Die vierte Kränkung
Was ist der Mensch? Ein von Gott geschaffenes, vernunftbegabtes Wesen, die Krone der Schöpfung im Mittelpunkt des Universums? Dieses Selbstbild hat im Laufe der Jahrhunderte massive Risse bekommen. Sigmund Freud hat im Jahr 1917 als erster von den drei großen Kränkungen des Menschen gesprochen. Die erste Kränkung, die kosmologische Kränkung, besteht nach Freud darin, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Die zweite große Kränkung, die biologische Kränkung, besteht in der Erkenntnis, dass der Mensch vom Affen abstammt. Er hat sich durch die Evolution aus anderen Lebewesen entwickelt. Die dritte große Kränkung, die psychologische Kränkung, sah Freud in der von ihm begründeten Psychoanalyse. Der Mensch hat ein Unterbewusstsein, das ihn oft stärker steuert als sein Bewusstsein. Das bedeutet, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist und wir von Gefühlen und Trieben gesteuert werden. Nun spricht man von einer vierten Kränkung: der technologischen bzw. digitalen Kränkung. Maschinen können Dinge, für die früher die Schaffenskraft des Menschen benötigt wurde, schneller, besser und effizienter erledigen. Durch Computer und Künstliche Intelligenz werden heute viele Aufgaben in Sekundenschnelle erledigt. Nun zeigt sich, dass es gar nicht die Ratio (Vernunft) ist, die den Menschen einzigartig macht. Diese kann von Maschinen kopiert und in vielen Fällen mühelos übertroffen werden. Am Ende bleibt vom Menschen eigentlich nur noch seine soziale, emotionale Seite. Diese kann von Maschinen (noch) nicht kopiert werden. (hzg)