Sankt Martin und Martini in Göflan
Den Kirchturm in Göflan ziert zu Martini ein weitaus sichtbares und abends beleuchtetes “M”, die Initiale des heiligen Martin. (Foto Gianni Bodini)
In der Tradition der katholischen Kirche ist der heilige Martin einer der bekanntesten Heiligen. Der Gedenktag des Heiligen fällt auf den 11. November. Da die Pfarrkirche in Göflan dem heiligen Martin geweiht ist, war Martini in Göflan schon immer das wichtigste kirchliche und zugleich gesellschaftliche Fest des Jahres.
Der heilige Martin
Martin wurde um 316 im heutigen Ungarn als Sohn eines röm. Offiziers geboren und trat in jungen Jahren selbst in die Armee ein. Bekannt ist die Legende, nach der er an einem kalten Wintertag am Stadttor von Amiens (Frankreich) seinen Soldatenmantel mit dem Schwert teilte und die eine Hälfte einem frierenden Bettler gab. Als volksnaher Heiliger ist der heilige Martin Schutzheiliger der Reisenden, der Armen und Bettler. Im erweiterten Kreis gilt er auch als Schutzpatron der Haustiere und Gänse, was eng mit der berühmten Gänsestall-Legende und seiner Rolle als Reiter zusammehängt. Symbolisch steht der heilige Martin auch für Nächstenliebe und Solidarität. Höchst interessant ist die Tatsache, dass er schon zu Lebzeiten einen Biograph namens Sulpicius Severus hatte, der in Latein die “Vita St. Martini” verfasste. Martin muss also schon zu Leibzeiten eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Der Hl. Martin wird nicht nur in der katholischen Kirche verehrt, sondern auch in der orthodoxen, der evangelischen und anglikanischen Kirche und ist somit ein Heiliger mit europäischer Dimension.
St. Martin in Göflan
Im Vinschgau befinden sich eine ganze Reihe von Martinskirchen. Die vielleicht älteste befindet sich in Göflan. Karl Alber (“Proxn-Lehrer” in Göflan, Jahrgang 1937, erst kürzlich verstorben am 23. September) schreibt in seinen Aufzeichnungen: “Der Überlieferung nach soll Göflan als erstes Dorf im Vinschgau das Christentum angenommen haben. Ob Göflan tatsächlich die Urpfarre des mittleren Vinschgaus war, ist jedoch umstritten. Fest steht, dass der Einfluss der Göflaner Kirche früher weit über das Dorf hinausreichte. Noch 1572 kauften sich die Bewohner von Vent im Ötztal um 50 Gulden von der Pfarrgehörigkeit zu Göflan frei. Auch Bewohner entlegener Höfe im Schnalstal und am Sonnenberg ließen ihre Verstorbenen bis ins 16. Jahrhundert in Göflan beerdigen. Waren die Pässe im Winter unpassierbar, wurden die Toten bis zur Beisetzung oft auf den Dachböden aufbewahrt. Bereits 1170 wird eine Pfarre Schlanders erwähnt, zu der auch Göflan, Kortsch und Martell gehörten. Deshalb wird von manchen Historikern bezweifelt, dass Göflan jemals die Urpfarre des mittleren Vinschgaus war. Die Bezeichnung “Pfarrkirche” in der Schenkungsurkunde von 1212 könnte verwendet worden sein, um den Wert der Schenkung zu erhöhen. Eine eigene Pfarre erhielt Göflan erst 1779. Der letzte Pfarrer war Johann Kuntner. Seit 1985 wird das Dorf wieder von der Pfarre Schlanders betreut.”
Martini in Göflan
Martinspatrozinien weisen auf ein hohes Alter hin. Die Verehrung des Hl. Martin wurde vor allem von den Franken gefördert und zu uns gebracht. Der geliebte Heilige wird in Göflan schon seit jeher richtig gefeiert und begossen. Die Göflaner feiern ihren Kirchenpatron an dem Wochentag, auf den er fällt. Es gibt keine Verlegung auf den Sonntag. Ein Kuriosum in Göflan ist auch, dass Martini nie an einem Sonntag gefeiert wird. Fällt Martini auf einem Sonntag, dann wird samstags gefeiert. Der Sonntag bleibt der Tag des Herrn. Früher gab es in Göflan noch die Tradition der Bittgänge. Da kamen die Leute schon am Vortag von überall her, haben in Göflan übernachtet, gut gegessen und gefeiert. Elmar Dietl vom vom Traditionsgasthaus Zum Löwen erzählt: “Was ich von unserem Gasthaus her weiß, ist, dass zu Martini schon am Vortag immer über Morter die Marteller gekommen sind. Meine Schwester Monika hat mir erzählt, dass ihr immer aufgetragen wurde, aus dem Fenster zu schauen, bis sie kommen. Wenn dann alle da waren, war unser Gasthaus bis auf den letzten Platz gefüllt, die Veranda, das “Herrenstübele” und auch die “Bauernstube”. Unsere Mutter Isabella war immer ganz nervös und besorgt, ob ja alles gut läuft und alle zufrieden sind. Zum Glück hatten wir gute Nachbarinnen, die uns immer behilflich waren. Meine Mutter erzählte mir auch, dass sie einmal 1.000 Krapfen verkauft habe, und diese wurden alle im Haus gegessen, nicht weggetragen! Zu Martini haben wir etwa 4 bis 5 Fockn geschlachtet, für Hauswürste und Schweinernes. Gefeiert wurde immer bis spät in die Nacht hinein. Einmal sagte sogar mein Vater, dass er jetzt froh sei, dass der Wein ausgegangen ist. Sogar ihm wurde es zuviel.” Elmars Schwester, Monika Dietl erinnert sich: “Wir haben immer auf Martini gewartet. Es kamen viele Besucher, besonders ältere Leute, vor allem die Bauern: die Marteller, die Oberländler und Kortscher Bauern, aber auch unsere Verwandten von Marein in Vetzan und von Naturns. Auch die Schlanderser ließen es sich nicht nehmen, bei uns zuhause und bei den anderen Gasthäusern im Dorf einzukehren und zu feiern.”
