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Portrait

„In Dorf hon i nit elf Spieler zommbrocht“

von Magdalena Dietl Sapelza
Albert Tanzer fertigte als Bau- und Kunstschlosser Tabernakel für Kirchen und Ventilatoren für die Frostberegnung. Er arbeitete als Schlosser und später als Abteilungsleiter in der Gießerei der Firma HOPPE. Große Verdienste erwarb er sich als Mitbegründer des Schludernser Sportvereins, als erster Fußball-Sektionsleiter, als langjähriger Präsident des Vereins und schließlich nach seiner Pensionierung auch als Platzwart.
veröfftl. am 28. Oktober 2026

Albert Tanzer Jg.1940, Prad am Stilfserjoch. Um beweglich zu bleiben, wandert er jeden Morgen von der Sackgasse aus fast vier Kilometer bis zum einstigen Gasthof „Dürrer Ast“ und wieder zurück. Er ist dankbar für jeden Tag und nimmt alles gelassen nach dem Motto: „Zuviel denkn bringt nix.“

Albert zeigt einen Aushang aus den 1960er Jahren, den er sorgsam aufbewahrt hat. Es ist ein Protestbrief mit dem Vorwurf, dass er als Fußball-Sektionsleiter bei den Meisterschaftsspielen der Schludernser Mannschaft regelmäßig „Finanzer“ einsetzt. Was ihn einst verletzt hatte, lässt ihn heute schmunzeln. Doch dazu später.
Albert wuchs mit drei Geschwistern in Prad auf. Er erinnert sich an die Spiele mit Stoffbällen und an so manchen Hickhack mit Gleichaltrigen. „Mit di Gumser hobm miar olm gstrittn“, sagt er. Nach der Pflichtschule lernte er in Prad Schlosser und wechselte dann in eine Kunst- und Bauschlosserei nach Meran. „Miar hobm Tabernakel gmocht… a deis in dr Prader Pfarrkirch“, betont er. Er fertigte große Ventilatoren an, die zur Frostabwehr in den Obstanlagen zum Einsatz kamen. Mit diesem Windsystem wurden Bauern bis Salurn beliefert.
Sein größter Stolz war die „Gilera Giubileo“. Auf dem Sozius des Motorrads saß oft die junge Friseuse Rosmarie Wegmann (Jg. 1943) aus Schluderns. Er hatte sie bei einem Ball kennengelernt und ihr aus Meran die Schallplatte „Gitarren klingen leise durch die Nacht“ mitgebracht - ein Lied, das er in geselligen Runden noch heute anstimmt. Nach Abschluss der Lehre arbeitete Albert in Schlossereibetrieben im Vinschgau. Albert hoffte auf die Befreiung vom Militärdienst, nachdem sein älterer Bruder 16-jährig an einer undefinierbaren Krankheit gestorben war. Auch ein italienischer Fürsprecher, der vom Vater mit Speck und Käse entschädigt wurde, setzte sich für ihn ein. Vorerst schien alles erfolglos zu sein. Er diente als Soldat in Orvieto und in Aquila, wurde dann aber nach drei Monaten heim geschickt. „Speck unt Kas hobm nor decht gholfn“, lacht er. Albert liebte Kino-besuche und Tanzabende mit Rosmarie. 1964 führte er sie zum Traualtar und bezog eine Woh-nung in Schluderns. Die Töchter Virginia und Margot wurden geboren. In dieser Zeit wurde im Ort der Wunsch nach einem Sportverein laut. Als treibende Kraft saß er am 28. Juni 1968 im Gründungsausschuss und wurde Fußball-Sektionsleiter. Das erste Spiel fand einen Tag später im Glurnser „Mauerstadion“ statt, denn in Schluderns gab es noch keinen Fußballplatz. Kurz darauf wurde auf dem Flugplatz gespielt, mit einem einzigen Ball. Immer wieder holte Albert Spieler aus den Kasernen. Das stieß einigen sauer auf und ihn erreichte der Protestbrief. „In Dorf hon i elf Spieler zommbrocht“, rechtfertigt er sich. „Unt gwinnen hobmer jo a amol gwellt.“ Doch die Spieler-Not hatte bald ein Ende, weil laufend talentierte Schludernser Kicker in die Mannschaft kamen. 1976 wurde Albert zum Sportpräsidenten gewählt. Er lenkte den Verein bis 1981. In seine Ära fiel der Bau des Sportplatzes, des Sporthauses, die Formierung der Sektion Leichtathletik und einiges mehr. Albert war oft bis spät nachts unterwegs.
„Drhoam bin i weanig gwesn“, sagt er. „Di Frau unt di Madlen sein schun a bissl zu kurz kemman.“ Mittlerweile arbeitete er in der Firma HOPPE. Er begann in der Schlosserei und trug später bis zu seiner Pensionierung Verantwortung als Abteilungsleiter der Gießerei. Als Pensionist kümmerte er sich als Platzwart um den Schludernser Fußballrasen. Er wurde auch Chef der „Kegelfreunde“, die sich 30 Jahre lang wöchentlich zum Kegeln trafen. Fix eingeplant war der jährliche Meeraufenthalt mit seiner Frau. Dann veränderte der 23. Dezember 2011 sein Leben. Rosmarie wurde von einem Wagen angefahren und lebensgefährlich verletzt. Ein Bein musste ihr amputiert werden. Lange Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte folgten. Albert unterstützte sie nach Kräften. Es dauerte lange, bis sie wieder heimkehren konnte. Er gab die Wohnung in Schluderns auf und zog mit ihr nach Prad in ein behindertengerechtes Haus nahe seiner Kinder und deren Familien. Der Unfall zog bei Rosmarie weitere gesundheitliche Probleme nach sich. Albert umsorgte sie, bis zu ihrem Tod 2022. Seither lebt er allein. Seine Töchter schauen bei ihm vorbei. Regelmäßig stattet er der „Neuen Post“ in Prad oder dem Fischerteich in Schluderns einen Besuch ab. Er freut sich, wenn er auf Bekannte trifft. Viele kennt er aus der Zeit als Sportfunktionär. Der Protestbrief ist für ihn heute nur noch ein interessantes Dokument, das die Schludernser Fußballgeschichte erzählt, die er ehrenamtlich Jahrzehnte lang mitgeprägt hat.