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Natur & Landschaft

Klima und Biodiversität - Realität und Ziele klaffen auseinander

von Wolfgang Platter, am Tag der Hlg. Barbara, 4. Dezember 2025
veröfftl. am 06. Januar 2026

Foto: Wolfgang Platter

Nach zweiwöchiger Dauer ist am 21. November 2025 in der brasilianischen Stadt Belem die 30. Weltklimakonferenz COP 30 zu Ende gegangen. Mit enttäuschenden Ergebnissen. Im Schlussdokument kommt der Begriff „fossile Energieträger“ und der Ausstieg aus deren Verbrennung nicht einmal vor. Die erdölproduzierenden und -verkaufenden Länder haben ihre Interessen auf der Konferenz erneut durchgesetzt. Auch die autoproduzierenden Industrie-
länder haben den Ausstieg aus der Ära der Verbrenner-Motoren als ökologische Transformation schöngeredet.
Vor genau 10 Jahren, am 12. Dezember 2015, wurde in Paris unter Freudentränen das erste Klimaabkommen in der Geschichte der Menschheit beschlossen. Dieses Abkommen sollte die Erwärmung der Erdatmosphäre auf 2 oder besser noch 1,5° C begrenzen. Heute, zehn Jahre später, spricht nichts dafür, dass dieses Ziel noch erreicht werden kann. Die Emissionen von Kohlendioxid sinken nicht zu langsam, nein, sie steigen weiter. „Überdies gibt es immer weniger Staaten, Unternehmen und Menschen, die etwas anderes ernstlich wollen“, so schreibt Bernd Ulrich in seinem Beitrag „Die Menschheit hat beschlossen, ungebremst in die ökologische Katastrophe zu gehen“ in der Ausgabe 52 vom 4. Dezember 2025 der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Das Flugkerosin ist immer noch nicht besteuert. Ein Flugticket vom Mailand nach Palermo ist außerhalb der Weihnachtsfeiertage um 19 Euro zu haben.

Die ökologische Krise
Dabei ist die Erhitzung der Erdatmosphäre, welche den Klimawandel bewirkt, ja nur ein Aspekt (und beschleunigender Katalysator) der viel umfassenderen ökologischen Krise. Klimakrise und ökologische Krise müssen zusammen gedacht und zusammen gerechnet werden: Ausdünnung der biologischen Netze, also Artensterben, Korallenbleiche, Mikroplastik, Überfischung der Meere, Übersäuerung aus Bodendegradation, Stickstoff- und Phosphatüberdüngung, Wasserknappheit, Gletscherschmelze, Waldsterben, steigende Pandemiehäufigkeit, Insektenmigration, Pilzbefall von Monokulturen. Wir zerstören als Menschheit im 21. Jahrhundert gerade unsere Biosphäre. Die Biosphäre ist die schmale belebte Hülle im Boden, an der Oberfläche und in den unteren Luftschichten um unsere Erde. Diese Biosphäre bildet die Gesamtheit der Lebensräume mit ihren jeweiligen Lebewesen als Bewohner.
Die Wahlen in den USA haben einen Präsidenten an die Macht gebracht, der ein explizit antiökologisches Programm vertritt. Seiner MAGA-Bewegung (Make America Great Again) geht es nicht um einen Kampf gegen die angeblich ausufernden Kosten der ökologischen Transformation. Im Gegenteil, die Bewegung von Präsident Trump bekämpft selbst grüne Energien, obwohl diese längst günstiger sind als die fossilen. Vor wenigen Wochen verhinderte die US-Regierung eine Vereinbarung zur Reduktion von CO2 im internationalen Schiffsverkehr.
Die internationale Konferenz zur Reduzierung von Plastikmüll in den Meeren, die vom 5. bis 15. August 2025 in Genf getagt hat, ist ergebnislos zu Ende gegangen. Jährlich landen derzeit zehn Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren und bilden darauf an manchen Orten schon einen Plastikkontinent. Selbst wenn dereinst weniger Plastik in die Meere gekippt werden sollte, so wird dadurch noch mehr Plastik als Mikroplastik im Wasser selbst und in den Meereslebewesen verbleiben, sich anreichern und weiterhin in die Nahrungskette kommen. Plastik hält sich etwa 500 Jahre.

