Hüter eines romantischen Mittelalters
Martin Gluderer, in ritterlichen Kreisen Ritter Martinus von Scheck zu Goldrain, im Adelsgewand.
Geboren wurde Martin Gluderer in Meran. Seine Schulzeit verbrachte er ebenfalls dort, bis zu seinem 20. Lebensjahr lebte er in Obermais. Zunächst erlernte er den Beruf des Verkäufers im Lebensmittelbereich, dann folgten die Jahre als Sanitäter beim Weißen Kreuz in Bozen und im Vinschger Oberland. Auch als Privatchauffeur war er tätig, bevor ihn ein Facebook-Eintrag im Jahr 2018 aufhorchen ließ. Die Haderburg suchte jemanden, der bereit war, Verantwortung zu übernehmen und Leben in die alten Mauern zu bringen. Gluderers Cousin Roman Perfler war als Pächter abgetreten, nun sah er seine Zeit gekommen. Er präsentierte der venezianischen Besitzerfamilie ein Konzept, das bis heute trägt. Mittelalterliche Gewandung, Burgbelebung und authentische Speisen sollten Geschichte nicht erklären, sondern vielmehr mit allen Sinnen erfahrbar machen.
Die Faszination für das Rittertum begleitet ihn seit Kindertagen, seine Mutter Hermine Thöni und sein Großvater Matthias Thöni aus Eyrs erzählten und lasen ihm vor. Als Jugendlicher wurde Martin Mitglied bei den Rittern von Andrian, einem Mittelalterverein, in dem er Schwertkämpfe trainierte und sich intensiv mit Geschichte beschäftigte. Dazu gehörten nicht nur Kleidung und Ausrüstung, sondern auch das Wissen um Getränke und Speisen, handwerkliche Fertigkeiten und ein respektvoller Umgang miteinander.
Als Lehnsherr der Haderburg gründete Martin dann seinen eigenen Verein. Gemeinsam mit Martin Zöschg aus Naturns hob er die Ritterliche Gesellschaft zur Haderburg aus der Taufe. Mehrere Jahre blieb Gluderer ihr Präsident, heute stehen die 35 Mitglieder unter der Leitung von Martin Zöschg. Historische Detailtreue sei ihnen wichtig, doch mit Augenmaß.
Den Ritterschlag erhielt Martin Gluderer vom Hochmeister des Bündnisses der abendländischen Ritterschaft. Auch wenn manche darüber lächeln, ist dieser Schritt für ihn von großer Bedeutung. Zuvor wurden Haltung, Benehmen und innere Einstellung geprüft. Politik, Religion oder gesellschaftlicher Status spielen dabei keine Rolle. Entscheidend ist vielmehr das Einhalten der staatlichen Gesetze ebenso wie des ritterlichen Wertekodex. Der Ritterschlag erfolgte im Rahmen eines Kapitels (Zusammenkunft) mit feierlicher Zeremonie und Schwur.
Heute zeigen sich die Ritter der Haderburg bewusst in der Öffentlichkeit. Sie tragen Schwertkämpfe aus, betreiben Bogenschießen und nehmen in Schluderns und andernorts an Ritterspielen teil. Zweimal jährlich findet auf ihrer Heimburg ein Kapitel statt. Wird dabei vom Großmeister das Gaudium ausgerufen, darf auch die Unbeschwertheit nicht fehlen, „sem isch die Hetz erlab!“
Der Name Martinus von Scheck zu Goldrain ist geprüft, rechtlich gesichert und bewusst gewählt, denn zu Goldrain bestehen persönliche Verbindungen. Seine Mutter wohnt im Schloss Goldrain, das vor dem Ausbau der Hendl den Scheck gehört hatte. Zudem stammte Martins Vater aus Goldrain. An Martins Seite steht die Burgfrau Alexia von Scheck. Die Eppanerin nimmt als gleichwertiges Pendant zum Ritter eine eigene Rolle ein, ebenfalls durch eine Zeremonie erhoben. Auf der Haderburg ist sie die Köchin. Ihre Gäste kommen aus der ganzen Welt und zeigen großes Interesse an Geschichte. Gekocht wird nach historischen Rezepten, darunter Rippen nach einer Anleitung aus dem 11. Jahrhundert.
Seit einem halben Jahr ist Martin auch im Gewölbe der Alten Post in der Schlanderser Fußgängerzone anzutreffen, da er dort mit Thomas und Wolfgang Fuchs aus Morter ein weiteres Lokal eröffnet hat. In der Taverne bieten die Postlords, wie sie sich nennen, mittelalterliche Menüs und Mittelaltergelage mit passender Musik. Da man sich in der Alten Post thematische Freiheit erlaubt und abseits vom Mittelalter dem folgt, was Spaß macht, finden diverse Themenabende statt. Wolfgang Fuchs hat sich inzwischen zurückgezogen, Martin und Thomas setzen die Zusammenarbeit fort. Den Freunden liegt noch ein weiteres Projekt am Herzen. Ihr Förderverein zur Rettung der Burg Obermontani möchte die Ruine, sobald sie gesichert ist, beleben. Noch ist Geduld gefragt, der gastronomische Plan würde sich an der Haderburg orientieren, thematisch möchte man an die Nibelungensage anknüpfen.
Was den 40-Jährigen antreibt, ist mehr als historisches Interesse. Das romantische Mittelalter steht für ihn für Werte wie Stolz, Ehre, Disziplin und das Einhalten des gegebenen Wortes. Werte, die seiner Ansicht nach heute oft verloren gingen. Die Epoche werde häufig als dunkel, schmutzig und grausam dargestellt. Martin sieht das differenzierter. Wie informiert er sich über das Mittelalter? Lesen gehört weniger zu seinen Gewohnheiten, dafür besucht er Museen und recherchiert im Internet. Besonders gerne reist er nach Irland und Schottland, zu Burgen, historischen Orten und Whiskey Destillerien. Die Menschen dort schätzt er wegen ihrer Offenheit und Gastfreundschaft.
Wenn der Hof der Haderburg voller Gäste ist, wird gewartet, die Stimmung genossen und Gelassenheit geübt. Stress, davon ist er überzeugt, habe es im Mittelalter so nicht gegeben. Seiner Mittelalternostalgie entspringt auch Gesellschaftskritik. Vielleicht ein bewusster Rückzug in eine Welt, die ihm mehr gibt als die heutige Zeit? Ritter Martinus von Scheck zu Goldrain nickt.