Institut für Allgemeinmedizin
Bildschirmzeit und Gesundheit: Was Südtiroler Kinder und Jugendliche wirklich brauchen
Eine Erhebung, zwei Analysen
Im Frühjahr 2025 führte das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen im Rahmen der Langzeitstudie „Corona und Psyche Südtirol“ (COP-S) eine repräsentative Online-Befragung durch, die sich an Eltern von Schüler:innen aller Südtiroler Schulen richtete. Über 40.000 Familien wurden eingeladen, daran teilzunehmen. Aus dieser einen Erhebung gingen zwei Analysen zum Thema Mediennutzung hervor: eine auf Basis der Elternantworten zu über 5.800 Schulkindern zwischen 6 und 17 Jahren, die andere auf Grundlage der Selbstangaben von fast 1.600 Jugendlichen zwischen 11 und 19 Jahren zu ihrem Internetverhalten. „Die Zahlen sind aufschlussreich: Fast neun von zehn Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren verbringen in ihrer Freizeit täglich mehr als zwei Stunden mit digitalen Medien. In der jüngsten Altersgruppe (6–9 Jahre) ist das nur bei etwa einem von acht Kindern der Fall“, erklärt Dr. Verena Barbieri, Leiterin der Studie und Biostatistikerin am Institut.
Problematische Internetnutzung: Wer ist stark gefährdet?
Im Kontext der COP-S-Studie wurde auch die sog. problematische Internetnutzung (PIU – Problematic Internet Use) untersucht – ein Nutzungsmuster, bei dem die Internetnutzung das Leben beeinträchtigt. „Konkret bedeutet das, dass sich jemand nicht vom Handy, Tablet oder Computer lösen kann und das Online-Sein wichtiger wird als andere Alltagsaktivitäten“, betont Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Forschungskoordinator des Instituts. Zentral ist: Nicht Herkunft, Schulform oder Familienstruktur sind ausschlag-gebend für problematische Internetnutzung, sondern vor allem das seelische Wohlbefinden. Jugendliche mit Hinweisen auf Angst- oder Depressionssymptome zeigen deutlich häufiger problematische Nutzungsmuster. „Das Internet dient hierbei oftmals als Bewältigungsstrategie für belastende Gefühle, wobei der Zusammenhang wechselseitig sein kann: Exzessive Nutzung kann psychische Belastung ihrerseits verstärken. Mädchen nutzen es häufiger zur Stimmungsregulierung als Jungen. Mit dem Alter nehmen die Problemwerte zu. Gleichzeitig wirkt familiäre Unterstützung schützend“, so Wiedermann.
Was bedeuten die Daten für Familien in Südtirol?
Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass pauschale Aussagen wie „Weniger Bildschirmzeit ist immer besser!“ zu kurz greifen. Entscheidend für den Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Gesundheit sind das Alter des Kindes, die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und das seelische Wohlbefinden. „Während für Kinder zwischen 6 und 9 Jahren weniger Bildschirmzeit tatsächlich besser ist, gilt für Jugendliche zwischen zehn und 13 Jahren: Weder sehr viel noch sehr wenig Bildschirmzeit ist günstig – wichtiger ist eine offene, vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Für Jugendliche ab 14 Jahren können gemeinsam vereinbarte Regeln zur Bildschirmzeit dazu beitragen, die Schlafdauer zu verbessern und das psychische Wohlbefinden zu stärken“, so Dr. Barbieri.
Sind Eltern-Apps sinnvoll?
Viele Eltern setzen auf sogenannte technologiebasierte Elternschaft und nutzen Apps wie Apple Family Sharing oder Google Family Link, um Bildschirmzeit zu begrenzen oder Inhalte zu sperren. Insgesamt gaben rund 55 Prozent der vom Institut befragten Eltern an, solche Werkzeuge zu verwenden. Besonders verbreitet ist dies bei Eltern von 10- bis 13-Jährigen (über 75 Prozent), während nur gut ein Drittel der Eltern von älteren Jugendlichen (14–17 Jahre) darauf zurückgreift.
