„Konsolidieren statt revolutionieren“
Vinschgerwind:Herr Pinzger: Das Erntejahr 2025 ist abgerechnet. Die Zahlen liegen auf dem Tisch. Wie ist die Stimmung unter den Bauern?
Martin Pinzger: Differenziert. Unter dem Aspekt der Abrechnung würde ich sagen, dass die Mitglieder in den vergangenen zwölf Monaten ausführlich über unsere Informationen zur Kenntnis genommen haben, dass wir ein schwieriges Vermarktungsjahr hatten. Aber aufgrund der sehr guten Qualität, einem marktgerechten Sortiment, einer effizienten Organisation und einer gut aufgestellten Vermarktung konnten wir mehr oder weniger die Zahlen vom vergangenen Jahr pro Hektar erreichen.
Vinschgerwind: Das heißt die Stimmung ist gut.
Martin Pinzger: Jein. Sie ist durchwachsen. Wenn wir das ganze Sortiment von der Ernte 2025 anschauen, sind schlussendlich doch die Berostungsprobleme beim Envy und die fehlende Erntemenge ein kleiner Wermutstropfen. Im Bio-Bereich hatten wir mit 13 Prozent mehr als im Vorjahr eine Rekordernte, aber kommen trotz mehr Menge auf den Umsatz pro Hektar vom Vorjahr. Das heißt, wir hatten im Durchschnitt bei Bio tiefere Preise.
Vinschgerwind: Auch weil der deutsche Markt gefehlt hat?
Martin Pinzger: Der deutsche Markt war von der nationalen Produktion sehr gut bestückt, also die deutsche Bio-Produktion war stark und wir hatten eine Rekordernte. Das Marktumfeld war schwierig und der Konsum auch nicht immer hilfreich, dadurch hat es schon einige Hürden gegeben, auch für die VIP, auch für den Vinschgau. Trotzdem: Wir haben 2023, 2024 und 2025 ähnliche Erlöse pro Hektar für den Bauer erreicht und das auf einem Niveau, wo man sagt, im Kontext der ganzen Situationen, könnte man auch zufrieden sein.
Vinschgerwind:Das heißt die Stimmung ist durchwachsen und die Erlöse liegen deutlich über 30.000 Euro pro Hektar.
Martin Pinzger: Das hab ich nicht gesagt, aber es ist so. Allerdings im Schnitt, wir haben sicherlich auch Produzenten, die sich nicht so leicht tun. Das hängt oft mit der Situation auf dem Feld ab, das hängt davon ab, wie der Betrieb ausgestattet ist. Aber man muss auch sagen, dass man die 30.000 Euro, die man pro Hektar braucht, um kostendeckend zu arbeiten, mittlerweile auf 35.000 Euro anheben muss. Unsere Latte, wo ich sage, da sollte man unbedingt darüber sein, ist 35.000 Euro, weil landwirtschaftliche Maschinen, Erntehelfer, Pflanzenschutz, Düngemittel, alles extrem gestiegen ist in den vergangenen Jahren. Also, die 35.000 Euro pro Hektar wird der Produzent anpeilen müssen, damit er einen fairen Erlös für seine harte Arbeit erhält.
Vinschgerwind: Welche Sorte ist Spitzenreiter bei den Auszahlungspreisen?
Martin Pinzger: Der Cosmic Crisp. Es ist gibt eine Sorte, die noch höher ist, das ist der Kissabell, aber das ist eine extreme Nische von der Menge her. Aber Cosmic Crisp haben wir immerhin über 1.000 Waggon und da haben wir einen sehr interessanten Preis für unsere Produzenten erzielen können.
Vinschgerwind: Was heißt interessant?
Martin Pinzger: 90 Cent.
Vinschgerwind: Und im Bio-Bereich?
Martin Pinzger: Unwesentlich höher. Bei den Clubsorten gibt es diese große Spreizung eigentlich nicht.
Vinschgerwind: Das heißt der von der VIP propagierte Hoffnungsträger erfüllt die Erwartungen?
Martin Pinzger: Ja.
Vinschgerwind: Wie hat sich das Problem mit dem Stängelstich beim Cosmic Crisp entwickelt?
