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Kultur

Den Urkräften auf der Spur

von Heinrich Zoderer
veröfftl. am 06. Januar 2026

Atlantis der Berge

Ist es möglich, das Unsichtbare sichtbar und spürbar zu machen, die Urkräfte der Erde einzufangen und aufzuzeigen, dass der Mensch Teil der Natur ist, eingebunden in einen komplexen Kreislauf von Werden, Wachsen und Vergehen? Es ist eine philosophische Frage nach dem Sinn und unserer Rolle auf Erden. Antworten kann man in Büchern nachlesen, in Gedichten bzw. Liedern nachspüren und in Filmen nachempfinden. Und dann muss jeder seine eigene Antwort finden. Philipp Egger ist mit der Kamera aufgebrochen auf der Suche nach den Urelementen, den Urkräften, der Wildnis, das Mystische und Unsichtbare, das uns umgibt, ernährt und beschützt, manchmal auch bedroht und vernichtet. Es ist die Suche nach dem Göttlichen, nach der Seele und den Grundstrukturen der Natur. Wie ein Jäger legt er sich auf die Lauer, atmet in der Nacht die Stille, wartet mit Geduld und Ausdauer, um das Leben vom Uhu, Steinböcken und Eisvögeln zu studieren, um ihnen näher zu kommen und zu begreifen, wie sie in Grenzregionen überleben. In entlegenen Gegenden im Stilfser Joch Nationalpark, im Gebirge, in Felsregionen, auf Eisfeldern, Vulkanen und bei Wasserfällen, bei eisiger Kälte, im Nebel und in finsteren Nächten findet Philipp seine Antworten, seine Bilder, die zu persönlichen Glücksmomenten werden. Fotografieren bedeutet für ihn ausbrechen aus dem Alltag, um das Gefühl der Freiheit zu spüren. Er muss dabei Grenzen aufsuchen, Angstgrenzen überwinden und oft vorstoßen bis zur Todesgrenze. Wie ein Getriebener sucht der Prader Naturfotograf diese Grenzen auf, muss auf den richtigen Moment warten, bis alles stimmt: das Licht, die Stimmung, das Motiv, die Magie des Augenblicks. Philipp Egger ist im Jahre 2000 in Schlanders geboren und in Prad aufgewachsen. Er ist gelernter Mechaniker und Maschinenschlosser, hat in der Schweiz im Tunnelbau gearbeitet, um Geld für eine professionelle Fotoausrüstung zu verdienen. Nun arbeitet er als Naturfotograf und Dokumentarfilmer. Als Kameramann ist er beteiligt bei Naturdokumentationen für die bekannte ORF-Reihe Universum. Und dies alles als Autodidakt, der keine Fotolehre und auch keine Ausbildung als Kameramann vorweisen kann. Trotzdem hat er im Jahre 2025 mit erst 25 Jahren insgesamt sieben nationale bzw. internationale Preise als Natur- und Tierfotograf erhalten und konnte Auszeichnungen u.a. in London, San Francisco und Los Angeles entgegennehmen. Seine Bilder kann man in den renommiertesten Naturkundemuseen und Galerien in Europa, USA, Kanada, Japan und Australien bewundern.

