„Bestehendes neu denken“
Andreas Sagmeister, studierte Architektur in Innsbruck und war langjähriger Mitarbeiter sbei Architekt Werner Tscholl
Vinschgerwind: Wir beginnen unsere Architekturinterviews fast schon traditionell mit einer persönlichen Frage: Wie wohnen Sie selbst?
Andreas Sagmeister: Ich wohne zur Zeit mit meiner Frau und unseren drei Kindern in einer 70 Quadratmeter-Wohnung in Mals. Die Kinder werden immer größer und ich muss sagen, wir stoßen inzwischen wirklich an die Grenzen. Wir haben aber vor einiger Zeit angefangen in Glurns ein Haus zu bauen und freuen uns, dass wir noch heuer in unser neues Haus einziehen können.
Vinschgerwind: Wenn ein Architekt für sich selbst baut, dann ist das mitunter die schwierigste Bauaufgabe. Wie sieht das neue Zuhause aus?
Andreas Sagmeister: Wir haben uns für einen zentralen, großen, offenen Wohnraum entschieden und an allen vier Ecken des Hauses Rückzugsräume geschaffen. Das ist unser Wohnkonzept und wir sind schon gespannt, wie sich das Wohnen anfühlen wird.
Besonders spannend ist für mich auch, dass ich jetzt Innerstadtler werde. Seit meiner Kindheit lebe ich außerhalb der Stadtmauern von Glurns. Unser neues Haus befindet sich hingegen innerhalb der Sadtmauern. Es war ursprünglich ein alter Stadel, der leider vor rund zehn Jahren abgebrannt ist. Übrig geblieben ist dabei nur mehr die Brandstätte, weshalb es nun ein Neubau geworden ist.
Vinschgerwind: Worauf haben Sie beim Bau architektonisch den Fokus gelegt?
Andreas Sagmeister: Eines vom Wichtigsten bei unserem Bau war sicherlich die Frage: Wie fügt sich der Bau in Glurns und in das bestehende Stadtbild ein? Das war eine Herausforderung.
Vinschgerwind: Und wie ist es gelungen, den Neubau harmonisch einzufügen?
Andreas Sagmeister: Die Kubatur war vorhanden. Die Umrisse vom Gebäude waren also schon da. Dann haben wir ortstypische Elemente von Glurns und dem oberen Vinschgau, wie die Holzlamellen und das grob verputzte Mauerwerk, hergenommen. Daraus ist dann die Hülle entstanden. Wir haben keine Tonziegel auf dem Dach, sondern wir haben uns für Holzschindeln entschieden, damit von außen nur Holz und das verputzte Mauerwerk sichtbar sind, genauso wie früher die Stadel gebaut worden sind. Das Haus wirkt aber nicht alt, weil es neu und modern interpretiert wurde.
Vinschgerwind: Demnach ist Ihnen wichtig, die Herkunft des Gebäudes und die Umgebung in das architektonische Konzept einfließen zu lassen.
Andreas Sagmeister: Ja, und trotzdem zeitgemäß zu bauen. Und uns war auch wichtig, da wir einen schönen Bauplatz haben, die Aussicht genießen zu können. Wir haben vor uns die Stadtmauer, auf der einen Seite das Schludernser Tor, auf der anderen die Kirche. Deshalb war es für uns wichtig, dass man vom Wohnraum aus die Umgebung wahrnimmt. Wir haben mit den vorgesetzten Holzlamellen Ausblicke geschaffen und uns gleichzeitig vor Einblicken geschützt.
Vinschgerwind: Bestehendes neu denken ist Ihr Leitsatz. Was heißt das konkret?
Andreas Sagmeister: Das ist mein Leitsatz, den man auf jedes Projekt anwenden kann. Bestehendes ist bei einem Umbau oder einer Sanierung ein bestehendes Gebäude und bei einem Neubau ist es der Ort, die Umgebung oder der Kontext. Bestehendes wird analysiert und bildet die Ausgangs- und Grundlage für eine Bauaufgabe und neu denken heißt, dass man auf diesen Bestand aufbaut und Neues ausprobiert. Oft muss man auch umgekehrt denken, um neu zu denken.
Vinschgerwind: Zum Beispiel?
