Völkerwanderungen
Wir mögen Völkerwanderungen. Solange diese Wanderungen als geldbringende Touristenströme daherkommen und solange die Gewissheit besteht, dass die eingefallenen Horden auch wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren, solange mögen wir Völkerwanderungen. Mit jenen, die hier bleiben, die sich ein Domizil kaufen, kommen wir zurecht, solange deren Zahl überschaubar bleibt. Wenn das Gefühl in der Gesellschaft überhandnimmt, dass die Zahl, die sich hier wohnlich niederlässt, eine Schwelle überschritten hat, dann schimpft man das als Ausverkauf der Heimat. Und beim Schimpfen bleibt’s dann auch. Das alles sind willkommene Völkerwanderungen, die auch in unserer Gesellschaft für große Veränderungen - im Guten wie im Schlechten - geführt haben und weiterhin dafür sorgen werden, so wie es in der Geschichte Völkerwanderungen bewirkt haben.
Anders ist es mit jenen, die zu uns als Flüchtlinge, als Schutzsuchende gekommen sind. Offenbar ist es so, dass die Flüchtlinge in der Gesellschaft geduldet werden, solange sie arbeiten und ansonsten Ruhe geben. Schon prekäre Wohnverhältnisse von Flüchtlingen werden kaum mehr wahrgenommen. Allerdings beginnt ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung sein Unbehagen auf politischem Wege zum Ausdruck zu bringen und zwar in Richtung rechtem Rand, in Richtung „Ausländer raus“. Das ist gefährlich. Wir brauchen nämlich diese zweite Völkerwanderung, damit die erste bedient werden kann.