Naturbilder, geboren aus Gefahren, Geduld und Staunen

Als kleiner Junge ging er mit seinem Großvater und Vater fischen, später begleitete er seine Eltern bei der Jagd. Das Warten, das Aufspüren, das Folgen einer Spur und das Beobachten der Tiere im Wasser, in der Luft, im Wald und über der Waldgrenze, das hat er in jungen Jahren gelernt. Während andere Fußball spielten, verkroch er sich mit einem Buch und betrachtete die Bilder von Vulkanen. Die Vögel in der Luft, das gefrorene Eis der Gebirgsbäche und fließende Lava von Vulkanen faszinieren ihn seit der frühesten Jugend. Hier spürt man die Urelemente Luft, Wasser und Feuer und die Urkräfte, welche die Erde formen und gestalten. Das ist seine Bilderwelt, die will er einfangen, abbilden und anderen zeigen. Inspiriert vom Buch „Der Schneeleopard“ von Sylvain Tesson, der gemeinsam mit dem Fotografen Vincent Munier nach Tibet reist, auf der Suche nach dem Schneeleoparden, so begab sich Philipp Egger auf die Spuren des Uhus. Seine Bilder sind nur ganz selten Zufallsbilder. Die meisten Bilder entstehen zuerst als Idee im Kopf, müssen lange im Kopf geformt werden bis sie an Klarheit gewinnen. Und dann muss sich der Fotograf auf die Suche nach dem Bild im Kopf machen. Das kann Wochen, Monate und Jahre dauern. Der Uhu ist ein extrem scheuer, sensibler und nachtaktiver Raubvogel. Philipp begab sich in ein schwer zugängliches Gelände, er verbrachte dort viele Nächte, musste sich abseilen, warten und den Uhu aufspüren. Nachdem er ihn in einer Felsnische fand, musste sein Jagdverhalten, die Flugrouten und der Nistplatz studiert und alles ganz genau aufgezeichnet werden. Und erst dann konnte er Fotos vom Schattenjäger der Alpen machen. „Mit Wärmebildtechnik und monatelanger Geduld folgte ich seiner Spur, kletterte in vergessene Schluchten, wartete in der Einsamkeit – bis mir eines Abends das Unmögliche geschenkt wurde, ein Moment, in dem die Zeit innehielt und seine Seele sichtbar wurde. Der Blick dieses Wesens – uralt, ruhig, tief – wurde zum Bild.“ So beschreibt Philipp Egger diesen unbeschreiblichen Moment. Dieses Werk wurde in London beim „Wildlife Photographer of the Year“ zum Siegerbild in der Kategorie „Animal Portraits“ gekürt, dem bedeutendsten Naturfotowettbewerb der Welt. Das Unsichtbare wird sichtbar, wenn man das Bild lange genug betrachtet.

Atlantis der Berge – Glühende Stille

Zwei Bilder des jungen und erfolgreichen Naturfotografen Philipp Egger möchte ich hier präsentieren. „Atlantis der Berge“ ist eine Nachtaufnahme vom Turm im Reschensee. „Am 11. Mai 2024 geschah das Unvorstellbare“, so schreibt Philipp. „Polarlichter in den Alpen, ein seltenes, überirdisches Schauspiel, das den Himmel in flammendes Grün, Purpur und Rot tauchte“. Eine Hommage an die unendliche Kraft der Natur. Das zweite Bild „Glühende Stille“ ist eine Drohnenaufnahme am Ätna auf über 3.000 Metern, an der Grenze zwischen Feuer und Eis. „Der Vulkan öffnete seine Kruste und glühende Lava fraß sich über die weißen Hänge, während dichter Hochnebel in surrealen Farben erstrahlte. Das Bild Glühende Stille ist eine Verschmelzung aus Naturgewalt, Vergänglichkeit und erhabener Ruhe – ein flüchtiger Augenblick, in dem die Erde atmet und die Zeit still steht.“, so beschreibt es Philipp sehr poetisch. Auf meine Frage, ob er auch Menschen fotografiert, zeigt mir Philipp ein Bild. Ich sehe nur einen gewaltigen Wasserfall. Erst langsam entdecke ich am Fuße des Wasserfalls eine Frau. Das ist der Mensch, ein kleiner Teil einer gewaltigen Natur voller Kräfte und Schönheiten. Mit seinen Bildern will Philipp, dass die Menschen die Natur sehen und vor allem will er, dass sie sie spüren und sich selbst als Teil dieser großartigen Natur begreifen. Anfang November zeigte er seine Bilder und einen Film auf einer Großleinwand bei der „Nacht der Naturbilder“ in der Basis von Schlanders einem interessierten Publikum. Der Erfolg war überwältigend. Solche Auftritte möchte er in Zukunft vermehrt anbieten. Er denkt sogar daran, eine Stiftung zu gründen mit dem Ziel, Naturschutzprojekte zu unterstützen. Denn er will, dass die Menschen die Natur nicht nur sehen und spüren, sondern auch schützen und nachhaltig gestalten, damit auch weitere Generationen auf unserer Mutter Erde leben und ein sinnvolles Leben führen können.

 

Jänner 2026: Ausstellung von Bildern im Schaufenster von Basis Vinschgau in der Fußgängerzone Schlanders. Einige Kunstdrucke werden in der Fußgängerzone von Schlanders präsentiert und machen Kunst im öffentlichen Raum erlebbar.

Glühende Stille

Glühende Stille

Philipp Egger, Naturfotograf

Philipp Egger, Naturfotograf