Martin Pinzger: Es ist so, dass wir bei einem so wichtigen Projekt super motiviert sind, jegliche Hindernisse oder kleineren Probleme bei der Wurzel anzupacken. Wenn wir die abgepackte Ware anschauen, dann sehen wir, dass der Stängelstich das größte Qualitäts-Problemchen ist. Denn man muss sagen, wir haben bei dieser Sorte einen extrem hohen Prima-Anteil, also Markenwarenanteil. Der Cosmic Crisp ist schön ausgefärbt, ist perfekt von der Glattschaligkeit und von der Form her, das gibt es bei keiner anderen Sorte. Aber doch: Wenn wir ein Qualitätsproblem sehen, dann sind das die Stängelstiche. Wir wollen den Cosmic Crisp als Premium-Apfel halten und deshalb darf er keine Makel haben. Deshalb haben wir auch heuer – immer auf freiwilliger Basis – das Angebot unterbreitet, wieder mit Scheren zu ernten. Wir haben vinschgauweit in eine neue Sortiertechnik in allen Genossenschaften im I.P. Bereich investiert, aktiviert und installiert, im Bio-Bereich kommt diese nächstes Jahr. Diese kann die Stängelstiche genau lesen. Bis jetzt haben wir nur Auszählungen gemacht. Jetzt sehen wir bei jedem Apfel: Hat er einen Stängelstich gehabt, ist er mit Scheren geerntet worden? Wir haben also viel besseres Datenmaterial zur Verfügung und sehen für die kommenden Jahre: Macht das Sinn mit Scheren zu ernten oder nicht?
Vinschgerwind: Sollte sich die Ernte mit Scheren bewähren, kommt die Pflicht?
Martin Pinzger: Nein. Es bleibt freiwillig. Denn wenn schon, dann muss man die Spielregeln vorab festlegen.
Vinschgerwind: Ihr zahlt dann einfach höhere Preise aus?
Martin Pinzger: Natürlich braucht es einen Anreiz, denn der Aufwand ist viel größer.
Vinschgerwind: Welche Sorte blieb unter den Erwartungen?
Martin Pinzger: Envy war im Herbst problematisch wegen starker Berostungsprobleme, aber weil die Sorte auf unserem Hauptmarkt Italien extrem gut aufgenommen wird, haben wir – auch mit leicht berosteter Ware – diese sehr gut verkaufen können. Und auch die zweite Qualität haben wir zu einem einigermaßen fairen Preis verkauft. Das Resultat ist deshalb besser, als wir befürchtet haben. Ein schwieriges Projekt, das kann man ganz offen sagen, ist und bleibt SweeTango, da er sowohl im Anbau als auch auf dem Markt herausfordernd ist. Das Resultat ist nicht befriedigend und die Flächen sind auch schon rückläufig.
Vinschgerwind: Ist die Ernte 2025 verkauft? Sind die Lager leer?
Martin Pinzger: Wir haben das ganze Jahr über sehr konform zu unserem Abbauplan die Verkaufsfenster eingehalten. Da waren wir sicher in einer glücklichen Lage. Das spricht auch für unsere Verkaufsmannschaft. Dahinter muss aber auch die Verarbeitung stimmen, sprich, dass die Ware sortiert, verpackt und punktgenau zum Kunden ausgeliefert wird. Da ist das Zusammenspiel der Genossenschaften wichtig und die Mannschaft hat hier sehr gute Arbeit geleistet. Die letzten Golden und die letzten Cosmic Crisp von der Ernte 2025 haben plan- und punktgenau bis am 10. Oktober die Lager verlassen.
Vinschgerwind: Das spricht für die Neu-Organisation der VIP mit dem Verkaufsteam.
Martin Pinzger: Richtig. Auf alle Fälle.
Vinschgerwind: Im Südtiroler Landwirt sagten Sie: Die Qualität der Ernte 2025, bis auf einige Ausnahmen, war eine der besten der letzten Jahre. Die neue Ernte ist angelaufen. Der Gala ist mehlig.
Martin Pinzger: Ja, richtig. Es gibt leider Gottes auch im Vinschgau heuer ein paar Situationen, wo die Reife so schnell von statten gegangen ist, dass der Bauer überrascht wurde und höchste Zeit für die Ernte war. Wir haben im Vinschgau generell eine gute, akzeptable Gala-Qualität, aber wir müssen heuer sicher unsere Gala-Ernte zeitgerecht und punktgenau verkaufen. Also wir können heuer, nicht wie andere Jahre, sagen, unser Gala hält zwölf Monate und wir warten, bis der richtige Verkaufsmoment kommt. Also der Gala muss heuer sicher sehr, sehr zügig abgeschlossen werden und die Konkurrenz muss ihn wie die Feuerwehr verkaufen.
Vinschgerwind: Europaweit wird eine der ertragsärmsten Apfelernten der letzten Jahre erwartet. Insbesondere die Hauptsorten Golden Delicious und Gala verzeichnen starke Rückgänge. Damit dürfte der Vinschger Obstbau goldenen Auszahlungspreisen entgegen sehen.
Martin Pinzger: Das würde ich nicht eins zu eins garantieren, denn das hängt dann wieder vom Markt und von der Qualität ab.
Vinschgerwind: Aber die Zeichen stehen gut.
Martin Pinzger: Das stimmt. Wir haben 9,5 Millionen Tonnen Ernte geschätzt bekommen. Das ist sehr, sehr nieder und da ist vor allem jener der Gewinner, der haltbare Äpfel hat, weil vorauszusehen ist, dass in der zweiten Saisonhälfte eine Verknappung am Markt eintreten wird und dann muss sich der Preis festigen. Das heißt es müssten rund 3 bis 3,5 Millionen in die Verarbeitung zum Beispiel Fruchtsäfte gehen und 6 Millionen auf den Frischmarkt kommen und da müssten wir eigentlich eine Gaudi beim Verkaufen haben.
