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Natur&Landschaft

Der Wald stäubt - Nadelbäume sind windbestäubt

von Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Florian, 4. Mai 2026
veröfftl. am 13. Mai 2026

Der Fichtenwald am Eingang des Laaser Tales stäubte am Samstag, 25. April 2026

Am Samstag, 25. April hat über dem Eingang des Laaser Tales rund um das St. Martins-Kirchlein der Wald gestäubt. Gottlob waren es keine Rauch-, sondern Pollenstaubwolken. Die Nadelbäume, die auch den größten Teil unserer Südtiroler Wälder aufbauen, sind sogenannte Nacktsamer. Die Bestäubung der Blüten von Nacktsamern erfolgt durch den Wind. Die Windbestäubung ist eine ungerichtete Bestäubung. Hier gilt das Prinzip Zufall: Damit männlicher Blütenstaub auf weibliche Blüten trifft und dadurch die Befruchtung der Samenanlagen erfolgt, müssen Millionen und Abermillionen Pollenkörner erzeugt und ausgeschüttet werden.

Windbestäubung und Insektenbestäubung
Die Bestäubung der Blüten durch Insekten ist im Vergleich zur Windbestäubung hingegen eine viel gezieltere und gerichtete Form der Befruchtung. Insektenbestäubte Pflanzen müssen daher nicht solche riesigen Mengen Pollenstaub erzeugen wie die Nacktsamer, um die Art zu erhalten.
Zu den Windbestäubern gehören neben den Nadelbäumen beispielsweise auch die beiden Pflanzenfamilien der Süß- und Sauergräser.

Die Evolution von Blüten
Im Laufe der Evolution sind unter den Blütenpflanzen die zwei großen Linien der Nacktsamer und der Bedecktsamer entstanden. Dabei sind die Nacktsamer in der Entwicklungsgeschichte der Lebensformen älter als die Bedecktsamer. Die ersten Nacktsamer entstanden in der späten Phase des Erdzeitalters Devon vor 385 bis 365 Millionen Jahren. Aus den frühen Formen dieser Nacktsamer entwickelten sich im Karbon vor 350 bis 300 Millionen Jahren die Vorläufer der Nadelbäume. Im Perm (vor 299 – 251 Mio. Jahren) begannen die Nacktsamer die Flora zu dominieren und die bis dahin vorherrschenden Farnwälder als Sporenpflanzen abzulösen. Die Nacktsamer gelten als die ersten Samenpflanzen, die sich unabhängig vom freien Wasser fortpflanzen konnten, weil sie Samen statt Sporen bildeten.

Nacktsamer und Bedecktsamer
Der Hauptunterschied zwischen Nacktsamern (Gymnospermen) und Bedecktsamern (Angiospermen) liegt in der Verpackung der Samenanlagen. Nacktsamer haben freiliegende Samenanlagen auf Zapfenschuppen und bilden keine echten Blüten oder Früchte. Bedecktsamer hingegen schützen ihre Samenanlagen in einem schützenden Fruchtknoten, der sich zur Frucht entwickelt.
Nacktsamer haben meist getrenntgeschlechtliche Blüten. Von der Lärche als einheimischen Waldbaum kennen alle den purpurroten „Spross“: Es sind die weiblichen Blüten jetzt im Frühjahr, aus denen die verholzenden Zapfen als Samenträger heranreifen. Die männlichen Blüten der Lärche sind zitronen- bis strohgelb und dörren unter Braunfärbung ein und fallen schließlich ab, sobald sie ihren Pollenstaub abgegeben haben.
Bedecktsamer besitzen in der Regel zwittrige Blüten: Die männlichen Staubblätter mit den Pollensäcken sind mit den Fruchtknoten als weibliche Blütenorgane in der gleichen Blüte vereint und in der Regel von einer Hülle als Kron- und Kelchblättern umgeben.

Analogien zwischen Pflanzen und Tieren
Wie oben dargestellt, erfordert ungerichtete Zufallsbestäubung durch den Wind bei Nacktsamern riesige Pollenmengen, um die jeweilige Pflanzenart zu erhalten. Bei der gerichteten Blütenbestäubung von Bedecktsamern durch Insekten oder beispielsweise auch Vögel oder Fledermäuse kann die Pollenmenge reduziert werden.
Zu diesem unterschiedlichen Aufwand, eine Art im Pflanzenreich zu erhalten, lässt sich eine Analogie im Tierreich herstellen: Von den fünf Klassen der Wirbeltiere legen die Fische, Lurche, Kriechtiere und Vögel Eier außerhalb ihres Körpers. Nur bei den Säugetieren entwickelt sich das befruchtete Ei innerhalb der Gebärmutter im Körperinneren. Weil zum Beispiel ein Grasfrosch als Lurch seine Eier in das Wasser ablegt und die Kaulquappen ohne Brutpflege heranwachsen, muss ein Froschweibchen etwa 5.000 Eier legen, damit aus dieser Vielzahl von Eiern zumindest zwei Eier bis zum erwachsenen Frosch aufwachsen, um das Überleben der Art zu sichern. Eine Stockente als Vogel legt um die 15 Eier je Brut, um das Überleben der Art zu sichern. Die Verringerung der Anzahl von Eiern von den Lurchen zu den Vögeln ist möglich, weil Vögel durch das Bebrüten der Eier und das Füttern der Jungen Brutpflege betreiben und ihre Nachkommen vor Fressfeinden besser schützen: Durch die Brutpflege verringern sich die Verluste von Jungen. Die höchste Form der Brutpflege erreichen die Säuger mit dem Austragen ihrer Jungen in der Gebärmutter innerhalb des eigenen Körpers. Fruchtknoten bei den bedecktsamigen Pflanzen und Placenta bei den Säugern können als eine funktionale Analogie der zwei höchst entwickelten Formen zum Schutz des eigenen Nachwuchses gesehen werden.

Weibliche Blüte der Fichte im Frühjahr unverholzt und aufstehend

Weibliche Blüte der Fichte im Frühjahr unverholzt und aufstehend

Samenzapfen der Fichte im Herbst verholzt und hängend

Samenzapfen der Fichte im Herbst verholzt und hängend

Unverholzte weibliche Blüte der Lärche und der verholzte Samenzapfen aus dem Vorjahr

Unverholzte weibliche Blüte der Lärche und der verholzte Samenzapfen aus dem Vorjahr

Zwitterblüte der Quitte mit männlichen und weiblichen Blütenorganen

Zwitterblüte der Quitte mit männlichen und weiblichen Blütenorganen

Männliche Blüte der fünfnadeligen Zirbe

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Männliche Blüte der zweinadeligen Latsche

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Männliche Blüte der Douglasie

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Männliche Blüte der Weißtanne

Männliche Blüte der Weißtanne