Andreas Sagmeister: Ich bleibe wieder bei unserem Haus: Nachdem der Stadel abgebrannt ist, ist eine Trennmauer verwahrlost übriggeblieben. Wir haben unser neues Stiegenhaus entlang dieser Mauer gebaut und sie so wieder interessant gemacht. Alte Elemente, wie ein Holzbalken, wurden mit der neuen Stiege verbunden. So ist eine ganz besondere Atmosphäre entstanden.
Ein anderes Beispiel: Die alte Mauer haben wir in einem Zimmer zu einem Bild gemacht. Die neu verputzte Wand bildet den weißen Rahmen für die alte, verbrannte Mauer. Wir haben diese bewusst hervorgehoben. Das ist auch Bestehendes neu denken. Damit wollen wir bewusst zeigen: Bestehendes gehört zum neuen Gebäude dazu.
Vinschgerwind: Allgemein: Architektur ist für Sie?
Andreas Sagmeister: Architektur ist für mich – wie gesagt - Bestehendes neu denken und die Wünsche des Bauherrn mit den vorhandenen Gegebenheiten zu verbinden. Kurz gesagt: Gute Architektur verbindet Mensch, Gebäude und Umgebung.
Vinschgerwind: Sanierungen, Umbauten und Neubauten umfassen Ihr Portfolio. Was ist das Spannendste?
Andreas Sagmeister: Das ist ganz schwierig zu sagen. Denn eigentlich hängt es nicht von der Bauaufgabe, sondern von der Ausgangssituation ab. Also ein Neubau kann genauso spannend wie ein Umbau oder eine Sanierung sein, das hängt vom Bauplatz, der Umgebung, einfach vom Kontext ab.
Vinschgerwind: Gibt es ein Lieblingsmaterial, das Sie gerne einsetzen?
Andreas Sagmeister: Die Materialien hängen von der Bauaufgabe ab, vom Ort und von den Anforderungen. Was mir gut gefällt, ist, wenn ein Material lebendig wirkt, zum Beispiel Maserungen beim Holz. Im Außenbereich gefällt mir, wenn etwas abwittert oder eine Patina entsteht und nicht alles gleichmäßig aussieht.
Vinschgerwind: Wenn wir von Materialien sprechen: Sind Sie architektonisch Minimalist oder Maximalist?
Andreas Sagmeister: Ich selbst bin eher Minimalist. Mir gefällt, wenn etwas reduziert ist. Also ich versuche grundsätzlich schon so wenige verschiedene Materialien wie möglich zu verwenden.
Vinschgerwind: Ihre Meinung: Was ist wichtiger Funktion oder Ästhetik?
Andreas Sagmeister: Beides ist gleich wichtig. Es nützt nichts, wenn ein Gebäude schön aussieht aber nicht funktioniert. Umgekehrt, wenn es zwar funktional ist und alle Wünsche des Bauherrn erfüllt sind, es aber außen nicht zur Umgebung passt - dann habe ich als Architekt auch etwas falsch gemacht. Es ist schwierig, beides unter einen Hut zu bringen. Im Idealfall ist beides gleichwertig.
Vinschgerwind: Auf welches Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz – ausgenommen Ihr eigenes?
Andreas Sagmeister (lacht): Da habe ich keine Präferenz. Jedes Projekt hat seine Herausforderungen und Anforderungen, bei denen man verschiedene Lösungen gefunden hat, auf die man stolz ist.
Vinschgerwind: Wenn Sie in den Vinschgau schauen, welches Projekt oder Gebäude beeindruckt Sie persönlich am meisten?
Andreas Sagmeister: Das ist das Kloster Marienberg einerseits mit der historischen Bausubstanz - der Krypta, der Kirche, dem Kreuzgang und dem Innenhof, und andererseits mit seinen Um- und Erweiterungsbauten, die vom Architekten Werner Tscholl verwirklicht wurden. Ich hatte das Glück, bei einigen dieser Umbauprojekte als sein Mitarbeiter dabei sein zu können.
Vinschgerwind: Die traditionelle Schlussfrage: Was würden Sie gerne einmal planen/bauen?
Andreas Sagmeister: Ich würde gerne einen Stadel, bei dem die Außenmauern und das Dach erhalten geblieben sind, zu einem Wohnhaus umbauen. So wie ich es bereits vor dem Brand unseres Stadels angedacht und geplant hatte.
Vinschgerwind: Also einfach einen alten Stadel umzubauen?
Andreas Sagmeister: Ja, einfach einen alten Stadel umzubauen.
das neue Wohnhaus von Andreas Sagmeister
und der alten Mauer als Bild