Bartgeier und Wolf - Zwei Rückkehrer mit unterschiedlicher Akzeptanz
Foto: Lorenzo Shoubridge
Der Bartgeier ist ab 1986 durch ein Wiederansiedlungsprojekt in die Alpen zurückgekommen. Die ersten Wölfe kehrten seit Beginn der 1990er Jahre auf natürlichem Wege in die Alpen zurück, nachdem sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort ausgerottet worden waren. Erste Sichtungen und genetische Nachweise der aus Italien einwandernden Tiere erfolgten 1992 in den französischen Alpen, 1995 im Schweizer Wallis. Beide Rückkehrer genießen aber eine unterschiedliche Akzeptanz: Der Bartgeier als reiner Aasfresser ist heute zu einem bestaunten Sympathieträger unter den Alpentieren geworden. Der Wolf als Beutegreifer, in der zoologischen Systematik ein Raubtier, reißt in der Kulturlandschaft der Alpen auch Nutztiere und polarisiert sehr stark zwischen Nutztierhaltern, Viehbauern und Almbewirtschaftern auf der einen Seiten und fundamentalistischen Tierschützern andererseits.
In meinem heutigen Beitrag möchte ich wieder einmal die derzeitigen Bestandszahlen zu den beiden Tierarten aktualisieren. Ich bediene mich dabei für den Bartgeier des Jahresreportes der IBM (International Vulture Monitoring) 2024, der im Januar 2026 veröffentlicht worden ist und für den Wolf der Berichte von LIFE Wolf Alps und der Wolf Alpine Group (WAG) 2025.
Zum Bartgeier
Das IBM-Netzwerk umfasst 20 Partner (darunter den Nationalpark Stilfserjoch) und 6 assoziierte Organisationen, geleitet von der VCF (Vulture Conservation Fondation). Das Budget 2024 von 41.359 Euro wurde durch Beiträge der Projektpartner und zusätzliche Mittel einer Schweizer Stiftung aufgebracht. Der IBM-Bericht 2024 wurde von Mirco Lauper verfasst. Lauper ist der Regionalkoordinator der Stiftung Pro Bartgeier im Berner Oberland.
Fakten 2024:
• Freilassungen aus Zuchten in Zoos und Zuchtstationen: Im Jahr 2024 wurden insgesamt 24 Bartgeier an 8 Standorten in Deutschland, Frankreich, Spanien und der Schweiz freigelassen.
• Zur Reproduktion im Freiland gibt es für den Alpenbogen folgende Statistik: 98 besetzte Territorien, 85 Gelege, 61 Jungvögel, die flügge geworden sind.
• Beobachtungen: 2.693 Beobachtungen aus 7 Ländern wurden dokumentiert. Dabei wurden 226 Individuen identifiziert.
• GPS-Tracking gibt es von 97 Bartgeiern (72 freigelassenen und 25 wild geschlüpften).
• 15 Ausfälle 2024: 8 Todesfälle (davon 3 durch Kollision mit Stromleitungen, 1 Abschuss), 6 gerettete Vögel, 1 erfolglose Freilassung.
• Geschätzte Population: 414 – 547 Bartgeier im Alpenraum, kleinere Populationen in anderen Regionen Europas.
• Markierungen und Telemetrie: Alle Junggeier, welche 2024 freigelassen worden sind, wurden mit GPS-Trackern und farbigen Ringen markiert.
Außerdem wurden 7 wild geschlüpfte Jungvögel durch Abseilen in den Horst in Frankreich und 4 in Andalusien markiert.
