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Portrait

„Bitte, lasst die Kinder in Ruhe…“

von Magdalena Dietl Sapelza
Marta Mur war durch den Pressespiegel in RAI-Südtirol auf die Missbrauchsgeschichte von Gernot Paulmichl aufmerksam geworden. Die „Neue Südtiroler Tageszeitung“ hatte das Portrait übernommen, das im „Vinschgerwind“ am 05. 02. 2026 veröffentlicht worden war. Sofort kaufte sie die Tagezeitung und trat mit Gernot in Kontakt. Es war ihr Wunsch auch ihre Geschichte zu erzählen - um wachzurütteln.
veröfftl. am 08. Juli 2026

Marta Mur, Jg. 1949, Burgstall. Ihr Leben ist gezeichnet von den sexuellen Übergriffen, denen sie jahrelang ausgesetzt war. Sie leidet an MCS (Multiple Chemikalien Sensitivität), d. h. an Elektrosmog und an Chemikalien- und Metallunverträglichkeit. „Das ist eine schlimme Sache, die mir mein Leben schwer macht“, meint sie.

Wenn ich nur ein einziges Kind rette, lohnt es sich, meine Geschichte öffentlich zu machen“, betont Marta. Sie war als Fünfjährige zuerst von einem ihr unbekannten Besucher missbraucht und dann jahrelang von ihrem Vater vergewaltigt worden. Alles passierte auf einem Hof bei Kastelruth. Marta hatte drei Brüder. Sie war die Jüngste. „Meine Mutter wollte mich abtreiben lassen“, erklärt sie. „Die Schwester der Mutter, eine Nonne, hat das verhindert. Oft habe ich mir nachher gewünscht, sie hätte mich abgetrieben, dann wäre mir vieles erspart geblieben.“ Marta war zehn Jahre alt, als ihr Vater zum ersten Mal über sie herfiel. Verletzt, blutend und traumatisiert blieb sie stumm. Sie hatte Angst, die Mutter könnte ihr die Schuld zuweisen: „Wenn die Mutter das erfährt, erschlägt sie mich“, dachte sie. Ein langes Martyrium begann. „Fast täglich hat er mich vergewaltigt, oft auch mehrere Male am Tag, im Stall, in der Scheune, auf den Feldern, überall, wo er mich zu fassen bekam“, erzählt sie. „Er hat mir gesagt: Wenn du einmal blutest, musst du es mir sagen, damit ich dir kein Kind mache.“ Als 12-Jährige vertraute sie sich bei einer Beichte dem Pfarrer an. Dieser rief sie ins Widum. Dort redete er ihr ein, dass sie ihren Vater, der auch sein Mesner war, verhext habe, und dass er ihr nun den Teufel austreiben müsse. Eingeschüchtert ließ sie das Exorzismus-Ritual über sich ergehen. Kurz danach fasste sie doch den Mut, ihrer Mutter alles zu beichten. Ein fürchterliches Donnerwetter brach los. In ihrer Wut zeigte die Mutter ihren Mann an. Carabinieri kamen. Dem Vater wurde gedroht, dass er bei einer Wiederholungstat eingesperrt werden würde. Doch der Vater ließ nicht von Marta ab. „Meine Mutter hat es gewusst und nicht verhindert“, betont sie. „Ich wäre oft am liebsten aus dem Fenster in den Tod gesprungen. Nur die Angst hat mich zurückgehalten“, beschreibt sie. „Meiner Mutter muss es irgendwann doch zu viel geworden sein. Sie brachte mich zur Familie ihres Bruders.“ Doch Marta war auch dort nicht sicher. „Wenn der Onkel allein im Haus war, fiel auch er über mich her“, erzählt sie. „Ich sehe mich noch heute geschockt dastehen, wie eine Betonsäule.“ Marta nässte das Bett und wurde heimgeschickt. Dort wurde sie erneut von ihrem Vater vergewaltigt. „Ich konnte mich nicht wehren, war wie ohnmächtig und weinte, bis ich nicht mehr weinen konnte.“ Sie war 15 Jahre alt, als ihre Tante, die Nonne, sie endlich ins Kloster nach Mühlbach holte. Es war eine Befreiung. Dort kam Marta endlich zur Ruhe. Sie besuchte die Haushaltsschule in Sterzing und fand eine Anstellung im Liebeswerk in Meran. „Wenn ich früher gewusst hätte, dass es das Liebeswerk gibt, wäre ich von daheim weggelaufen“, meint sie. Beim „Hans Wirt“ in Meran lernte sie Sepp Mur kennen und lieben. Noch vor der Hochzeit 1975 erzählte sie ihm ihre tragische Geschichte. „Ich habe geglaubt, damit wäre alles überwunden, doch dem war nicht so“, sagt Marta. „Sepp war immer einfühlsam und liebevoll. Eigentlich hat er mein Leben gerettet. Aber er hat es schwer mit mir gehabt. Ich hätte mir gewünscht, er wäre nur mein Bruder und nicht mein Ehemann.“ Die intimen Berührungen waren für Marta immer schmerzhaft. Nachdem sie Mutter eines Sohnes geworden war, hatte sie Angst, den Kleinen beim Wickeln zu berühren. Sepp stand ihr zur Seite und brachte sie zu einer Selbsthilfegruppe. „Dort sind dann meine Tränen geflossen“, sagt sie. Sie nahm psychologische Hilfe in Anspruch. Um ihr Leid aufzuarbeiten, wurde ihr geraten, ihren Vater zu kontaktieren, der inzwischen in einem Altersheim lebte. Im Jahr 2000 hatte sie endlich die Kraft zu ihm hinzugehen. Sie hielt dem 87-Jährigen das Foto hin, das sie als sechsjähriges Mädchen zeigt. Und sie fragte ihn, ob ihm bewusst sei, was er diesem Kind angetan hatte. Er antwortete: „Ja und, … du hast ja kein Kind von mir“. In Tränen aufgelöst fuhr Marta zu ihrem Sepp nach Hause, der sie tröstend in die Arme nahm. Sepps plötzlicher Tod 2007 stürzte Marta in eine tiefe Krise, aus der sie sich nur langsam wieder erholte.
Eine neue Aufgabe fand sie mittlerweile als Freiwillige in einem Seniorenheim in Lana. Aus der bitteren Erfahrung heraus versucht sie nun zum Thema Missbrauch wachzurütteln. Den triebhaften Menschen rät sie, sich Hilfe in Anlaufstellen zu suchen. Und sie möchte am liebsten öffentlich protestieren und in die Welt hinausschreien: „Bitte, lasst die Kinder in Ruhe, denn ihr zerstört ihr Leben.“