„Ich versuche immer das Besondere herauszuheben“
Lukas Wielander aus Schlanders, hat in Venedig Architektur studiert und in seinem Wohnort Schlanders etwa das Seniorenhaus Schlanders, die Kita Kortsch oder die Feuerwehrhalle in Vetzan geplant.
Vinschgerwind: Wir beginnen unsere Architekturinterviews traditionell mit einer persönlichen Frage: Wie wohnen Sie selbst?
Lukas Wielander: Ich wohne zusammen mit meiner Frau und unseren zwei Kindern in einem Wohnhaus aus den 80er-Jahren, in welchem sich mittlerweile auch mein Büro befindet.
Vinschgerwind: Welche Voraussetzungen braucht man als Architekt?
Lukas Wielander: Die räumliche Wahrnehmung und das räumliche Denken spielen eine zentrale Rolle. Ein gutes Allgemeinwissen ist ebenso wichtig. Im Beruf sind logischerweise auch eine bestimmte Neugier, viel Geduld und Ausdauer erforderlich, denn viele Projekte gehen auch über einen längeren Zeitraum.
Vinschgerwind: Was ist für Sie als Architekt wichtiger: Ästhetik oder Funktion?
Lukas Wielander: Ein Gebäude muss in erster Linie funktionieren. Die Ästhetik entwickelt sich daraus, parallel oder aus dem Kontext – nicht umgekehrt. Form, Farbe oder Material dürfen nie Selbstzweck sein, sondern müssen aus der Bauaufgabe heraus entstehen. Genauso wichtig ist mir der inhaltliche Aspekt: Architektur kann sozialen Mehrwert schaffen und Gemeinschaften stärken. Das zeigt sich etwa im Seniorenhaus Schlanders als Pilotprojekt für betreutes Wohnen, in der Kitestation am Reschensee als sozialem Treffpunkt oder im Fiegele-Prieth-Haus in Glurns, wo ein denkmalgeschütztes Laubenhaus in partizipativer Beteiligung der Bauherren zu einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt umgebaut wurde.
Vinschgerwind: Haben Sie eine architektonische Handschrift oder ändert sich diese mit der Bauaufgabe?
Lukas Wielander: Ich versuche, die Architektur immer ganz spezifisch aus dem jeweiligen Kontext heraus und jedes Mal individuell oder neu zu entwickeln. So kommt man zu einer jeweils anderen Handschrift oder formalen Aussage.
Vinschgerwind: Sie wählen also das Konzept und die Materialität anhand der Bauaufgabe für ein Gebäude aus?
Lukas Wielander: Zum Beispiel wurde beim Wohnbauprojekt in Glurns versucht, einerseits einen behutsamen Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestand zu praktizieren und dennoch durch wenige effiziente Eingriffe ein komplexes Raumprogramm mit fünf Wohnungen und einer Weinkellerei zu realisieren. Durch das Errichten eines zentralen Innenhofes an der Nordseite zwischen Wohnhaus und ehemaligen Stadel konnten die Wohnungen zeitgemäss belichtet und belüftet werden. Als sozialer Mehrwert steht den Bewohnern ein gemeinsamer und vielseitig nutzbarer Außenraum zur Verfügung. Die neuen Fassaden des Innenho-fes wurden in Anlehnung an den ehemaligen Stadel in Lärchenschalung realisiert, der Fußboden wurde mit aus dem Obstbau entliehenen Betonpfählen ausgeführt, um eine stimmige Materialität und Langlebigkeit zu erzielen.
Vinschgerwind: Farben spielen in Ihren architektonischen Konzepten eine große Rolle. Warum?
Lukas Wielander: Farben tragen dazu bei, ein architektonisches Konzept, sowohl in seiner Ausstrahlung als auch in seiner Materialität, zu verstärken. Dadurch kann man verdeutlichen, was man sagen und haben will. Das kann man damit vergleichen, dass man zu verschiedenen Anlässen auch verschiedene Outfits trägt: Für ein Begräbnis ziehe ich mich anders an als für einen Abend in der Disco oder fürs Sporteln. So ist es ein bisschen auch mit den Gebäuden. Man nimmt etwas her, was zum Kontext passt. Bei der Feuerwehrhalle Vetzan wurde das Material- und Farbkonzept mit dem Künstler Manfred Alois Mayr entwickelt. Feuerwehrrot und Zitronengelb wurden wie eine Schminke punktuell verwendet um verschieden Bauteile zu akzentuieren um zu verdeutlichen, dass es sich um die Feuerwehr handelt. Auch die silber lasierten Streifen auf den gebrannten Ziegeln wurden so wie die Farben von der Einsatzuniform der Feuerwehr abgeleitet.
Vinschgerwind: Sie sind ein Teamplayer und tun sich bei Projekten oft mit anderen Architekten zusammen. Was ist der Vorteil? Was der Nachteil?