Die 16. Artenschutzkonferenz CITES-COP 2025
Vom 24. November bis 5. Dezember 2025 fand in der usbekischen Stadt Samarkand drei Jahre nach Montreal wieder die internationale Konferenz CITES-COP zum Washingtoner Übereinkommen zum Artenschutz statt. Die Vertreter von 150 Staaten haben über den Schutz von über 70 Hai- und Rochenarten, Elefanten, Nashörnern und exotischen Haustieren diskutiert und mehr Schutz für Meerestiere und Großkatzen beschlossen. Vom Ziel, bis 2030 weltweit 30% der Landes- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen, ist auch die Artenschutzkonferenz weit entfernt. Der Flächenverbrauch durch Rodung von Wäldern und Versiegelung von Böden geht ungebremst weiter. Und dies trotz der Beteuerungen von Brasiliens Präsident Lula da Silva bei der COP 30-Konferenz in seiner brasilianischen Stadt Belem, er wolle die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes bis 2030 auf null bringen.

Die indigenen Völker und Biopiraterie
Medial aufgefallen sind von der 30. Weltklimakonferenz in Belem die verstärkte Präsenz und der Protest der indigenen Völker. Letztere haben unter anderem – offenbar aus Enttäuschung – das Konferenzgebäude gestürmt. Sind es doch vor allem die indigenen Völker, denen wir in den Wohlstandländern und Industrienationen die Ressourcen nehmen. Stichworte: Emissionshandel, Futtermittelimporte, Rodung von Tropenwäldern.
Wie wichtig tropische Regenwälder als Artenpool und genetische Ressourcen z.B. für neue Wirkstoffe in der Medizin sind, zeigt ein Blick auf die sogenannte Bioprospektion.

Bioprospektion
Unter Bioprospektion versteht man die Erkundung möglicher Quellen biologischer Ressourcen und deren kommerziellen Potentiale z.B. als Nutzpflanzen oder als Wirkstoff. Diese Quellen können dabei Pflanzen, Pilze, Tiere oder Mikroorganismen sein, also Biodiversität schlechthin. Oft wird das Wissen der indigenen Völker herangezogen, um beispielsweise neue Arzneimittel zu finden. Die pharmazeutischen Unternehmen und Forschungsinstitute sind aber meistens in den Industrieländern des Nordens angesiedelt. Vielversprechende Quellen sind dagegen oft in den Entwicklungsländern des Südens zu finden. Im Äquatorialgürtel herrscht wegen des milderen Klimas die größere Biodiversität an Arten. Forschung im Norden und Ressource im Süden und der Weg zur Ausbeutung und zum Ausverkauf biologischer Ressourcen ist nicht weit. Der Schweizer Buchautor Ewald Weber spricht in seinem Buch „Biodiversität. Warum wir ohne Vielfalt nicht leben können“ (Springer Sachbuch, 2025) von „Biopiraterie“.

Neue Medikamente
Laufend werden Pflanzeninhaltsstoffe auf ihre Tauglichkeit als potentielle Wirkstoffe geprüft. Vom Identifizieren solcher chemischen Verbindungen bis zur Entwicklung eines neuen Medikamentes vergeht sehr viel Zeit und die Verfahren sind teuer. Laut der Internationalen Pharmazeutischen Forschungszentrale in Genf ist nur eine Verbindung aus 5.000 – 10.000 geprüften Verbindungen ein möglicher Wirkstoff, daher braucht es sehr viele Arten als Quelle neuer Verbindungen. Allein im Jahr 2022 wurden rund 9.000 pflanzliche Inhaltsstoffe geprüft. Das Testen und genaue Untersuchen zur Wirkung und Sicherheit kann 10 - 15 Jahre dauern. Das ist ein langer Zeitraum, der einen strengen Schutz der Quellen und ihrer Lebensräume, z.B. eben auch des Amazonas-Regenwaldes, erfordert. Hält die derzeitige Abholzung und Vernichtung tropischer Regenwälder und anderer Ökosysteme, z. B. auch des Tiefseebodens durch die Schleppnetz-Fischerei an, gehen unweigerlich wertvolle Arten und Ressourcen verloren.
Seit der Antike nutzt der Mensch Pflanzen und ihre Wirkstoffe als Heilmittel. Im Mittelalter legten Mönche und Ärzte Kräutergärten an. Pflanzliche Heilmittel spielen auch heute eine überaus wichtige Rolle. Stoffe wie Aspirin, Morphin und Chinin sind schon seit Langem in Gebrauch und haben ihren Ursprung in Pflanzen.