Vinschgerwind: Ist die Sortenerneuerung abgeschlossen?
Martin Pinzger: Ja.
Vinschgerwind: Anders gefragt: Blicken wir in die Zukunft: Welche Sorte wird in zehn Jahren übrig bleiben, welche weniger und welche verschwinden?
Martin Pinzger: Fangen wir beim Golden an. Der Konsum von Golden ist derzeit deutlich rückläufig. Trotzdem wird das Goldenangebot gleich bleiben, weil die Mitkonkurrenten nicht imstande sind, einen Qualitäts-Golden anzubauen. Wir schon, wenngleich er sehr, sehr schwierig im Anbau ist.
Vinschgerwind: Also Golden bleibt, welche Sorte wird weniger?
Martin Pinzger: Stark, also Red Delicious und SweeTango. Gala hoffe ich wird bleiben, weil wir haben wenig Gala und Gala ist eine Weltsorte.
Vinschgerwind: Welche Sorte wird verschwinden?
Martin Pinzger: Jonagold, Braeburn. Steigen hingegen wird Cosmic Crisp, Envy vielleicht, sollten wir das Berostungsproblem in den Griff bekommen.
Vinschgerwind: Schädlinge und Krankheiten: Was bereitet am meisten Kopfzerbrechen?
Martin Pinzger: Die neuen Themen, die leider Gottes mit fortschreitendem Klimawandel peu à peu näher zum Vinschgau rücken. Da gibt es Viruskrankheiten, die extrem dramatisch für den Produzenten sind, weil er kaum Pflanzenschutzmittel zur Verfügung hat. Diese sind dramatisch für den Bio-Bereich, betreffen aber auch den I.P.Bereich. Da können wir nur Ruhe bewahren und hoffen, dass diese Themen nur langsam näher rücken.
Vinschgerwind: Themenwechsel: Die VIP hat sich im April vergangenen Jahres mit der VOG und mit VOG Products zur Alpoma zusammengeschlossen. Landesrat Luis Walcher formulierte es damals so: „Damit haben wir einen besseren Stand, wenn’s ums Kraut geht.“ Wieviel Kraut holt man denn jedes Jahr von der EU?
Martin Pinzger: Effektiv, es stimmt, bei Alpoma geht es – auch – um EU-Beiträge. Als Zusammenschluss von Erzeugerorganisationen gibt es mehr Fördergelder und es ist unsere Aufgabe und unsere Pflicht diese für unsere Produzenten zu nutzen.
Vinschgerwind: Konkret, wieviel?
Martin Pinzger: Ein einstelliger Prozentsatz von unserem Umsatz. Und man muss sagen, die Fördergelder werden zu über 90 Prozent in die Strukturen in den Genossenschaften investiert, damit alle Produzenten im gleichen Ausmaß einen Nutzen ziehen.
Vinschgerwind: Bleiben wir beim Thema Zusammenschlüsse: Wie konkret ist der Zusammenschluss Alpe und GEOS?
Martin Pinzger: Überhaupt nicht konkret. Unsere Genossenschaften sind sieben und bleiben sieben. Abgesehen davon ist das eine reine Entscheidung von den Vorständen und den Genossenschaften, wir als Verband haben primär die Aufgabe. die Äpfel wertschöpfend auf den Markt zu bekommen.
Vinschgerwind: Bleiben wir beim Verband. Von Produzentenseite kommt immer wieder der Vorwurf an die Adresse der VIP, salopp ausgedrückt: Wir müssen den ganzen Apparat der VIP erhalten und finanzieren. Wie verteidigen Sie als Direktor den „Apparat VIP“?
Martin Pinzger: Der Kostenapparat VIP ist in den vergangenen Jahren stabil, was die Kosten betrifft. Wir haben 2022 den Entwicklungsschritt gemacht und den operativen Verkauf für die Äpfel zu 100% zentralisiert und entsprechend haben wir dadurch eine strukturelle Aufstockung des Mitarbeiterstabs gehabt. Wir haben derzeit 67 Mitarbeiter im Verband angestellt, darunter Voll- und Teilzeitkräfte und wir haben in nächster Zeit keine Erhöhungen geplant, außer wir bekommen neue Aufgaben. Wir haben für 2026 – 2030 eine Strategie erarbeitet, die wir in den Genossenschaften vorgestellt haben. Im Wesentlichen geht es uns darum, dass wir bestimmte positiv greifende Situationen nochmals verfeinern wollen, aber keine großen Entwicklungsschritte oder Revolutionen geplant sind. Das Motto für die Zukunft lautet: Konsolidieren statt revolutionieren.