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Spezial-Landwirtschaft

Langsam wachsen

von Maria Raffeiner
Helene und Walter Kofler vom Mühlhof in Katharinaberg im Schnalstal leben und arbeiten eng mit ihren Tieren. Auf 1.180 Metern Höhe betreiben sie den Aufzuchtbetrieb „Milln“, in dem Rinder, Schweine und Schafe wachsen und gedeihen. Ihr Qualitätsfleisch gelangt direkt zu den Kund:innen. Ein Weg, der zeigt, wie Tiernähe, Landwirtschaft und bewusster Genuss zusammenpassen.
veröfftl. am 14. Oktober 2026

Helene und Walter Kofler an ihrer liebsten Haltestelle, im Hintergrund Milln, ihr Hof.

„Schöne Landluft“, ruft ein Tourist dem Ehepaar Kofler zu. Sein Cabrio mit Hamburger Kennzeichen hat er am Straßenrand geparkt, um rasch ein Foto von den Kälbern zu schießen, die im Hof herumtollen. Sie gehören zum Aufzuchtbetrieb „Milln“, wie der Hof im Dialekt genannt wird. 800 Meter trennen ihn vom Ortskern von Katharinaberg. An einem Vormittag im späten September dauert es lange, bis die Sonne den Hof erreicht. Den Tieren macht das nichts aus: Hündin Luna macht lautstark auf sich aufmerksam, die Jungrinder vergnügen sich im Freilaufbereich, die Schweine beobachten das Geschehen von ihrem Gehege aus, in der Erde scharrt eine Hühnerschar. Schafe gibt es keine mehr zu sehen, da sie am Vortag geschlachtet wurden.
Über dieses landwirtschaftliche Geschäftsmodell unterhalte ich mich zunächst mit Walter im Stall und Hofraum. Zwischen den Freilaufboxen der Jungrinder nennt er die Eckdaten des Aufzuchtbetriebes: Sie werden bis zu einem Jahr alt und stammen aus dem Schnalstal. Dort ist eigentlich das Tiroler Grauvieh heimisch. Da auf Milln viel Wert gelegt wird auf die Sanftheit der Tiere, bevorzugt man eine Kreuzung von Grauviehkühen mit Stieren der Rasse Limousine. „Das werden keine Riesen“, deutet Walter auf die Rinder mit hellbraunem Fell, „was aber auch mit unserer Fütterung zu tun hat.“ Die sichtlich zufriedenen Tiere wachsen „gemütlich dahin“, wie er sagt. Geburten gibt es hier im Stall keine, dafür in einigen Partnerbetrieben. Etwa auf dem Montferthof, „dort haben sie eine Riesenfreude mit den Tieren“, oder dem Tisenhof über dem Vernagter Stausee. Walter achtet diese Orte: „Was die anderen Leute machen, ist auch schön!“, ist er überzeugt. Nach einem Jahr guter Pflege am Hof begleiten Helene und Walter ihre Jungrinder zum Metzger. Dass dieser Kreislauf geschlossen wird und kein Tier in fremde Hände kommt, ist ihnen überaus wichtig.
Bevor es in die warme Stube geht, schauen wir noch bei den sechs Schweinen vorbei. Nicht alle lassen sich blicken, ihr lustvolles Grunzen schallt über den Hof. „Das ist Trüffel“, stellt Walter ein kugelrundes Exemplar vor. Es hat wie die anderen den Sommer in Langtaufers auf der Kaproner Alm verbracht. Als Walter das Schwein Dicki tätschelt, murmelt er „wild feine Fockn“ und zeigt dann bei der Kreuzung aus Deutschem Landschwein und Pietrain das Ringelschwänzchen her, ein natürliches Detail, auf das in der Massentierhaltung immer öfter verzichtet wird.
Bei Helene in der getäfelten Zirbenstube berichtet er vom Verkauf der Schweine. Trüffel und Hektor gehören schon einem Unternehmer, die anderen können als Fleischpakete erworben werden.
Der Mühlhof, ursprünglich Mühlgut genannt, wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt und ist somit ein uralter Schnalser Bergbauernhof. Walter spricht offen darüber, dass die Hofgeschichte im letzten Jahrhundert „nicht prächtig verlaufen“ sei. Sein Großvater, der Millner Sepp, musste als Rückoptant seiner Schwester den Hof abkaufen. Ein harter Start für die nächste Generation, den Millner Hans, Walters Vater. Ihm machte außerdem ein Autounfall im Jahr 1975 die Arbeit in den steilen Wiesen unmöglich. Daraufhin musste der Millner Walter, 1970 geboren, schon als Bub Aufgaben auf dem Hof übernehmen. Sein Vater setzte auf einen neuen Erwerbszweig, indem er Zimmer sanierte und, wie man heute sagt, Urlaub auf dem Bauernhof anbot. Das Erfolgsmodell zog ab 1978 viele Gäste an. Mit der Volljährigkeit übernahm Walter den Hof, wobei die Stallarbeit bei den Milchkühen noch lange seine Eltern verrichteten. Er war bei der Gletscherbahn angestellt. 