„Wennsi in Sea gschtaucht houbm …“
Helmut Neerfeld (Musik) und Toni Bernhart (Lesung)
Als die ersten Akkorde von Astor Piazzolla erklangen, wurde es im Das Gerstl Family Retreat am Ufer des Reschensees still. Helmut Neerfeld spielte auf dem Akkordeon und Toni Bernhart trug Auszüge aus den „Olt-Graunr Gschichtn“ seiner Mutter Elsa Patscheider (1928-1995) vor. Der literarisch-musikalische Abend „Patscheider & Piazzolla“ verband Erinnerungskultur, Literatur und Musik.
Die Veranstaltung entstand auf Initiative von Venusta Musica und Präsidentin Sabina Mair. Die Gastgeberfamilie Gerstl stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung und lud zu einem Aperitif ein. „Wir waren gleich Feuer und Flamme, diese Idee zu unterstützen“, begrüßte Marion De Carli Gerstl die vielen Anwesenden. In einer kurzen Einführung sprach Bürgermeister Franz Prieth über die Seestauung, die 1950 zum Untergang der alten Dörfer Graun und Reschen geführt hatte. Seine Mutter stammte aus Pitz (Altreschen), sein Vater musste Altgraun verlassen. Deshalb sei in seiner Familie viel darüber gesprochen worden. Die Bücher von Elsa Patscheider hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt, auch wegen des Bildmaterials. „Man sieht, wie wertvoll die Erzählungen und Dokumentationen für uns und die folgenden Generationen sind“, sagte Prieth. Neben den historischen Fakten seien die seelischen Wunden der Betroffenen nicht außer Acht zu lassen. Die Erinnerung daran werde bis heute wachgehalten, obwohl man es jetzt verstehe, den See als Ressource und Erholungsraum zu nutzen.
Mit Auszügen aus den „Olt-Graunr Gschichtn“ (1992 erschienen, hrsg. von Alfred Gruber und Siegfried de Rachewiltz, vergriffen) vermittelte Toni Bernhart ein eindringliches Bild vom Leben und Schicksal der Menschen vor und nach der Überflutung. In „Di drai Sea“ hatte seine Mutter die Situation vor dem Stauseeprojekt geschildert, während „Dr löscht Graunr Kirchta“ die Dramatik des Abschieds vor Augen führte. Die Geschichte des Bernhardiners „Inzr Bari“ zeigte, wie sehr die Ereignisse auch die Tierwelt getroffen hatten.
Zwischen den Lesungen ließ Helmut Neerfeld mit Kompositionen von Astor Piazzolla (1921-1992) die Stimmung der Texte nachklingen, sodass die Prosatexte von Elsa Patscheider sich mit der emotionalen Tiefe der Musik verbanden. Neben den ernsten Aspekten wurden jedoch auch humorvolle Begebenheiten, Alltagserfahrungen und Dorfdynamiken thematisiert, etwa in „Di Apsa Klousa Waibrlait“, „Wia dr schworz Kaffäi wirkn konn“ und „Di faichtana und di larchana Blöch“. Mit Sagen und Sprüchen im Obervinschger Dialekt sowie einem Tango von Piazzolla klang der Abend aus. Er habe gezeigt, wie Literatur und Musik dazu beitragen können, Erinnerungen wachzuhalten und kulturelles Erbe weiterzugeben, unterstrich Sabina Mair in ihren Dankesworten.
Maria Raffeiner