„Mit a Zumm afn Buggl...“

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Martina Schiefer Riedl, die „Pastelwieser Martha“, Jahrgang 1932, Prader Berg. Sie hat 12 Enkel und 20 Urenkel: „Haint isch gonz a ondre Welt. Di Jungen hobm haint olz. I hon nicht Guats kopp.“ Martina Schiefer Riedl, die „Pastelwieser Martha“, Jahrgang 1932, Prader Berg. Sie hat 12 Enkel und 20 Urenkel: „Haint isch gonz a ondre Welt. Di Jungen hobm haint olz. I hon nicht Guats kopp.“

Frau Martina, genannt Martha, feierte am Martinstag ihren 91. Geburtstag. In geistiger Frische erzählt sie aus ihrem Leben, vom Tod ihrer drei Geschwister, vom Brand auf „Pastelwies“ am Prader Berg, vom Wiederaufbau des Heimathofes, von harter Arbeit daheim und in den Dienststellen.

von Magdalena Dietl Sapelza

Noch bis vor zwei Jahren wanderte Frau Martina zwei bis dreimal in der Woche von ihrem Hof hinunter nach Prad und wieder zurück. Nur hie und da nahm sie Mitfahrgelegenheiten in Anspruch. „Zfuaßgean bin i gweint gwesn“, meint sie.
Martha wurde als „lediges Kind“ in Tschengls geboren und blieb bis zu ihrem vierten Lebensjahr in der Obhut ihrer Großeltern. Ihre Mutter arbeitete als Magd, bis sie den Bauern auf „Pastelwies“ heiratete und ihre Tochter dorthin mitnahm. Der Ziehvater hatte selbst eine gleichaltrige Tochter. Gemeinsam besuchten die Mädchen die mehrklassige Volksschule in „Vernair“. Sie teilten sich ein Paar Sonntagsschuhe. „Oan Sunnta bin i Kirchn gongan, in ondern sie“, erzählt Martha. Vier Stiefgeschwister erblickten das Licht der Welt. Alle ereilte ein tragisches Schicksal. Der Bruder verlor mit 14 Jahren sein Leben im Suldenbach, die zweijährige Schwester starb nach einer Beeren-Vergiftung, der jüngste Bruder Sepp kam mit einer Beeinträchtigung zur Welt. Martha spendete Trost, wenn die Mutter weinte, und packte nach Kräften überall an. In eisigen Wintern holte sie Wasser vom nahen „Sprenghof“. Denn der Wasserhahn ihres Hofes versiegte regelmäßig nach den ersten Minusgraden. „Mit a Zumm afn Buggl unt zwoa Kondlan bin zwoamol in Tog um Wossr gongan.“ Viel Wasser benötigten vor allem die fünf Kühe, die Jungrinder, Schafe und Schweine. Die Familie erwirtschaftete alles, was sie an Nahrungsmitteln brauchte, von Milch, Fleisch, Kartoffeln bis hin zu Getreide. Martha arbeitete auch auf Nachbarshöfen. Denn es war so üblich, dass man sich gegenseitig half. „Olm orbatn, um an Vergelt’s Gott unt a pissl Essen“, sagt sie. Als Jugendliche schlich sie sich hie und da heimlich nach Prad zum Tanzabend beim „Gapp“. „I hon fir mai Leben gearn tonzt“, verrät sie. Für die unbeschwerten Stunden in fröhlicher Runde nahm sie die Schelte ihres strengen Ziehvaters in Kauf, wenn er ihr Fortgehen bemerkt hatte. Doch zum Ausgehen blieb ihr wenig Zeit. Im Sommer arbeitete sie daheim, im Winter als Magd auf Höfen oder in Gastbetrieben der Umgebung. Die Arbeitstage umfassten meist 15 bis 16 Stunden ohne Pause. Den Lohn gab sie daheim ab. Am 25. Februar 1952 befand sie sich in Prad, als auf „Pastelwies“ dicker Rauch aufstieg. Sie lief los und stand kurz darauf vor der glimmenden Brandruine ihres Heimathauses. Eine Welt brach zusammen. Unterschlupf erhielt die Familie auf dem „Sprenghof“. Alle Kräfte wurden gebündelt und der Hof wieder aufgebaut. Martha trug die schweren Kübel mit Mörtel und schleppte Ziegel von Prad herauf. In Dienststellen verdiente sie Geld, um die Handwerker zu bezahlen. Im Alter von 24 Jahren wurde Martha schwanger. „I hon zearsch nit verstondn, wos mit miar lous isch“, meint sie. Sie brachte eine Tochter zur Welt. Damit sie weiterhin Geld verdienen konnte, blieb das Kind in der Obhut ihrer Mutter. Drei Jahre später kehrte sie mit der zweiten Tochter von ihrer Dienststelle nach Hause zurück. „I hon miar selm mitn Poppale foscht nimmr hoam traut“, verrät sie. Doch ihre Sorge war unbegründet. Ihre Mutter kümmerte sich auch um diese Kleine. „I hon weiter gorbatet, um di Pappa z` kafn“, betont sie.
In Sulden lernte sie Josef Riedl (Jg. 1921) vom Lichtenberger Berg kennen, der sie 1962 heiratete und zu ihr auf den Hof zog. Ein Jahr später schenkte sie ihm ihre dritte Tochter. Martha übernahm den Hof und die damit verbundene Arbeit. Ihr Mann und ihre Töchter unterstützten sie. Mit dem Kuhgespann brachten sie das Heu ein und pflügten die Äcker. Sehr mühsam war die Getreideernte. „Bis ma s’Broat afn Tisch kopp hot, hots a morts Orbat gebm“, sagt sie. Und wieder schlug das Schicksal zu. Martha verlor ihre 40-jährige Schwester an Herzversagen.
Maschinen hielten auf dem Hof erst Einzug, nachdem die zweitgeborene Tochter Gisela im Frühjahr 1999 den Hof übernommen hatte. Im Herbst desselben Jahres starb Marthas Mann nach einem Schlaganfall.
Mittlerweile hält ihr Enkel Thomas die Zügel im Hof in den Händen. Er hat für sich und seine Familie neben der alten Hofstelle ein neues Haus gebaut. Martha wohnt zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Sepp im alten Haus, umsorgt von Tochter Gisela. Zu Fuß schafft es Martha nicht mehr ins Tal. Nach Prad wird sie nun gefahren, wenn sie möchte.

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