Zum Hauptinhalt springen

Kultur

In Erinnerung an Sven Sachsalber: „von der Zeit und dem Müßigang“

von Peter Tscholl
veröfftl. am 20. Januar 2026

Momentaufnahmen der 2011 stattgefundenen 24h-Performance Wilhalm; Fotos: Othmar Prenner

Am 12. Dezember 2025 jährte sich der Todestag des aus Laatsch/Mals stammenden Künstlers Sven Sachsalber. Zum fünften Todestag würdigt das Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen – Sachsalbers Vermächtnis und präsentiert noch bis zum 1. Februar 2026 in der Museion Passage in Bozen ein Forschungsprojekt, das Einblicke in Sachsalbers künstlerisches Schaffen gibt. Das Projekt „Sven Sachsalber. Eine künstlerische Praxis erfassen“ wurde vom Museion initiiert, von der Deutschen Kulturabteilung des Landes Südtirol finanziert und in Zusammenarbeit mit BAU – Institut für zeitgenössische Kunst und Ökologie realisiert. Anlässlich der Ausstellung in der Museion Passage hat der Bildhauer Othmar Prenner aus Raffein/Langtaufers, gemeinsam mit dem Museion eine Mappe mit Fotos aus fünf 24-Stunden Videos herausgegeben, welche gemeinsam mit Sven Sachsalber entstanden sind. Othmar Prenner begleitete Sven über die Jahre hindurch, war sein Mentor und Mäzen.

Samsonie, Wilhalm, Querceto, Giovanni S. und Mitra


Bei den fünf 24-Stunden Performances ging es in erster Linie um den Faktor Zeit. Was ist Zeit? Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Zeit ist eine fundamentale Dimension, welche die Abfolge von Ereignissen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschreibt. Zeit ist als physikalische Größe messbar in Sekunden, Minuten, Stunden und untrennbar mit Veränderung verbunden. Zeit ist jedoch auch relativ und eine subjektive Erfahrung. Sie ist eine Struktur unseres Bewußtseins, die uns die Welt erleben läßt. Und das ist auch das Schöne, dass jeder seinen eigenen Blick darauf hat, und es verschiedene Interpretationen gibt.

Die Performance „Samsonie“ (2011) war von Joseph Beuys‘ Aktion „I like America and America likes me“ angeregt. „Ganz einfach war es nicht, die Kuh in ein 4x4 Meter grosses Zimmer zu bringen, und weitaus schwieriger, sie wieder herauszuholen. In der gemeinsamen Zeit hat das Tier, ich würde sagen, eine innige Beziehung mit Sven aufgebaut. Es war überraschenderweise eine sehr friedliche Atmosphäre voller gemeinsamer Zuneigung“, erzählt Othmar Prenner.
In der Performance „Querceto“ (2012) saß Sven 24 Stunden lang auf einem Kirchturm und schlug jede Stunde die Glocke mit der Hand. In „Wilhalm“ (2011) ruderte Sven mit einem selbst gezimmerten Boot, das die Form eines Sarg hatte, 24 Stunden lang im Kreis um den Grauner Kirchturm im Reschensee. In „Giovanni S.“ (2011) drehte Sven 24 Stunden lang einen Butterkübel und formte aus dem Fett unterschiedliche Gegenstände, wie beispielsweise einen Hut, ein Kruzifix, eine Fledermaus, ein Brot, ein Schneemann und so weiter. Die Performance „Mitra“ (2010) spielte sich im Bunker 23 in Tartsch ab. Sven feilte 24 Stunden an einem Maschinengewehr, was übrig blieb, waren Späne und einzelne Teile.

Verrückt, sinnlos oder Kunst?

So mancher könnte jetzt sagen: „Was Sven Sachsalber da gemacht hat, ist total verrückt, sinnlos!“ Und so mancher wird sich fragen: „Was soll das, was hat das mit Kunst zu tun?“ Vorausbemerkt: Als allgemeine Definition für Kunst gilt, was die Angehörigen der „Kunstgemeinschaft“ für Kunst halten. Und damit ein Kunstwerk überhaupt seine Wirkung entfalten kann, muss es Aufmerksamkeit erregen bzw. auf den Künstler aufmerksam machen; Sven hat dies mit seinen Performances geschafft. Er kam relativ spät zur Kunst, durchschaute den gesamten Kunstbetrieb jedoch bald. Sven wollte Karriere machen und legte die Messlatte bewußt hoch. Zugute kam ihm dabei sein Durchhaltevermögen, das er sich in seiner Zeit als aktiver Sportler angeeignet hatte. Er wußte genau, wenn er als Künstler erfolgreich sein wollte, würde er sich den Herausforderungen anpassen müssen, bei Schwierigkeiten motiviert bleiben und Disziplin bewahren. Bestimmt dachte Sven auch manchmal ans Aufhören, hat dann aber immer wieder weitergemacht. Bei seinen Aktionen ging es ihm nicht gezielt um Provokation, sondern zuerst einmal um die Konsequenz, Sachen zu tun, die nichts bringen. Seine Performances sind gesellschaftskritisch zu verstehen, als Reaktion auf den gesellschaftlichen Druck, dem wir heutzutage alle ausgesetzt sind, immer produktiv zu sein und leisten zu müssen. Sachsalber nutzte seine „subtil poetischen und das Absurde streifenden Performances“ als künstlerische Ausdrucksform, um zum Nachdenken anzuregen, Diskussionen zu fördern und Veränderungen anzustoßen. Unser derzeitiges ökonomisches Modell soll hinterfragt werden. Anstatt immer mehr, immer schneller, besser und höher, sollten wir wieder ein bisschen auf den Boden zurückkommen! Was Sven machte, ist in dem Sinne als Weckruf zu verstehen: Hallo Leute, lasst uns auch einmal etwas tun, was nichts bringt! Tun wir etwas, das materiell nichts bringt, das aber für unseren Geist und unsere Seele wertvoll sein kann. Nutzen wir das Nichtstun als Inspirationsquelle, um einen Zustand zu schaffen, der Kreativität und neuen Ideen Raum gibt!

Sven Sachsalber hatte zweifellos ein gutes Gespür und eine große Sensibilität für solche Themen. Wäre er nicht so jung verstorben, hätte er das Potential gehabt, eine große Karriere zu machen. 2014 erhielt Sachsalber den Premio New York vom italienischen Kulturministerium und 2019 den Paul Flora Preis. Seine Werke sind Teil der Sammlung Museion Bozen, der öffentlichen Sammlung der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, sowie zahlreicher privater Sammlungen in Europa und den USA. Es ist tröstlich zu wissen, dass sein Nachlass nun archiviert ist und somit seine Kunst und sein Verständnis von Kunst weiterleben können.



Momentaufnahmen  der 2011 stattgefundenen 24h-Performance Wilhalm

Momentaufnahmen der 2011 stattgefundenen 24h-Performance Wilhalm

Momentaufnahmen  der 2011 stattgefundenen 24h-Performance Wilhalm

Momentaufnahmen der 2011 stattgefundenen 24h-Performance Wilhalm

Mitra (2010)

Mitra (2010)

Samsonie (2011)

Samsonie (2011)

Giovanni S. (2011)

Giovanni S. (2011)

Querceto (2012)

Querceto (2012)