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Natur&Landschaft

Die Widderchen oder Blutströpfchen - Giftige, hochsensible Bioindikatoren

von Wolfgang Platter am Tag der Hlg. Sophia, 15. Mai 2026
veröfftl. am 27. Mai 2026

Petasettes in Planeil: Giftfreie Standorte sind Lebensräume der Widderchen oder Blutströpfchen. Die tagaktiven Nachtfalter sind sensible Bioindikatoren für Luft- und Lebensraumveränderungen

Die Widderchen sind tagaktive Nachtfalter. Wegen ihrer auffälligen Rotfärbung nennen wir sie umgangssprachlich Blutströpfchen. In der zoologischen Fachsprache heißt diese Schmetterlingsfamilie Zygaenidae.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wertvolle Schätze vor unserer Haustür – entdecken, nutzen, bewahren“, welche vom 4. bis 9. Mai 2026 in Stilfs von der dortigen Initiativgruppe durchgeführt wurde, hat Prof. Gerhard Tarmann diese Schmetterlingsfamilie in einem hochinteressanten Vortrag vorgestellt. Gerhard Tarmann ist als Schmetterlings- und Biodiversitätsforscher international anerkannt und durch akribische Feldforschung und viele wissenschaftlichen Publikationen ausgewiesen. Er war der Leiter der Naturwissenschaftlichen Abteilung am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck. Auch im Vinschgau hat Gerhard Tarmann die Schmetterlinge über viele Jahrzehnte beforscht und tut dies trotz seiner Pensionierung immer noch. Tarmann ist Widderchen-Spezialist.

Besonderheiten der Widderchen
Die Widderchen haben ihren Namen von den gebogenen Fühlern, welche den Hörnern von Widdern ähneln. Widderchen sind giftig und schützen sich durch das Gift vor Vogelfraß. Weil sie für Fressfeinde ungenießbar sind, brauchen sich Widderchen nicht zu tarnen und können sich das auffällige Farbkleid leisten und tagaktiv sein. Widderchen schützen sich durch cyanogene Glykoside vor Fressfeinden. Bei Gefahr setzen diese Schmetterlinge Blausäure (Cyanwasserstoff) frei. Die Widderchen nehmen die Blausäure entweder mit der Nahrung auf oder sie produzieren sie selbst. Widderchen sind resistent gegen Blausäure und andere Cyanide, aber hochempfindlich gegen Gifte, die vor allem in der Landwirtschaft zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt werden, wie die Neonikotinoide. Wegen dieser Empfindlichkeit sind Widderchen hochsensible Bioindikatoren für gute Luftqualität und intakte Lebensräume.

Widderchen verteidigen sich
Die Widderchen verteidigen sich in ihren verschiedenen Lebensphasen auf verschiedene Weise:
• mit Blausäure
• mit Raupenhaaren
• mit Nadelschuppen an den Eiern
• mit Giftschaum, der sowohl von den Raupen als auch von den Vollfaltern produziert wird.

Artenfülle und Gefährdung
In Südtirol sind etwa 3.000 Schmetterlingsarten nachgewiesen, darunter 23 Arten von Widderchen. In der Familie der Zygaenidae gibt es die zwei Unterfamilien der Rotwidderchen und der Grünwidderchen. Die Datenbank über Widderchen im Landesmuseum Ferdinandeum ist sehr groß und deckt einen Zeitraum von 200 Jahren ab. Für Südtirol sind in der Innsbrucker Datenbank etwa 1.000 Fundorte von Widderchen dokumentiert. Viele dieser Fundorte sind mehr- bis vielfach dokumentiert, manche nur als Einzelnachweise.Einzelne Arten von Widderchen sind in Südtirol schon ausgestorben, so etwa die Weinzygaene (Theresimima ampellophaga) oder das Schlehen-Grünwidderchen (Rhagades pruni).
Der immer weiter in die Höhe steigende Obstbau gefährdet die Widderchen durch Abtrift von Aerosolen. Aber es gibt noch andere Gründe für das Verschwinden der Widderchen, so menschenbedingte Veränderungen ihres Lebensraumes durch Intensivierung von Futterertragswiesen mit Turbogräsern, häufige Mahd, Wiederbewaldung bei Auflassen extensiv genutzter Wiesen und Weiden, Verunkrautung, Lebensraumzerstückelung, Straßenbau, Bodenversiegelung, Oberkronenberegnung.