- Jüngere Kinder (6–9 Jahre): Eltern, die Kontroll-Apps einsetzen, haben Kinder mit tendenziell höherer Bildschirmzeit. Die Nutzung der App hängt mit einer Reaktion auf bereits bestehendes Medienverhalten zusammen.
- Frühe Jugendliche (10–13 Jahre): Hier stehen Hinweise auf Verhaltens-auffälligkeiten und psychische Belastungen im Zusammenhang mit mehr Bildschirmzeit und dem Einsatz von Kontroll-Apps.
- Ältere Jugendliche (14–17 Jahre): Jugendliche, deren Eltern Kontroll-Apps nutzen, schlafen im Durchschnitt länger auf 2,5 bis 3,5 Stunden begrenzt wird.
Was können Südtirols Familien konkret tun?
Empfehlungen des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen
Jüngere Kinder (6–9 Jahre) - Klare, altersgerechte Regeln für die Bildschirmzeit einführen – als Teil einer guten Mediengewohnheit von Beginn an.
10- bis 13-Jährige - Gespräche wichtiger nehmen als Apps. Was beschäftigt das Kind? Gibt es Stress, Sorgen, soziale Probleme? Der Dialog ist ein zentraler Schutzfaktor und wirksamer als reine Kontrollstrategien.
Ältere Jugendliche (14–17 Jahre) - Gemeinsam vereinbarte Regeln – z.B. kein Handy oder Tablet im Schlafzimmer nach 22.00 Uhr – können die Schlafdauer verbessern.
Seelisches Wohlbefinden ernst nehmen - Wenn ein Jugendlicher das Internet hauptsächlich als „Flucht“ vor Problemen nutzt, ist das ein Signal – nicht für mehr Kontrolle, sondern für ein offenes Gespräch oder professionelle Unterstützung.
Schulen einbeziehen - Medienkompetenz und emotionale Kompetenzen sollten vermehrt im Unterricht an Südtirols Schulen thematisiert werden. Informations-angebote für Eltern sollten auch einkommensschwächere Familien gezielt erreichen.
Die Rolle des Instituts und der Allgemeinmedizin
„Als Institut für Allgemeinmedizin und Public Health ist es unser Auftrag, Entwicklungen, die die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen betreffen, wissenschaftlich zu beobachten und einzuordnen. Die Nutzung digitaler Medien gehört heute zum Alltag dazu – umso wichtiger ist es, genauer hinzusehen und nicht nur die Bildschirmzeit isoliert zu bewerten. Unsere Daten zeigen klar: Entscheidend für die Auswirkungen der Nutzung von Digital Media auf die Gesundheit sind vor allem das Alter, das familiäre Umfeld und das seelische Wohlbefinden. Deshalb ist es uns ein Anliegen, mit solchen Studien eine fundierte Interventionsgrundlage für Eltern und Schulen, aber auch für das öffentliche Gesundheitssystem zu schaffen“, unterstreicht Dr. Doris Hager-Prainsack, Präsidentin des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. „In diesem Zusammenhang kommt Südtirols Praxen für Allgemeinmedizin und jenen für Pädiatrie eine wichtige Rolle zu: Die Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin sowie die Kinderärztinnen und -ärzte sind die ersten Ansprechpersonen bei Gesundheitsfragen. Sie können Eltern und Jugendliche frühzeitig informieren, beraten und unterstützen“, betont Dr. Hager-Prainsack.
Wissenschaftliche Quellen
1. Barbieri V, Piccoliori G, Engl A, Hager von Strobele-Prainsack D, Wiedermann CJ. Technology-Based Parenting and Digital Media Use: Adolescents' Health in a Large, Cross-Sectional Study in Northern Italy. Behavioral Sciences. 2026;16(3):439. https://doi.org/10.3390/bs16030439
2. Wiedermann CJ, Barbieri V, Piccoliori G, Engl A. Problematic Internet Use in Adolescents Is Driven by Internal Distress Rather Than Family or Socioeconomic Contexts: Evidence from South Tyrol, Italy. Behavioral Sciences. 2025;15(11):1534. https://doi.org/10.3390/bs15111534