Das Liebesleben der Vögel - Verschiedene Strategien zum Erhalt der Art
Nest und Gelege der Singdrossel
Beziehungsfragen gehören für uns Menschen zu den wichtigsten Themen unseres Daseins. In meinem heutigen Beitrag möchte ich einen kleinen Ausflug in die Verhaltensforschung machen und ein paar Beziehungsfragen bei unseren nächsten Verwandten, den Säugetieren, und bei den Vögeln erörtern.
Partnerschaft bei Säugern
Schauen wir zunächst auf die Säugetiere, mit denen wir die meisten unserer Gene teilen. Aus der Sicht der Verhaltensforschung können wir feststellen, dass die meisten Arten nicht auf lebenslange und monogame Beziehungen ausgerichtet sind. Ganz unabhängig, ob Schimpanse, Hirsch, Hase oder Maus – die Bindung zwischen den Partnern beiderlei Geschlechts hält nur für den kurzen Moment der Begattung, oder anders gesagt, für die Zeit der Befruchtung oder Zeugung. Im menschlichen Jargon charakterisiert: Säugetiere haben meist Mutter-Kind-Familien. Der Vater macht sich bei den meisten Arten aus dem Staub. Es sind seltene Ausnahmen wie bei Wolf, Biber oder Murmeltier, wo die Bande zwischen den beiden Geschlechtern nicht rasch zerbricht, und eine Partnerschaft im Rudel, in der Sippe oder im Familienverband gelebt wird zum beiderseitigen Vorteil und zum Nutzen der familiären Nachkommenschaft. Die Rothirsche beispielsweise tragen in der Herbstbrunft ihre spektakulären Schiebekämpfe um die Rangordnung im Rudel aus. Der stärkste Hirsch erwirbt sich das Recht, die weiblichen Tiere des Rudels zu bespringen. Nach der erschöpfenden Aufgabe geht der Hirsch wieder seine Wege. Die Sorge um die Nachkommenschaft bleibt ganz und gar den Müttern. Der Nachwuchs muss rasch auf eigenen Beinen stehen.
Paarverhalten bei den Vögeln
Anders als bei den Säugetieren sieht es bei den Vögeln aus. Schon seit über 150 Millionen Jahren bewohnen sie unseren Planeten. Menschen treiben sich erst seit gut einer Million Jahren auf der Erde herum, unsere Art Homo sapiens erst seit 200.000 Jahren. Die Vögel haben also einen gewaltigen evolutionären Vorsprung. Seit Jahrmillionen praktizieren sie mit Erfolg ein ehe- und familienähnliches Zusammenleben in unendlichen Spielarten. Um Moral und Anstand ihres Benehmens kümmern sich die Vögel nicht.
Nest als extrauterine Lösung
Für die Flugfähigkeit der Vögel ist ein leichtes Gewicht Voraussetzung. Um sich diese Flugfähigkeit im Laufe der Evolution zu erwerben und zu bewahren, haben die Vögel im Gegensatz zu den Säugern ihre Fortpflanzung körperextern in ein Nest ausgelagert. Hierbei hat sich ein paarweiser Zusammenschluss als nützlich erwiesen. Der Nestbau, das Brüten, das Verteidigen und das Versorgen der bei den Nesthockern völlig hilflosen Jungvögel lassen ein partnerschaftliches Zweierteam die Aufgaben leichter bewältigen als allein. Die meisten Vogelarten bevorzugen eine Zweierbeziehung zwischen Weibchen und Männchen. Sind mehr als zwei Partner an einer Partnerschaft beteiligt, steigt das Konfliktpotential. Jeder dritte Beteiligte kann zum Störfaktor werden. Als Naturwissenschaftler erlaube ich mir schelmisch und augenzwinkernd den Vergleich mit uns Menschen. Dreieckskonflikte füllen ja nicht umsonst unendlich viele Romane und Filme.
Partnersuche
Auch wenn man den Vögeln Gefühle wie etwa Liebe nicht oder nur unter großen Vorbehalten zugesteht, sind doch sie es, die sich so eindeutig, wie keine zweite Tierklasse, zum Nutzen für die ganze Familie und damit für den Erhalt der jeweiligen Art entschieden haben.
Bei uns Menschen ist bei der Partnersuche der Freundeskreis die wahrscheinlichste Möglichkeit, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Heute folgt gleich danach das Internet.