Lukas Wielander: Der große Vorteil liegt im kreativen Austausch: Man lernt voneinander und gewinnt stets neue, inspirierende Blickwinkel. Bereits kurz nach dem Studium konnte ich mit Jürgen Winkler und Franco Enrico den neuen Verbandsitz für Kaufleute und Dienstleister am Bozner Boden realisieren – ein Projekt, das 2002 beim Architekturpreis Südtirol unter den vier ausgewählten war. Es folgten prägende Zusammenarbeiten, etwa mit Walter Angonese beim Umbau der Volksschule Neumarkt und im Atelier von Manfred Alois Mayr in Bozen, wo ich vor allem im Umgang mit Materialien und Farben viel lernen konnte. In dieser Zeit entstanden auch erste eigene Bauten, darunter das Wohnhaus Wielander-Meister in Schlanders (Preis für energieeffiziente Altbausanierung 2006), weitere Wohn- und Sozialbauten sowie die Kitestation am Reschensee mit Fabian Oberhofer. Nach dem mit Arnold Gapp gewonnenen Wettbewerb für die Raika Prad 2009 eröffnete ich mein Büro in Schlanders. Eine langjährige Zusammenarbeit verband mich anschließend mit Martin Trebo; gemeinsam realisierten wir u. a. das Fiegele-Prieth-Haus in Glurns, die FF Vetzan und das Projekt „Kortsch auf der Lahn“ mit einer Kita als erstem Baustein. Letztere Arbeiten entstanden aus gemeinsam gewonnenen Wettbewerben. Diese teamorientierten und netzwerkartigen Zusammenarbeiten waren für meinen beruflichen Werdegang sehr prägend und haben die Qualität der Projekte stets gesteigert. Einen wirklichen Nachteil sehe ich nicht: Flexibilität und Offenheit sind in der Architektur ohnehin unerlässlich, da man ständig mit unterschiedlichen Menschen und Bereichen zu tun hat.
Vinschgerwind: Welche Rolle spielt für Sie das Erhalten von alter Bausubstanz?
Lukas Wielander: Ich glaube, das ist extrem wichtig, denn die überlieferten Bauten erzählen uns eine Geschichte: Wie man früher gebaut hat, was früher die Werte waren, wie man gewirtschaftet und gewohnt hat. Das zu erhalten ist natürlich wichtig, um zu verstehen, von wo wir herkommen. Das heißt nicht, dass beim Umbau das Gebäude 1:1 erhalten bleiben muss, denn die neuen Interventionen dürfen ruhig als zeitgemäß erkennbar sein. Ich würde von einem Weiterbauen am Bestand sprechen.
Vinschgerwind: Auf welches Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz?
Lukas Wielander: Wahrscheinlich auf die Kitestation am Reschensee. Ich bin ein begeisterter Kiter. Ich habe erst im fortgeschrittenen Alter – mit 40 – damit begonnen, aber für mich war dieser Ort schon immer faszinierend. Ich bin früher auf dem Reschensee gesegelt und windgesurft, so gesehen war es also ein Zurück zur Jugend. Ich bin dann auch Mitglied im Kiteclub und dessen Vorstand geworden. Der Kiteclub hat immer mehr Zuspruch erhalten. An bestimmten Wochenenden waren bis 150 Leute am Kitespot am Reschensee, jedoch gab es kein Klo, keine Umkleiden oder Duschen und keine Bar. Das wurde natürlich zu einem Problem. Ich habe dann einfach dem Club und der Gemeinde einen Entwurf vorgelegt, aber Wind in die Sache kam erst nach und nach als auch Fabian Oberhofer, Kiterfreund und damaliger Architekturstudent, miteingestiegen ist und mitgeholfen hat das Projekt voranzutreiben. Wir haben großteils alles allein organisiert, z.B. auch die Finanzierung. Das Projekt wurde mit viel Eigenleistung realisiert. Wir haben etwa das Gebäude selbst gestrichen. Stolz sind wir deshalb auf dieses Projekt, weil es gelungen ist, ein Sportgebäude zu einem öffentlichen Treffpunkt am Reschensee zu machen. Natürlich freut es mich und meine Projektpartner besonders, wenn unsere Projekte auch eine bestimmte Würdigung und Anerkennung in Fachkreisen erfahren.
So wurde z.B. die Neue Feuerwehrhalle in Vetzan kürzlich für den Architekturpreis Südtirol 2026 nominiert in der Kategorie öffentliche Bauten.
Das Projekt Kitestation wurde mehrfach in wichtigen Architekturveröffentlichungen, Ausstellungen, Vorträgen und filmischen Dokumentationen vorgestellt und dokumentiert: u.a. 2023 in der Edition Detail „Alpine Architektur in Südtirol“, bei den Ausstellungen „Neue Architek-tur in Südtirol 2018-2024“ im Kunsthaus Meran, und „Alps.architecture.South Tyrol“ im Palazzo Cavanis im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig.
Die sanierte Kita in Kortsch, Teil des Projektes „Kortsch auf der Lahn“