Ein Widerstandskämpfer aus Mals: Walter Caldonazzi
Walter Caldonazzi, Archiv K.Ö.H.V. Amelungia, Wien
Im März 2025 erschien im Vinschger Wind ein Beitrag über zwei aus der Gemeinde Mals stammende Opfer des Widerstands gegen das nationalsozialistische Terrorregime. Wie vom Donner gerührt stellte ich fest, dass ich - obwohl in Mals aufgewachsen - nie etwas über Nikolaus Federspiel und Walter Caldonazzi gehört hatte. Nicht in der Schule, nicht in der Pfarre, nicht im Elternhaus und auch nicht im Dorf. Dieses Schweigen ließ mich nicht los und motivierte mich, auf Spurensuche zu gehen. Besonders berührt hat mich dabei Walter Caldonazzi, da er - wie ich - auf der Universität für Bodenkultur in Wien Forstwirtschaft studierte.
Walter Caldonazzi, dessen Vorfahren väterlicherseits aus St. Jakob (Leifers) stammten, kam am 4. Juni 1916 in Mals im heutigen Gasthof zur Krone zur Welt (siehe Kasten). Die Mohrenwirtstochter Frau Berta Theiner aus Burgeis war die Patin (siehe Foto). Sein Vater Rudolf Caldonazzi war während des Ersten Weltkriegs Gendarmerie-Wachtmeister in Mals, nach Kriegsende übersiedelte die Familie nach Kramsach in Tirol. Walter maturierte am Gymnasium Kufstein und studierte ab 1937 Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien.
Die Familie Caldonazzi galt als tief katholisch. Walter war zudem ein glühender österreichischer Patriot und trauerte der untergegangenen Habsburgermonarchie nach. Zeitgenossen beschreiben ihn als lebenslustigen, sympathischen junger Mann, welcher ein politischer Kopf war und das tägliche Gebet pflegte. Sein starker Glaube sollte ihm in den Jahren 1944 und 1945 auf seinem Weg zum Schafott Halt geben. Er war mutig, gläubig, unbeugsam.
Mutiger Widerstand gegen das NS-Regime
Widerstand in der NS-Diktatur war lebensgefährlich. Das wussten alle Widerständler und wohl auch Walter Caldonazzi. Dennoch organisierte er in Kramsach gemeinsam mit seinem Vater Rudolf eine Widerstandsbewegung, schrieb und verteilte Flugblätter und schloss sich in Wien der Maier-Messner-Caldonazzi Widerstandsgruppe an. Während seine Aktivitäten in Kramsach und Tirol lokale Wirkung entfalteten, agierte die Wiener Gruppe auf internationaler Ebene.
Heinrich Maier war Priester in der Wiener Pfarre Gersthof und Franz Josef Messner, Generaldirektor der kriegswichtigen Semperit-Werke, wohnte unweit der Kirche von Gersthof im Blauen Haus einer schmucken Cottagevilla in Wien-Währing. Vom Blauen Haus zur Universität für Bodenkultur ist es nur ein Katzensprung, dort fand Walter Caldonazzi nach abgeschlossenem Studium eine Anstellung. Rund um den Währinger Türkenschanzpark formierte sich eine der wichtigsten österreichischen Widerstandsgruppen, getragen von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten und dennoch das gleiche Ziel verfolgten. Die drei Männer und ihre Mitstreiter:innen taten alles in ihrer Macht stehende, um die Nazi-Barbarei zu verkürzen.
Kaplan Heinrich Maier dürfte der Stratege der Widerstandsgruppe gewesen sein. Er gab das Ziel vor, Lage und Produktionszahlen von Rüstungsbetrieben an die Geheimdienste der Alliierten zu melden nach dem Motto: Je früher die Rüstungsbetriebe zerstört würden, desto früher würde der Krieg enden. Walter Caldonazzi und Hermann Klepell, der auch an der Universität für Bodenkultur studierte, waren für die Beschaffung von exakten geographischen Karten der Rüstungsbetriebe zuständig und Franz Josef Messner war als international vernetzter Geschäftsmann die Kontaktperson zu amerikanischen Geheimdienststellen in Istanbul und Zürich. Er übermittelte die kartographisch erfassten Bombenziele an die Alliierten.
