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Kultur

Straßen für Menschen

von Erich Kofler Fuchsberg
veröfftl. am 24. Juni 2026

Bernard Rudofsky, österreichisch-amerikanischer Architekt, Architekturtheoretiker, Kulturhistoriker, Autor mehrerer einflussreicher Publikationen über Bauen und Leben, wie das auf Englisch 1964 erschienene „Architecture without Architects“ oder 1969 „Streets for People“, Deutsch 1995 „Straßen für Menschen“, hat mir den Titel für diesen ­Artikel gegeben. Rudofsky hatte unsere Lebensrealität in einem Satz zusammengefasst: „Keine neue Bauweise, eine neue Lebensweise tut Not“. Diese enorm treffende Diagnose hatte großen Einfluss auf die Diskussionen und das Denken in Zusammenhang mit unseren Vorstellungen von Lebensgestaltung, den aktuellen und künftigen Aufgaben in Urbanistik und Architektur.
So gut wie immer gab es vor der Entstehung eines Dorfes oder einer Stadt ein Straßen- oder Wegenetz, an dessen Kreuzungen, Knotenpunkten, ­Brücken oder Übergängen sich die ersten ­Unterkünfte, ­Herbergen, Wirtshäuser, Hospize und andere Versorgungsstellen angesiedelt hatten. Neben der Erreichbarkeit von Trinkwasser ist ein funktionierendes Wegenetz die erste Vor­aussetzung für dauerhafte und erfolgreiche Ansiedlungen. Unsere Dörfer waren ehemals von etlichen Pfaden, Steigen und Gassen durchzogen, die meist den kürzesten Weg von den Wohnungen, Gehöften, Ställen auf die Felder und Wiesen und zu den wichtigsten Gebäuden im Ort, zu den Kirchen, Wirtshäusern und Brunnen gefunden hatten. Vor allem waren es die Kirchsteige, die im Dorf als auch von entfernten Gehöften ohne große Umwege zur jeweiligen Kapelle oder Kirche meist nur für Fußgänger angelegt ­waren.
Diese kleinteiligen Strukturen gehen zurück bis in die Anfänge der Siedlungen, sie sind entstanden während der Errichtung der Gebäude oder Hofstellen und nahm ihren Verlauf durch private Grundstücke, durch Anger oder Wiesen, entlang von Grundstücksgrenzen, zwischen oder unter Gebäuden hindurch, vorbei an Stall- und Haustüren, direkt hinein in den Hofraum und wieder hinaus. Alles kein Problem, Haupt­sache ohne Hindernisse und ohne Umwege ans Ziel zu kommen. Seit Ötzis Zeiten bis in die 1970er oder 1980er Jahre waren viele dieser Wege, Pfade oder Steige noch in Gebrauch als wichtiger Beitrag für die kleinräumige Erschließung, bevor der Autoverkehr vieles oder fast alles überrollt hat. Die Gemeindeverwaltungen hatten selten den Weitblick und die Kompetenz, die wertvollen Mikrostrukturen in die Bauleitpläne oder den Ensembleschutz aufzunehmen, bzw. auf deren Erhalt zu bestehen. Die kurzsichtige Idee der autogerechten Stadt oder des autogerechten Dorfes hat einige dieser alten Verbindungen ausgelöscht, und die neu errichteten haben nicht mehr die einladende Freundlichkeit der ehemaligen Steige und Gassen, die gut angelegt, schön anzusehen und fein zu begehen sind, deren Form und Führung allein durch das Benützen entstanden ist: Ohne große Planung, ohne Ingenieure, ohne ­Architekten, ohne Politik, ohne Verordnungen, und genau deshalb voller Anmut und Schönheit sind.