Stiegen Treppen Stufen steigen
Rom, 1933, GIL
Neben dem „Schwarzen Quadrat“ von Kasimir Malewitsch ist das Bild von Marcel Duchamp „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr.2“ ein Schlüsselwerk der Malerei des 20. Jahrhunderts. Mit seinem rätselhaft schönen Gemälde „Ema“ (Akt auf einer Treppe), hat Gerhard Richter 1966 eine weitere Ikone geschaffen.
In Kunst und Architektur sind es bei weitem nicht immer die großen Würfe und Gesten, die Qualität und Können bestätigen, sehr oft sind es kleine Details oder vermutete Nebensächlichkeiten. Eine gute Ausrichtung des Gebäudes, eine Farbnuance, ein Milchkrug, ein Ring, eine Perlenkette, Handläufe, Türklinken, Treppenstufen.
Treppen sind keine Nebensächlichkeiten, sie sind markante Bauelemente, die bis heute durch ihre Form, Materialität und Konstruktion die Bedeutung des Hauses und den Rang seines Eigentümers hervorheben und bestätigen. Die Faustregel besagt, je bedeutungsloser und weniger wohlhabend die Bewohner eines Hauses sind, desto enger und steiler ihre Treppen, je einfacher und sparsamer das Haus und seine Bewohner leben, desto höher die Treppenstufen. In wichtigen Gebäuden, in Adelshäusern, Bischofssitzen, in bedeutenden öffentlichen Repräsentationsbauten finden wir ein angenehmes und ungefährliches Steigungsverhältnis, das es den Herrschaften ermöglicht, ihren Schritten angemessen und ohne Benutzung des Handlaufes gemütlich auf- und abzusteigen. Je mehr Platz zur Verfügung, je wertvoller das Gebäude, desto entgegenkommender ist der Steigerungsgrad der Treppen, die jedoch immer Schrittlänge und Aufstiegshöhe in ein ideales Verhältnis zu setzen haben.
Die Treppe ist ein architektonisches bzw. technisches Gestaltungselement und zugleich ein Repräsentations- und Würdemotiv. Ebenerdig befinden sich die Werkstätten der Handwerker, die Magazine, Lager und Garagen. Niemals und nirgends finden wir die Kanzlei eines Bürgermeisters, eines Advokaten, einer Präfektur, eines Bischofs auf ebener Erde, immer muss eine Treppe bestiegen werden, um wichtige oder bedeutende Räumlichkeiten zu erreichen. Die Spanische Treppe, die scalinata di Santa Maria in Aracoeli und das Opernhaus alla Scala sind die berühmtesten Treppen weit und breit. Im Vinschgau ist es eine schmale Treppe oder Stiege hinauf zur Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau in Schnals. Genau dort wurden die Pilger aus St. Martin am Kofel jedes Jahr im Juni vom Pfarrer begrüßt. Auch die lokalen Prozessionen, mit allen Heiligen und Fahnen, mussten die Stufen hinauf zur Kirche bewältigen.
In Schlanders ist das um 1910 fertig gestellte, sogenannte Zinshaus, laut Stufenhöhe, Auftrittsqualität und Steigungsverhältnis das eleganteste Gebäude im Ort. Den Beamten der Bezirkshauptmannschaft und der Sparkasse sollte ein gutes, städtisches Ambiente geboten werden. Die Qualität einer Treppe bestimmen neben dem Steigungsverhältnis auch die Treppenstufen, das Material, die Form und Bearbeitung der Auftrittskanten. Seit es Treppen gibt, werden die Treppenstufen an der Kante gerundet oder abgeschrägt. Aus Gründen der Bewegungs- oder Auftrittsqualität und der Sicherheit. Das war der jahrhundertelange, eigentlich jahrtausendelange Goldstandard. Von den antiken Tempeln über Andrea Palladio, Gian Lorenzo Bernini, Fischer von Erlach zu Luigi Moretti und dem Bauhaus, alle großen Meister haben die Kanten der Treppenstufen gerundet. Wer ein aussagekräftiges Beispiel architektonischer Kompetenz sucht, dem reicht es, Treppen zu betrachten.
Im städtischen Ambiente des 21. Jahrhunderts spielt die Treppe keine Rolle mehr. Fahrstuhl, Lift und Aufzug haben den Wert und die Bedeutung der Treppen zum Fluchtweg degradiert. Das Empfangskomitee für prominente Gäste stellt sich nicht mehr am Fuß der großzügigen Freitreppen auf, sondern an den Stufen der Gangway des gelandeten Fliegers.
Erich Kofler Fuchsberg
Villa Emo, Andrea Palladio, 1554
Schlanders, Bibliothek, 1999