„Der Reih noch sein si bodn kemman“
Sefa Reinalter Wwe. Bernhart, Jg. 1935 in ihrer Wohnküche in Burgeis. Ihre Töchter kümmern sich rührend um sie. Besonders glücklich ist sie, wenn „ihre Mary“, die Maria Eller von Viso Plus, mit ihr zum Mittwochsmarkt nach Mals fährt. Im Markttreiben fühlt sich Sefa lebendig und vergisst oft sogar ihre schmerzenden Beine.
Freud und Leid lagen in Sefas Leben oft nah beieinander, ganz besonders im März 1988. Am 12. März starben ihr Bruder und ihr Vater. Sechs Tage später verbanden sich Trauer und Schmerz mit dem freudigen Ereignis, der Geburt ihres Enkels.
Sefa wuchs mit zwei Brüdern, einer älter, einer jünger, auf dem elterlichen Hof in Burgeis auf. Neben der kleinen Bauerschaft verdiente sich ihr Vater ein Zubrot als Rädermacher. Nachdem er und der ältere Bruder in den Krieg gezogen waren, half Sefa der Mutter soweit sie es imstande war. Und sie war später froh, als die Männer wieder daheim waren. Sefa trug gerne Milch in die Sennerei, weil es dort oft recht lustig zuging. „Oft hon i Schimpf kriag, weil i z’spat hoamkemman bin“, erinnert sie sich. Sobald die Kirchenglocken läuteten, hieß es zur hl. Messe oder auch nur zu einer Andacht zu gehen. „Wegn di Buabm sein miar oft hoamla Maiandocht in Kloster gongen“, verrät sie. An einen nächtlichen Kinobesuch in Mals hat sie eine schlechte Erinnerung. Auf dem Heimweg wurde sie von einem Mann verfolgt, dem sie nur knapp durch die Kornfelder entkam. „Deis isch nor mei leschter Kinobsuach gwesn“, betont sie. Sefa arbeitete einige Winter in Hotelküchen in Sulden, Trafoi und Davos. Die Arbeitstage waren lang und freie Tage gab es keine. Im Sommer wurde sie daheim gebraucht.
In der Nachbarschaft lebte ihr späterer Mann Heinrich Bernhart (Jg.1927). Der „Gerstl Heini“, wie er genannt wurde, war mit seiner Mutter vom „Gerstlhof“ ins Dorf gezogen. „I hon af Nummer 95 gwohnt unt er af 96“, erklärt sie. In den letzten Kriegstagen musste er einrücken. Heini kam mit schwer verletztem Bein und Splittern im Körper aus Oberitalien zurück. „Fan Kriag hot er nia viel drzählt“, sagt Sefa. Heini erholte sich, auch Dank Sefas Zuwendung. 1962 heiratete das Paar - wie früher üblich - um 4.00 Uhr in der Früh. Anschließend fuhren die Frischvermählten mit dem Zug nach Leifers, wanderten zu Fuß zum Wallfahrtort Weißenstein und kehrten dann wieder heim. Heini zog mit Sefa zu seiner Mutter. „Miar hobm boade nichts kopp“, betont sie. Regelmäßiges Geld kam erst ins Haus, als er beim Straßendienst ANAS Arbeit fand. Ein Jahr nach der Hochzeit kam Tochter Heidi zur Welt. Um sich von der „Sünde der Geburt“ zu befreien, musste Sefa das „Firisegnen“ durch den Pfarrer über sich ergehen lassen. Nach der Geburt der Töchter Walburga 1965 und Monika 1969 war dieses Ritual abgeschafft. Belastende Zeiten erlebte Sefa, nachdem die dreijährige Walburga vom Balkon gefallen und mit Schädelbasisbruch im Krankenhaus lag. Die Kleine hatte Glück.
Sefa und Heini setzten alles dran, ein eigenes Höfl zu bauen. Die Marienberger Klosterverwalter überließen ihnen einen Baugrund im Dorfkern als Tauschgeschäft mit einem Grundstück außerhalb des Dorfes. Sefa und Heini hoben den Grund eigenhändig aus, karrten Ziegel um Ziegel herbei und halfen den Maurern. Tagsüber arbeitete Heini im Straßendienst, abends beim Hausbau. „Deis isch a morts Gschint gwesn“, betont sie. Ihr Haus war Mitte der 1960er Jahre fertiggestellt und hatte als einziges in der Bruggergasse ein Badezimmer. Vor allem die Kinder aus der Nachbarschaft waren davon angetan. „Der Reih noch sein si bodn kemman“, erinnert sich Sefa: „Für‘n 100 Liter Boiler hon i oft an Haufn Holz braucht“.
Großer Unterstützer in all der Zeit war Adolf Zierheld. Er und Heini waren unzertrennliche Freunde und Jäger. Oft gingen sie gemeinsam auf die Pirsch. „In Zerza sein si amol mitn Jeep in Boch innigforhn“, lacht sie. Nach einem Krankenhausaufenthalt ging Heini einmal sogar mit Krücken auf die Jagd und erlegte einen Hirsch. Nächtelang pflegten die beiden Freunde das Jägerlatein und tauschten auch ihre Kriegserfahrungen aus. Als Mitglieder in der Frontkämpfer Vereinigung unternahmen sie mit ihren Frauen Ausflüge, so zu den bayrischen Königsschlössern und zum Bodensee. Sefa war öfters auch mit den Bäuerinnen unterwegs. Beim Schneetreiben auf der Malser Haide durchlebte Sefa oft bange Stunden. Bis tief in der Nacht musste sie auf seine Rückkehr warten. „Selm hon i drhoam mit die drei klone Kinder oft zittert“, meint sie.
Das Meer sah Sefa zum ersten Mal im Alter von 88 Jahren. Heidi hatte sie nach Jesolo mitgenommen. Oft denkt Sefa noch an die verspätete Hochzeitsreise an den Wörthersee - ein Geschenk ihrer Töchter. Es war kurz bevor Heini 2011 starb. Mit Hilfe ihrer Familie gelang es ihr den schmerzlichen Verlust zu überwinden. Sie ist dankbar dafür und froh, jeden Tag aufstehen zu können.