Wenn alte Obstbäume Klimageschichte erzählen
Obstbäume können ein lebendes Archiv sein, das wertvolle Informationen über das Klima der Vergangenheit und die Anpassung von Pflanzen an Klima- und Wetterveränderungen liefert. Ein Forschungsteam der Freien Universität Bozen aus dem Bereich Ökophysiologie, Baumökosysteme und Forstwirtschaft, hat mit einer Analyse von Kohlenstoff- und Sauerstoffisotopen die Zusammensetzung der Jahresringe von Stämmen alter Apfel- und Birnenbäume untersucht. Für diesen Blick in die Vergangenheit fand das Team in Lana 100-jährige Exemplare der Sorte Gravensteiner, und in Spondinig bei Prad am Stilfserjoch 80-jährige Birnbäume der Sorte Williams Christbirne und einen etwa 200 Jahre alten Pala-Birnbaum.
Welche Methode kommt zur Anwendung?
In Kernbohrungen hat man aus den Jahresringen von jeweils fünf Bäumen jeder Sorte Sauerstoff (O18)- und Kohlenstoff (C13)-Isotope gewonnen und analysiert. Diese schwerere Form der Atome mit einer höheren Anzahl an Neutronen kommt in der Natur seltener vor. Gerade diese Eigenschaft nutzt das Forschungsteam, um für jedes Jahr dieser langen historischen Epoche herauszufinden, wie die Pflanzen das Angebot an Kohlendioxid und Wasser für die Photosynthese und die Transpiration verwerten.
Welche Erkenntnisse konnten dabei gewonnen werden?
Den Forschern gelang es erstmals, diese, bisher nur bei Waldbäumen angewandte Methode, auch auf Obstbäume anzuwenden. Sie konnten dokumentieren, dass sich Birnbäume und vor allem Apfelbäume an die seit 1990 angestiegene Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre angepasst haben, indem sie mit einer höheren Photosyntheseleistung reagieren. Eines der Produkte der Photosynthese ist Glukose, der Zucker, aus dem die Energie für die verschiedenen Prozesse und für den Aufbau aller Moleküle in den Zellen der Pflanze gewonnen wird. Mehr Photosynthese bedeutet also mehr Energie für die Bäume, mehr Wachstum und auch höhere Erträge.
Wer hat an dem Projekt mitgewirkt?
An der Studie wurde von Leonardo Montagnani und Enrico Tomelleri, Professoren für Waldökologie, Massimo Tagliavini, Professor für Physiologie und Ökologie des Baumökosystems, und Nilendu Singh, Gastwissenschaftler vom Wadia Institute of Himalayan Geology in Dehradun, Indien, durchgeführt. Die untersuchten Bäume haben Wolfgang Drahorad, ehemaliger Techniker des Beratungsrings für Obst- und Weinbau, und Reinhold Stainer, ehemaliger Forscher am Versuchszentrum Laimburg, fündig gemacht.
Welche Ergebnisse konnten erzielt werden?
Die Ergebnisse zeigen, dass Apfel- und Birnbäume ihr Vermögen der Wassernutzung seit 1990, ähnlich wie Waldbäume, gesteigert haben. Wobei dieser Effekt beim Apfelbaum noch stärker ausgeprägt ist als beim Birnbaum. Grund dafür ist die positive Auswirkung des erhöhten Kohlendioxids in der Atmosphäre auf die Photosynthese. Keinerlei Einfluss auf die Transpiration konnte festgestellt werden. Die Isotopenanalyse hat auch gezeigt, dass die Wasserversorgung der Bäume in den vergangenen Jahrzehnten stabil geblieben ist, was auch auf einen gezielten Einsatz der künstlichen Bewässerung hinweist.
Die Studie des Teams der Uni Bozen macht deutlich, wie wichtig der Erhalt alter Obstbäume ist, die es in Südtirol noch gibt. Sie sind nicht nur Zeitzeugen anderer Lebens- und Wirtschaftsepochen, sondern auch lebende Archive, die es ermöglichen, die Wechselwirkungen zwischen Bäumen, Mensch und Umwelt im Wandel der Zeiten zu verstehen.
Diesen Text hat Reinhold Stainer freundlicherweise an die Bezirkszeitung Vinschgerwind weitergeleitet. Reinhold Stainer, 1944 geboren und aufgewachsen in Schlanders, wohnhaft in Meran, langjährige Forschungstätigkeit an der Laimburg im Bereich Sortenzüchtung und Sortenprüfung, hauptsächlich beim Apfel und in der Vermehrung von Obstgehölzen und didaktischer Mitarbeiter an der Uni Bozen. Die Fotos stammen von Reinhold Stainer.