Enttarnung und Tod
Einige der gemeldeten Rüstungsbetriebe wurden tatsächlich bombardiert. Doch gleichzeitig hatte die Gestapo die Widerstandsgruppe bereits im Visier. Denunzianten, Doppelagenten und die unprofessionelle Arbeit der US-Geheimdienststelle Istanbul trugen zur Aufdeckung der Widerstandsgruppe bei. Im Frühjahr 1944 wurden Maier, Messner, Caldonazzi sowie Klepell und weitere sechs Mitstreiter verhaftet. Acht von ihnen verurteilte der Volksgerichtshof Berlin am 28. Oktober 1944 wegen Hochverrats und Wehrkraftzersetzung zum Tode.
Walter Caldonazzi wurde am 9. Jänner 1945 in Wien enthauptet. Zwischen seiner Verhaftung am 25. Februar 1944 und seiner Hinrichtung wurde er immer wieder von den NS-Schergen gefoltert und grausam unter Druck gesetzt. Trotz dieses Martyriums dürfte er die Namen von anderen Widerstandskämpfern nicht preisgegeben haben, sondern richtete sich gemeinsam mit seinem Mithäftling Pfarrer Heinrich Dalla Rosa aus Lana (1909-1945) immer wieder am Glauben auf und ging als aufrechter Tiroler in den Tod.
Ein Malser Sohn - ein unbekannter Held
Der in Mals geborene Walter Caldonazzi wurde in Österreich auf Initiative der Katholischen österreichischen Hochschulverbindung, Amelungia, der BOKU und anderen posthum mehrfach gewürdigt (siehe Kasten). In seinem Geburtsort hat sich bis vor kurzem niemand an ihn erinnert, aber es gibt derzeit Bemühungen, dass sich Mals um seinen mutigen Sohn kümmert und ihm eine angemessene Würdigung zukommen lässt. Denn Walter Caldonazzi war ein gerechter Tiroler - und er macht Mals alle Ehre.
„Auszug aus dem Malser Taufregister“
Geboren: 1916. 4. Juni, 4 1/2 Abends
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Haus: Mals, 12.
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Name: Walter Rudolf Caldonazzi.
9.1.45 in Wien. hingerichtet
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Getauft von: H. Alois Kirchmair Kooperator.
Tag: 6. Juni
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P.[P oder V?] Folio 196, n. 13.
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Vater: Rudolf Caldonazzi, kath
Privat.[?] Beamter in Achenrain=Kramsach,
derzeit als k.k. Gendarmerie. Führer in Mals,
zuständig nach Trient.
geboren in Lienz, Tirol am 29.IV.1888,
getraut an der Dom[?]pfarrkirche zu
St. Pölten, N.Ö. 24.VI.1913.
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Mutter: Wilhelmine Tremmel, kath.,
ehel. Tochter des Franz Tremmel
und der Berta Keinrath in Neuda,
Pfarre Groß-Pöchlarn, Niederösterreich,
geboren in Neuda am 22.VIII.1890.
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Patin: Berta Theiner, ledig in Burgeis.
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Hebamme: Maria. Pircher von[?] Laatsch
Transkribiert von Rudi Nöckler und Karin Karlics
Bisherige Würdigungen:
1975
Umbettung von Wien ins Familiengrab seiner Schwester am Pradler Friedhof
in Innsbruck.
1993
Errichtung und Segnung des Caldonazzi-Kreuzes auf der Praa-Alm, Gemeinde
Wildschönau-Tirol. Tiroler Forstverein und K.Ö.H.V. Amelungia Wien.
2002
Errichtung und Segnung der
Gedenkstätte in Kufstein-Tirol. ÖCV, Österreichischer Kartellverband.
2006
Benennung des Walter-Caldonazzi-Platzes im 13. Wiener Bezirk, Hietzing. Stadt Wien, K.Ö.H.V. Amelungia Wien.
2007
Gedenktafel beim Schild-Haus in Kramsach-Tirol und Benennung des Walter-Caldonazzi-Platzes ebendort. Kramsacher Kunstfreunde.
2008
Enthüllung eines Denkmals am Walter-Caldonazzi-Platz in Wien-Hietzing. K.Ö.H.V. Amelungia Wien.
2016
Gedenktafel im Gregor-Mendel-Haus (Hauptgebäude) der BOKU in Wien. Universitätsarchiv BOKU.
2017
Erneuerung des Caldonazzi-Kreuzes auf der Praa-Alm. Tiroler Forstverein, K.Ö.H.V. Amelungia Wien, K.Ö.S.T.V. Cimbria Kufstein.
Foto Universitätsarchiv BOKU
Gedenkstein am Walter-Caldonazzoi-Platz in Wien Hietzing