Zum Wolf
Der Wolfbestand im Alpenraum zeigt für das Jahr 2025 eine weitere geographische Ausbreitung über ein größeres Gebiet. Dabei scheint sich die Populationsgröße in den Kerngebieten zu stabilisieren. Wegen der steigenden Zahl der Wölfe und der Nutztierrisse hat das Europäische Parlament 2025 den Schutzstatus des Wolfes von „streng geschützt“ auf „geschützt“ gesenkt, um eine flexiblere Bestandsregulierung zu ermöglichen. Schätzungen ergeben für den gesamten Alpenbogen (über 7 Länder) das folgende Bild:
• Reproduktionseinheiten: Für den Zeitraum 2020 -2024 wurden zuletzt rund 243 Einheiten (206 Rudel und 37 Paare) offiziell dokumentiert. Schätzungen für 2025 gehen mittlerweile von weit über 300 Rudeln im gesamten Alpenraum aus.
• Bestandsentwicklung: Während die Population in den Westalpen (Frankreich und Italien) teilweise Sättigungsgrenzen erreicht, expandiert sie in den zentralen und östlichen Alpen weiter. Im Monitoring 2024/25 wurde in einigen Regionen (Deutschland/Bayern) ein Stagnieren des Wachstums beobachtet.
Bestände nach Ländern (2025):
Schweiz: Der Bestand vor der Regulierung 2025 wurde auf rund 350 Wölfe geschätzt. Es wurden 38-41 Rudel nachgewiesen, wobei 130 Welpen beobachtet wurden. Dem Trimester-Bericht Dezember 2025 des Kantons Graubünden ist zu entnehmen, dass zur Regulation im Jahr 2025 in Graubünden insgesamt 34 Wölfe durch Abschuss entnommen wurden. Dem gleichen Bericht ist zu den Nutztierrissen zu entnehmen, dass 2025 in Graubünden 212 Schafe und Ziegen und 5 Rinder von Wölfen gerissen wurden.
Italien (Alpenregion): Die aktuellsten koordinierten Schätzungen belaufen sich auf etwa 950 Wölfe im italienischen Alpenbogen. Südtirol: In Südtirol hat sich die Wolfspopulation laut Daten aus dem Jahr 2023, die für die aktuelle Situation relevant bleiben, fest etabliert, mit 7 nachgewiesenen Rudeln und schätzungsweise mindestens 39 (genetisch nachgewiesen) bis über 70 Individuen. Von den 7 Rudeln haben drei ihre Hauptreviere in Südtirol und 4 sind grenzüberschreitend aktiv.
Österreich: Schätzungen zufolge streiften 2025 rund 100 Wölfe durch Österreich. Nachweise von Wolfsrudeln konzentrieren sich auf Kärnten (4 Rudel) und Tirol (2024: 23 Wölfe nachgewiesen). Management: In Tirol und Kärnten werden aufgrund der hohen Risszahlen (2022-2024: 22 Wölfe in Kärnten erlegt) vermehrt Abschüsse verzeichnet, um die Schäden auf den Almen zu reduzieren.
Deutschland (bundesweit): Im Monitoringjahr 2024/2025 wurden in Deutschland 219 Wolfsrudel, 43 Paare und 14 sesshafte Einzeltiere nachgewiesen. Die Zahl der Rudel stieg nur leicht um sieben im Vergleich zum Vorjahr, was auf eine erstmalige Stag-nation des starken Populationswachstums hindeutet. Die Schwerpunkte liegen in Niedersachsen und Brandenburg. Insgesamt wurden 276 Wolfsterritorien (219 Rudel, 43 Paare und 14 sesshafte Einzeltiere) bestätigt, mit einer geschätzten Gesamtzahl von über 1.600 Wölfen (inklusive Welpen und Jährlingen). 2024 wurden über 4.300 Nutztiere durch Wolfsübergriffe (insbesondere an Schafen und Ziegen) getötet.
Auf der Internet-Seite der Autonomen Provinz Bozen Südtirol, Forstdienst, Wildtiermanagement, Jagd und Fischerei findet man unter „Nachweis von Wolf und Bär“ die aktuellsten Daten nach einzelnen Bezirken und Monaten. Zwischen dem 3. Jänner und dem 20. Jänner 2026 wurden z.B. im Vinschgau 9 Nachweise von Wölfen registriert.
Foto: Matteo Riccardo Di Nicola