Vögel finden meist dort zueinander, wo die ihnen bekannten Lieder von Artgenossen erklingen. In diesen Gefilden klingt es für die Vögel nach Heimat: Dort, wo sie es geschafft haben, selbst erwachsen zu werden, sollten die Bedingungen auch für ihren Nachwuchs stimmen. Für die Vögel ist die Verortung von Heimat unstrittig: Sie ist und bleibt der Geburtsort. Dorthin kehren Zugvögel nach jeder Flugreise zurück, und die sesshaften Standvögel verlassen ihre Heimat gar nicht erst, sie streifen bestenfalls herum.
Monogamie und Arterhalt
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war in der Wissenschaft die Auffassung verbreitet, dass 90 Prozent aller Vogelarten in einer festen und völlig eindeutigen, also monogamen Paarbeziehung lebten. Die Zeiten und das Wissen sind aber fortgeschritten. Heute erlaubt die Genanalyse von Jungvögeln eindeutig die Zuordnung, wer Vater und Mutter der Vogelküken im Nest ist. Ob alle Eier in einem Nest vom selben Vater befruchtet wurden, oder ob es etwa Seitensprünge des Weibchens gegeben hat, darüber geben inzwischen akribische DNA-Analysen eindeutige Auskunft. Die Vaterschaftsanalysen im Vogelnest haben völlig neue Einsichten in das Intimleben der Vögel ermöglicht. Inzwischen wurden weiter über 150 Vogelarten vom menschlichen Forschergeist ausspioniert. Und bei mehreren Arten zeigt sich: Die Monogamie der meisten untersuchten Arten ist keine sexuelle Monogamie. Sie ist eine soziale Monogamie, um die erfolgreiche Aufzucht und die genetische Breite zum Erhalt der Art zu gewährleisten.
Verschiedene Strategien
Der gemeine Spatz oder Haus-sperling (Passer domesticus) ist der häuslichste unter allen unseren heimischen, freilebenden Vögeln. Er ist ein Kulturfolger des Menschen. Wir leben mit dem Spatz Tür an Tür – und das seit mindestens 10.000 Jahren. Fossilienfunde in einer Höhle bei Bethlehem lassen darauf schließen, dass selbst die Vorfahren unserer Spatzen sich schon in der Altsteinzeit den Vormenschen, damals noch Jäger und Sammler, angeschlossen haben. Spatzen halten viel von einer Beziehung mit einer festen Partnerin, auch wenn ihre Lebenserwartung mit durchschnittlich drei Jahren knapp bemessen ist. Diese Monogamie überrascht einigermaßen, weil Spatzen meist mehr oder weniger truppweise und nicht paarweise in Erscheinung treten.
Bei den Rauchschwalben (Hirundo rustica) ist die Gleichberechtigung schon lange vollzogen: Beide Geschlechter sind völlig gleich gefärbt und es singen auch die Weibchen gleich gut und kräftig und ausdauernd wie die Männchen. Auch bei der Bebrütung und Brutpflege gibt es eine Halbe-halbe-Lösung. Schwalben sind Zugvögel und die Wahl eines Partners stellt sich den Schwalbenweibchen jedes Jahr nach der Rückkehr in das Brutgebiet. Weil die Männchen und Weibchen gleich gut singen und zudem noch völlig gleich prächtig gefärbt sind, können die Gesangsqualität und das prächtige Federkleid nicht die Auswahlkriterien für den Brutpartner sein. In einer breit angelegten Studie auf Bauernhöfen in Oberitalien konnten Ornithologen nachweisen, dass es der Schwanz ist, der den Ausschlag gibt zu Auswahl des Partners: Die Schwalbenmännchen mit den längsten äußeren Schwanzfedern, den Schwanzspießen, werden von den Weibchen bevorzugt. Wie Blutproben und Untersuchungen auf Zecken und Milben ergeben haben, haben die Männchen mit den längsten Schwanzfedern das beste Immunsystem und damit die stärksten Abwehrkräfte.
Bei den Kohlmeisen (Parus major) gibt es einen engen Zusammenhalt der Paare. Als Höhlenbrüter schlafen sie in getrennten Gemächern, aber das Männchen erweist sich als Kavalier und holt am frühen Morgen das Weibchen von dessen Schlafhöhle ab. Warum tut es das? Einerseits strebt es selbst Kopulationen an, die bevorzugt in den frühen Morgenstunden stattfinden. Andererseits versucht es durch sein frühzeitiges Erscheinen, Fremdkopulationen zu unterbinden. Diese enge Betreuung setzt sich mit dem „Balzfüttern“ über viele Tage fort.
Haussperling (Passer domesticus)
Rauchschwalben (Hirundo rustica)