Das “Schrockn”
Eine höchst interessante Tradition in Göflan ist das “Schrockn”. Der Brauch ist schriftlich kaum dokumentiert und lebt vor allem durch mündliche Überlieferung. Monika Dietl Pircher: “Das Schrockn ist schon schön und gehört in Göflan dazu. Das verstehen bei uns sogar schon die Hunde, wenn es anfängt zu schrockn, dann wird danach geschossen.” Das Dialektwort schrockn stammt höchstwahrscheinlich vom Wort erschrecken ab. Heute wird das Schrockn in Göflan von den Schützen übernommen. Kurz vor dem Gottesdienst, vor dem eigentlichen Glockengeläut, steigen einige Männer in den Kirchturm und schlagen die drei Glocken gleichzeitig von Hand mit den Klöppeln an. Dadurch entsteht ein Klang, der sich deutlich vom gewöhnlichen Glockengeläut unterscheidet. Nach dem Schrockn wird geböllert: Auf einmal Schrockn folgt ein Böllerschuss, auf zweimal Schrockn folgen zwei Böllerschüsse und so weiter - bis zu fünfmal Schrocken und fünf Böllerschüssen. Geschrockt wird zweimal am Tag, einmal vor dem Hauptamt und dann nachmittags vor dem Rosenkranzgebet. Die symbolische Bedeutung des Schrockn kann aus christlicher Sicht als ein symbolischer Ruf zum Erwachen und zur Vorbereitung auf den Gottesdienst verstanden werden.
Im Laufe der Jahre hat sich Martini allerdings stark verändert. Die größte Veränderung ist sicherlich damit zu erklären, dass die Viehwirtschaft vom Obstbau abgelöst wurde und die Verbindung des heiligen Martin zum Vieh, so wie sie früher bestand, heute nicht mehr besteht. Monika Dietl Pircher: “Die Kirche ist heute schon auch noch voll, wenn es auch nicht mehr so ist, wie früher. Am Martinstag erfolgt morgens die “Aussetzung”, d.h. das Allerheiligste wird bis zum Amt auf den Altar gestellt. Um 9 Uhr findet das Hochamt statt und nachmittags um 15 Uhr wird dann noch der Rosenkranz gebetet.”
In Göflan wird das Fest des heiligen Martin auf besonderer Weise auch von den Göflaner Kindern gefeiert. Schon eine Woche vor Martini wird eine Holzskulptur des heiligen Martin, welche von Peppi Wielander angefertigt wurde und sich im Haus Dietl befindet, in den Kindergarten getragen, um die Kinder auf das Martinsfest vorzubereiten. Der Martiniabend gehört dann ganz den Kindern, die mit ihren selbst gebastelten Laternen singend durchs Dorf bis zur Kirche ziehen, um bei einer Andacht die Botschaft des Lichtbringens und des Teilens zu vermitteln. Bis vor einigen Jahren, so erinnern sich ältere Göflaner, hatten Kindergartenkinder und Schüler an Martini sogar unterrichtsfrei.
Das Martinsfest hat in Göflan eine lange Tradition und prägt den Charakter des Dorfes. Martini ist ein lebendiges Bekenntnis zu Geschichte, Glaube und Gemeinschaft. Dennoch sollte hinterfragt werden, ob die große
Anzahl der Böllerschüsse und die damit verbundene Lärmbelästigung heute noch gerechtfertigt sind. Tradition darf nicht bedeuten, dass die Bedürfnisse und die Ruhe anderer Menschen unbeachtet bleiben. Eine Reduzierung der Schüsse wäre ein Zeichen gegenseitiger Rücksichtnahme, ohne das Martini-Fest als Ganzes in Frage zu stellen.
Die Holzskulptur des Hl. Martin, angefertigt von Peppi Wielander (Foto Peter Tscholl)