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Portrait

„I hon nia na sogn kennt“

von Magdalena Dietl Sapelza
Hermine Thaler ist eine attraktive, lebenslustige und humorvolle Frau, die ihr Leben nach traumatischen Erlebnissen und nach schwierigen Zeiten mit den vielen Höhen und Tiefen ihrer Depression wieder in den Griff bekommen hat. Mit ihren Auftritten beim Improtheater der „Roten Nasen“ macht sie heute anderen Menschen Freude und sich selbst glücklich.
veröfftl. am 22. Juli 2026

Hermine Thaler, Jg.1948 aus Eyrs lebt in Algund. Nach schwierigen Zeiten hat sie ihr Leben wieder voll im Griff. „Miar geht’s heint guat“, betont sie. Sie geht offen mit dem Thema Depression um und macht anderen Betroffenen Mut nicht aufzugeben.

Traumatisch verlief schon Hermines Geburt. Ihre Steißlage wäre für sie beinahe zur tödlichen Falle geworden. Hermine wuchs mit zwei Brüdern in Eyrs auf. Die Familie lebte von einer kleinen Landwirtschaft, bis der Vater bei der Bahn Arbeit bekam. Hermine besuchte die Latein-Mittelschule in Mals und anschließend die Lehrerbildungsanstalt LBA in Meran. Als 17-Jährige verliebte sie sich in den jungen Carabiniere Brigadier Toni Morri. Die Liebe blühte zuerst heimlich. Dann erfuhr es die Mutter und wehrte wütend dagegen. Denn sie wollte ihrer Tochter die Ausgrenzungen als „Walsche“ ersparen, die sie selbst als „lediges Kind“ mit einem sizilianischen Vater erfahren musste. Und in den 1960er Jahre war die Stimmung zwischen den Volksgruppen hasserfüllt. Doch Hermine ließ nicht von ihrem Toni. Dann kam der verhängnisvolle August 1965. Die Verliebten unternahmen mit Bekannten eine Spritzfahrt nach Spondinig. Plötzlich krachte es und Hermine wachte schwer verletzt im Krankenhaus auf. Nach Tagen erfuhr sie, dass Toni und ein Begleiter tot waren. Eine Welt brach für sie zusammen. In ihr Tagebuch schrieb sie: „Mama iatz brauchsch diar konae Sorgn mea mochn, dass i an Walschn heirat.“ Kopfschmerzen und Schwindelanfälle wurden zu ihren Begleitern. Hermine gab die LBA auf und wechselte in die Hauswirtschaftsschule Karolinum. Nach dem Abschluss fand sie Arbeit zuerst in einem Fabrikanten-Haushalt in Florenz, dann bei einer jüdischen Familie in Paris und schließlich bei einer Frau in Gröden. Dort schrieb sie sich in die Kunstschule ein. Kontakt pflegte sie mit Tonis Freund Vittorio Andretta, der bei der Lasa Marmor beschäftigt war. Aus der Freundschaft wurde Liebe. Nachdem Hermine die Kunstschule beendet hatte, wurde sie schwanger. Dass es wieder ein Italiener war, nahm ihre Mutter angesichts der Umstände zähneknirschend hin. 1970 heirateten Hermine und Vittorio. „Weil i an Walschen gheiratet hon, hobm sie inz koan Zaun gmocht“, bedauert sie. Das Paar bezog eine Wohnung in Laas. Hermine wurde Mutter eines Sohnes. Ein zweiter Sohn folgte. Mit der Unterrichtstätigkeit als Kunsterzieherin begann sie erst Jahre später. Nach Fernkursen wechselte sie zum Fach Religion und absolvierte auch die Fachberaterausbildung für angehende Religionslehrer. Nebenbei koordinierte sie den Bau des Eigenheimes in Eyrs, war aktiv im Pfarrgemeinderat und im KVW. Auch verschiedene anderer Tätigkeiten für die Allgemeinheit übernahm sie laufend. „I hon nia na sogn kennt“, erklärt sie. „Unt so hon i mi in di Depression inni manövriert.“ Im März 1992 fiel sie in ein tiefes seelisches Loch. „I hon nimmer denkn kennt unt bin zur Etschbrücke gongen“, erzählt sie. Sie stürzte sich ins kalte Wasser. Ein Mann rettete sie. Im Krankenhaus zermürbten sie die Schuldgefühle. Sie schämte sich vor den Ärzten, vor ihrem Mann, vor ihren Söhnen. „Dia hobm viel Geduld mit miar braucht“, bekennt sie. Als sie sich wieder stabil fühlte, kehrte sie in die Schule zurück. Doch der nächste Nervenzusammenbruch folgte. Erneut begannen psychiatrische Behandlungen. Depressive und manische Zeiten wechselten sich ab. In ihren manischen Phasen unternahm sie spontane Reisen. Die erste Reise führte sie allein nach Kanada. Es folgten Trips nach Marokko, Ägypten und oft nach Süditalien. Mit dem Gleitschirm schwang sie sich in die Lüfte und gab das Geld mit beiden Händen aus. „Für miar isches Lebensfreude pur gewesn, für ondere wor`s zuviel, speziell für meine Familie“, betont sie. In den depressiven Phasen fiel sie wieder in ein Tief und schämte sich. Erst nach weiteren gezielten Therapien in der Psychiatrie Meran, in einer Spezialklinik in Obersdorf, im Therapiezentrum Bad Bachgart fand sie schließlich in ein ausgeglichenes Leben zurück. Sie nahm die Frühpensionierung in Anspruch und übersiedelte 2010 nach Algund. Ihr Mann zog es vor in Eyrs zu bleiben. Als er an Krebs erkrankte, kam sich das Paar wieder näher. Vittorio zog zu ihr nach Algund. Sie umsorgte ihn bis zu seinem Tod 2017. Kurz darauf war auch sie mit einer Tumorerkrankung konfrontiert. Sie kämpfte und hatte Glück. Mittlerweilen fühlt sie sich seelisch stabil. „I bin a fröhlicher Mensch, obr i muaß fescht af miar aufpassen“, meint sie. Unterstützt von Therapeuten und in der Selbsthilfegruppe hat sie ihre Lebensfreude wiedergefunden. Sie liest viel, schreibt Sketsche, töpfert und singt gerne. Jüngst absolvierte sie die Ausbildung bei den „Roten Nasen“ in Brixen. Sie hat großen Spaß daran, die Menschen mit ihren heiteren Clown Auftritten zu erfreuen.