid fieberte versteckt mit. Erst bei der WM in St. Moritz wurde ihre Beziehung zu Gustav öffentlich. „Es waren vor allem die italienischen Journalisten, die sie belagerten“, erzählt er. Und sie meint. „Dass Gustav so im Rampenlicht steht, hat mich gestört.“ Doch sie musste damit zurechtkommen. Viele Augen waren 1975 bei der Abfahrt in Kitzbühl auch auf Ingrid gerichtet, wo sie Gustavs sensationellen Lauf mitverfolgte. Bis auf eine Hunderstel Sekunde kam er an den Favoriten Franz Klammer heran.
Monate später wurde die Hochzeit von Gustav und Ingrid mit einem rauschenden Fest im Kursaal von Meran gefeiert und zu einem Medienereignis.
Das Paar bezog ihr Haus in Prad. Dieses füllte sich nach und nach mit dem Lachen der drei Töchter Petra, Susanne und Anna. Ingrid verfolgte die Rennen ihres Mannes nun meist vor dem Fernseher. Zweites Zuhause war Gustavs elterliches Hotel „Bella Vista“ in Trafoi. 

1980 beendete Gustav seine aktive Skikarriere. Anschließend engagierte er sich im italienischen Skiverband, war Cheftrainer, Verbindungsmann zwischen der Herren- und Damenmannschaft und Mitglied der FISI (Federazione Italiana Sport Invernali). Gustav begleitete die Entwicklung des Skimaterials. Taillierte s56 thoeniSkier lösten die geraden ab, die starren Torstangen wurden durch bewegliche Kippstangen ersetzt. „Mit Stangen aus meiner Zeit, wäre der Slalom heute bei jeder Fahrt abgeräumt“, lacht er.
Sieben Jahre lang war Gustav persönlicher Trainer des italienischen Skistars Alberto Tomba. Mit ihm erreichte er zahlreiche Erfolge (Gesamtweltcup, zwei WM-Titel, einen Olympiasieg). „Tomba war ein Ausnahmekönner, der eine auf ihn zugeschnittene spezielle Betreuung gebraucht hat“, erklärt Gustav. „Wir sind immer auf ihn eingegangen.“ 2006 zog sich Gustav ins Privatleben zurück.

Heute ist Gustav oft als Frühstückskoch für seine Gäste im „Bella Vista“ in Trafoi anzutreffen. Das Hotel wird als Familienbetrieb von seiner Tochter Petra geführt. Gustav und Ingrid helfen regelmäßig mit. „In Prad wohnen wir, und hier dürfen wir arbeiten“, scherzt er. Viel Zeit nehmen sie sich für ihre elf Enkelkinder.
Es sind vor allem Italiener, die ihren Gustavo umschwärmen und es als besondere Ehre empfinden, von ihm persönlich bedient zu werden. Sein Bekanntheitsgrad ist nach wie vor groß. Der Glanz seiner großen Skisportzeit strahlt weiter.
Gäste und Einheimische schätzen Gustav nicht nur wegen der sportlichen Erfolge sondern auch wegen seiner freundlichen Bescheidenheit, seiner eleganten Zurückhaltung, wegen seines trockenen Humors.
Gerne führt er seine Besucherinnen und Besucher durch die Galerie im „Bella Vista“ mit Erinnerungsstücken, die seine außergewöhnliche Sportlerkarriere nachzeichnen. Darunter sind die Olympiamedaillen und die vier Kristallkugeln. Viele Zeitungsberichte wecken Erinnerungen an einzigartige und unvergessene sportliche Momente, so wie auch an den einstigen Empfang der beiden Thönis nach den Olympia-Erfolgen in Sapporo.  

 

Erfolge:

Olympischer Winterspiele
Gold Sapporo 1972 Riesentorlauf
Silber Sapporo 1972 Slalom
Gold Innsbruck 1976 Kombination
Silber Innsbruck 1976 Slalom

Alpine Weltmeisterschaften
Gold St. Moritz 1974 Riesenslalom
Gold St. Moritz 1974 Slalom

Weltcup
Einzelweltcupsiege 24
Gesamtweltcupsiege
1970/71, 1971/72, 1972/73, 1974/75

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