1999 zog seine spätere Frau Helene Stecher zu ihm auf den Mühlhof. Aus Zerkaser in Langtaufers stammend, war sie vom engfelsigen Taleingang des Schnalstals eigentlich wenig angetan. Lachend sagt sie heute „wo die Liebe hinfällt“ und schenkt Kaffee auf. Mit der Geburt der beiden Töchter Katharina und Magdalena zog die dritte Generation auf Milln ein. Man entschied, die Zimmervermietung 2009 aufzugeben, den Erbhof zu sanieren und eine barrierefreie Wohnung für Walters Eltern zu errichten. Die Außenfassade ist geblieben, innen wurde das Haus ausgehöhlt und in Ständerbauweise neu errichtet.
Überdacht wurde dann auch die Landwirtschaft. Walter beobachtete die Entwicklung, die sich ihm mit der milchproduzierenden Braunviehrasse im Anbindestall zeigte. „Eine Kuh steht auf und fällt dort mit 600 kg nieder. Es werden sich Gelenksprobleme einstellen“, spricht er die Tiergesundheit an. Zusammen mit seiner Frau wollte er einen anderen Weg einschlagen. Bloß welchen? Sie kauften Jura Schafe, nicht die traditionellen Schnalser Schafe. „Eppas Extrigs“, suchte das Ehepaar Kofler, Helene haben die „kleinen schwarzen Pamperlen“ gut gefallen. Vor 10 Jahren stellten sie auf das Jungrindsystem um. Die letzte Kuh verließ den Stall. Ein emotionaler Moment? „Wir vergessen nichts, was war“, ist Walter mit allen Etappen der Hofentwicklung im Reinen. Heute arbeitet er nachmittags in der Texel Obstgenossenschaft, während Helene auf dem Hof die Stellung hält und die Tiere versorgt. Wie ist das, sich von Tieren nach einem Jahr trennen zu müssen? Nicht einfach, vor allem für die beiden Töchter nicht. Doch im Wissen, die Tiere bestmöglich begleitet zu haben, kommen die Hofinhaber damit zurecht. „Das ist unser Tier, wir betreuen es bis zum Schluss“, beschreibt Helene Bindung und Verantwortung. Die Direktvermarktung vom Fleisch funktioniert über Mundwerbung, denn gute Qualität spricht sich herum. Unter den Abnehmern ist das Sternerestaurant Kuppelrain in Kastelbell. „Der Ulli gehört dem Jörg“, lautet die knappe Beschreibung von Walter. Ein Jungrind wird also für Familie Trafoier aufgezogen, die die Arbeit der Bauersleute und das hochwertige Produkt zu schätzen weiß. Das sei ein Glücksfall, man danke aber genauso den Abnehmer:innen von kleineren Fleischpaketen, die auf Wunsch portioniert werden. Walter unterstreicht, dass man sich über die Herkunft eines Nahrungsmittels Gedanken machen dürfe. Nicht alles sei sofort verfügbar, manches brauche Zeit zum Wachsen. Je früher Konsument:innen und Gastronomie ihren Bedarf erheben und mit Bauern in Kontakt treten, desto natürlicher sei das Produkt. Und es verleihe den aufwändigen Arbeiten auf den 3,5 ha des Hofes und der Tierpflege Sinn und Würde. Daraus ergebe sich etwas von hohem Wert: „ein echtes Nahrungsmittel.“
Vor dem Bauernhaus, direkt an der Straße nach Katharinaberg, fließt gerade kein Verkehr. Vom Hofraum erklingen lustige Tierlaute, so klingen spielende Kälber. „Maxl!“, mahnt Helene ein übermütiges Kalb. Noch ein paar Meter, dann liegt Milln im Sonnenlicht und damit auch die steilen Wiesen, die unterhalb der Straße abfallen. Dort stand einst eine Mühle, woran der Hofname „Milln“ erinnert.

Mit genauen Absprachen, einer klaren Arbeitsteilung und zwischendurch einer Pause bewältigt das Ehepaar die vielen anfallenden Arbeiten im Betrieb

Mit genauen Absprachen, einer klaren Arbeitsteilung und zwischendurch einer Pause bewältigt das Ehepaar die vielen anfallenden Arbeiten im Betrieb