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Portrait

„I moan, dr Heargott hot mi vergessn“

von Magdalena Dietl Sapelza
Die 97-jährige Martha Zerzer übersiedelte im Jahr 1940 als Elfjährige von Mals nach Partschins. Ihre Familie hatte in der Fraktion Töll einen Hof übernommen. Später heiratete sie den neun Jahre älteren Franz Schönweger vom Nachbarshof. Jahrzehnte lang arbeitete sie im Gastgewerbe. Sie war als gute und resolute Köchin geschätzt und weitum bekannt.
veröfftl. am 24. Juni 2026

Martha Zerzer Schönweger Jg.1929, geboren in Mals, in ihrer Wohnstube in der Fraktion Töll. Liebevoll umsorgt wird sie von ihrem Sohn Wolfgang und seiner Familie. Besonders freut sie sich über den Besuch ihrer zwei Enkel- und ihrer vier Urenkelkinder

Frau Martha liebt das Blind Watten. Wer zum Kartenspielen zu ihr kommt, kann immer mit einer köstlichen Marende rechnen, die sie zuvor hat vorbereiten lassen. „Es kemman olleweil weniger, weil foscht olle meine Bekonnte gstorbn sein“, bedauert sie. Martha wuchs als Jüngste von vier Kindern bis zu ihrem 11. Lebensjahr in Mals auf. Ihr Vater arbeitete im Elektrizitätswerk der Montecatini und die Mutter war Hausfrau. Im Kindergarten wurde nur italienisch gesprochen, genauso wie später in der Schule. Das änderte sich 1939 nachdem Marthas Vater 1939 für Hitlerdeutschland optiert hatte. Dann wurde sie in Deutsch unterrichtet. Der Vater verlor daraufhin die Arbeit, und Marthas zwei Brüder wurden zur Wehrmacht einberufen. 1940 konnte der Vater in der Fraktion Töll einen kleinen Hof übernehmen, auf dem die Familie mit einer kleinen Anzahl an Tieren, mit dem Anbau von Getreide und Obstanbau über die Runden kam. Der Vater litt sehr unter der Situation. Ein Schlaganfall riss ihn noch im selben Jahr aus dem Leben. Bis zur Rückkehr ihrer Brüder bewirtschaftete die Mutter den Hof allein, unterstützt von Martha und deren Schwester. Das Korn ließen sie in einer Mühle mahlen, von denen es sieben in der Gegend gab. Ihrem späteren Mann Franz Schönweger begegnete Martha zum ersten Mal in Soldatenuniform in der Scheune des Nachbarhofes, als er sich in den Krieg verabschiedete. Sie sah in erst wieder, nachdem er 1946 aus der Jugoslawischen Gefangenschaft zurückgekehrt war. „Ondere Buabm sein nia koane zu miar kemmen, wail i koa Partschinserin gwesn bin“, erklärt sie. „Unt i bin a nia oane gwortn.“ Martha und Franz gaben sich 1954 in der Barbarakapelle in Meran das Ja-Wort. Kurze Flitterwochen verbrachten sie in Bregenz. „Der Franz hot miar selm in Bodensee zoag“, lacht sie. Martha zog zu Franz auf den Hof und unterstützte ihn tatkräftig. Sie lebten bescheiden. Anstrengend war die Arbeit in der großen Birnen Anlage. 1955 brachte Martha den Sohn Wolfgang zur Welt. Als dieser aus dem Gröbsten war, suchte sie nach einem Zuerwerb und fand diesen im nahen Gasthof Edelweiß. „I bin Bügelfrau, Kuchamadl und Kindsdiarn gwesn“, sagt sie. Traumatisch verlief die Geburt ihres zweiten Sohnes im Jahre 1962. Der Kleine lebte nur eine Stunde lang. „Deis Poppele begrobm zu miaßn, hot fescht weah toun“, sagt sie. Martha stürzte sich in die Arbeit. Sie ließ sich als Köchin in den Ferienhäusern der Deutschen Bundeswehr auf Mitterplars verpflichten. Einst von den Nazis als Urlaubsdomizile gemietet, wurden diese Häuser auch noch nach dem Krieg von deutschen Gästen genutzt. Martha kochte für die wechselnde Kundschaft anfangs nur während der Sommersaison und bald schon das ganze Jahr über. Als Autodidaktin verstand sie es hervorragend, geschmackvolle Gerichte auf die Tische zu zaubern. Beim Kochen war sie voll in ihrem Element. Später stand sie jahrelang am Herd im „Hirschenwirt“ in Algund und dann in der „Garberstube“ in Partschins. Immer wenn es die Zeit erlaubte, spielte sie Karten. Gerne nahm sie an den Reisen teil, die der Verband der Gastwirte anbot. Sie genoss auch die Meeraufenthalte in Lignano, wo sie in einer Ferienwohnung für die Familie kochte. Während einer Wallfahrt in Maria Waldrast erlitt Martha eine Lungenembolie. Dass sie nach einem Krankenhausaufenthalt geheilt heimkehren konnte, schreibt sie dem Heilwasser zu, das sie regelmäßig getrunken hatte. Eine bedrückende Zeit brach an, als ihr Mann an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war. Fürsorglich stand sie ihm zur Seite. „Er isch gonz geduldig gwesn und hot nia gjammert“, sagt sie. Franz starb im Jahre 1982 im Alter von 64 Jahren. Martha ist seit 44 Jahren Witwe. Sie pflegte Freundschaften, wanderte und lud Gäste ein. Mittlerweile hat sich vieles geändert. Martha ist gebrechlich geworden und irgendetwas tut immer weh. „Di Schmerztabletten helfen guat“, lacht sie. Traurig ist sie darüber, dass sie nur noch wenige Besuche bekommt, denen sie Karten austeilen und die sie mit einer Marende verwöhnen kann. Oft fühlt sie sich einsam. „I kear schun long aweck“, meint sie. „I moan, dr Heargott hot mi vergessn.“