Gründe für das Verschwinden der Widderchen
Die Gründe für das Verschwinden der Widderchen lassen sich in einer Übersicht wie folgt zusammenfassen:
• natürliche Veränderungen ihrer Lebensräume
• der Klimawandel
• Veränderungen der Habitate durch menschliche Einflüsse
• andere Gründe (wie Radioaktivität nach Tschernobyl, Ozon).
Zum Rückgang der Widderchen durch Pestizidverfrachtung sei folgende Tabelle aus der Forschungsarbeit von Gerhard Tarmann und Peter Huemer an zwei Standorten in Taufers und in Latsch, dort in verschiedenen Höhenlagen, angeführt:

natur tab

Zeichen der Hoffnung
Gerhard Tarmann hat aber auch festgestellt, dass Widderchen wiederkehren, wenn die Technik der Ausbringung von Spritzmitteln durch „Brausköpfe“ verfeinert wird. Er nennt dies „Zeichen der Hoffnung“ und führte in seinem Stilfser Vortrag wörtlich dazu folgendes aus: „Das wohl wichtigste Ergebnis der Studie 2024 und 2025 ist die weitere Bestätigung der Beobachtungen 2020, 2021 und 2022, dass unter gewissen Voraussetzungen ganz offensichtlich Intensivobstbau und Biodiversität kein unüberwindlicher Gegensatz sind. Das 2020 beobachtete Vorkommen von 6 Widderchen-Arten unmittelbar neben biologisch-organischen Intensivobstanlagen im Bereich Lahnacker (Mals Ost, Schluderns West) oberhalb des Elektrizitätswerkes, das 2021 bestätigt werden konnte und ähnliche Boebachtungen auf der Hoache oberhalb des Hauptortes Mals 2022 wurden 2024 und 2025 untermauert.“
Tarmann hat in seinem Vortrag ausdrücklich die positiven Folgen der späteren Mahd im Rahmen des Bodenbrüter-Projektes von Bauern und Ornithologen auf der Malser Haide erwähnt, das sich auch für die Widderchen hervorragend bewährt: „Sechs Widderchen-Arten wurden auf den Wiesenflächen nach 2022 nachgewiesen. Bis 2021 gab es dort keine Nachweise auf offenen Wiesenflächen mehr“.
Das Südtiroler Esparsettenwidderchen (Zygaena carniolica) ist nach 30 Jahren in der Nähe des Talbodens bei Laatsch wieder heimisch.

Es gibt Rotwidderchen und Grünwidderchen. Widderchen heißen sie, weil ihre Fühler gekrümmt sind wie die Hörner von Widdern; Foto: Alessandro Vicari

Es gibt Rotwidderchen und Grünwidderchen. Widderchen heißen sie, weil ihre Fühler gekrümmt sind wie die Hörner von Widdern; Foto: Alessandro Vicari

Es gibt Rotwidderchen und Grünwidderchen. Widderchen heißen sie, weil ihre Fühler gekrümmt sind wie die Hörner von Widdern; Foto: Giovanni Zurli

Es gibt Rotwidderchen und Grünwidderchen. Widderchen heißen sie, weil ihre Fühler gekrümmt sind wie die Hörner von Widdern; Foto: Giovanni Zurli

Wollkratzdisteln, Skabiosen aber auch Tragant und Kleearten gehören zu den  Futterpflanzen der Widderchen

Wollkratzdisteln, Skabiosen aber auch Tragant und Kleearten gehören zu den Futterpflanzen der Widderchen

Wollkratzdisteln, Skabiosen aber auch Tragant und Kleearten gehören zu den  Futterpflanzen der Widderchen

Wollkratzdisteln, Skabiosen aber auch Tragant und Kleearten gehören zu den Futterpflanzen der Widderchen

Erdeichel-Widderchen  (Zygaena filipendulae) Foto: Massimiliano Marini

Erdeichel-Widderchen (Zygaena filipendulae) Foto: Massimiliano Marini

Das Weißfleck-Widderchen (Amata phegea) ist für Menschen nicht giftig. Es gehört zur Familie der Bärenspinner, nicht zu den echten, giftigen Widderchen, und ahmt deren Aussehen nur zur Abschreckung von Fressfeinden nach. Foto: Marta Maragliano Ferraris

Das Weißfleck-Widderchen (Amata phegea) ist für Menschen nicht giftig. Es gehört zur Familie der Bärenspinner, nicht zu den echten, giftigen Widderchen, und ahmt deren Aussehen nur zur Abschreckung von Fressfeinden nach. Foto: Marta Maragliano Ferraris

Esparsetten-Widderchen  (Zygaena carniolica)

Esparsetten-Widderchen (Zygaena carniolica)

Lebensraum der Widderchen in den Allitzer Leiten

Lebensraum der Widderchen in den Allitzer Leiten