Leben gegen Leben?
Das Laaser Ensemble mit dem Gastregisseur Daniel Clemente in der Mitte
Regisseur Daniel Clemente hat für die Volksbühne Laas mit „Terror“ von Ferdinand von Schirach ein Stück von brisanter Aktualität ausgewählt. Die Handlung ist schnell erzählt: Major Lars Koch (Heinz Köfler) sitzt auf der Anklagebank. Er hat eigenmächtig ein entführtes Passagierflugzeug abgeschossen, um zu verhindern, dass Terroristen damit einen Anschlag auf ein vollbesetztes Fußballstadion verüben. An Bord befanden sich 164 Menschen, im Stadion rund 70.000. Einen Abschussbefehl gab es nicht, Koch handelte bewusst gegen das Gesetz, indem er das Flugzeug zerstörte. Seine Verteidigerin (Helena Zischg) versucht, die Laienrichter – also das Publikum im Josefshaus – davon zu überzeugen, dass es sich nicht um Mord gehandelt habe. Koch habe abgewogen: 164 Leben gegen 70.000. Staatsanwältin Nelson (Melanie Horrer) widerspricht in ihrem Plädoyer entschieden. Niemals dürften moralische Überlegungen über der Verfassung stehen. Die Zeugen, ein Major der Luftwaffe (Jürgen Kuppelwieser) und die Witwe eines Opfers (Sonia Turina), vertiefen die Perspektiven. Am Ende fordert die Richterin (Heidemarie Stecher) die Schöffen zur Abstimmung auf: Das Publikum entscheidet über Schuld oder Unschuld. Hinter der Bühne werden die Stimmen ausgezählt, und je nach Ergebnis endet der Abend mit Freispruch oder Schuldspruch. Statistisch gesehen fällt das Urteil in den Inszenierungen von „Terror“ meist zugunsten des Angeklagten aus. Die Handlung ist zwar frei erfunden, das zugrunde liegende moralische Dilemma jedoch nicht: Laut dem Bundesverfassungsgericht ist der Abschuss eines entführten Flugzeugs verfassungswidrig.
Die Volksbühne Laas sorgt für Hochspannung im Gerichtssaal und meistert dabei einen anspruchsvollen Text. Ihre klare Inszenierung zeigt die Schwierigkeit, über das Schicksal eines Menschen zu urteilen. Trotz der ernsten Thematik und der stillen Momente im Publikum dürfte Laas zu Diskussionen angeregt und gezeigt haben, wie facettenreich Theater sein kann.