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Natur & Landschaft

Wildbienen - Artenvielfalt und Lebensweise

von Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Laurentius, 10. August 2025
veröfftl. am 19. August 2025

Blauschwarze Holzbiene (Xylocopa violacea) auf Weinrose (Rosa rubiginosa). Sie legt ihre Nestkammern in morschem Altholz an. Foto: Irmgard Perkmann Platter

Die Honigbiene (Apis melifera) ist die einzige Bienenart, die wir Menschen domestiziert haben und wegen ihres Honigs als Nutztier halten. Die Honigbiene ist staatenbildend und arbeitsteilig. In der Natur gibt es aber viele Tausend Bienenarten. Weltweit wurden bisher 20.759 Bienenarten beschrieben. Bienen gehören zur Klasse der Insekten und innerhalb dieser großen Tiergruppe zur Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera).

Wildbienen
Je nach Großklima und Lebensraumvielfalt ist die Diversität der Wildbienen in Mitteleuropa sehr unterschiedlich. In Deutschland wurden bislang ungefähr 600 Arten nachgewiesen, in der Schweiz 633. Besonders hoch ist die Diversität in Österreich mit 707 Arten. Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe für diesen Artenreichtum in Österreich: Das Zusammentreffen zweier Klimazonen, des ozeanisch geprägten westeuropäischen Klimas und des kontinental beeinflussten pannonischen Klimas. Der zweite Grund ist die große Bandbreite an unterschiedlichen Höhenstufen. Im südeuropäischen Klima kommt unter den Wildbienen eine noch größere Anzahl von Arten vor: Spanien 1.144 Arten, Italien 1.026 und Griechenland 1.172.

Lebenszyklus und Entwicklungszyklus
Fast alle Wildbienen haben ein kurzes Leben und werden nur drei bis sechs Wochen alt. Nach ihrem jahreszeitlichen Auftreten spricht man von Frühjahrs-, Frühsommer-, Sommer- und Herbstarten. Die meisten Wildbienenarten (etwa 90 Prozent) leben solitär. Solitär heißt, das Weibchen erledigt das Brutgeschäft selbständig und ohne die Hilfe anderer Weibchen. Anders als bei Arten mit sozialer Lebensweise (bei Hummeln, einigen Furchenbienen und der Honigbiene) gibt es bei den solitären Bienen keine Vorratshaltung von Nahrung. Aufgrund ihrer kurzen Lebensdauer lernt die Mutter bei den Solitärbienen ihren Nachwuchs in der Regel nicht kennen.
Im Gegensatz zur Königin der Honigbienen haben die Weibchen solitärer Wildbienen nur wenige Nachkommen. Sie errichten in ihrer kurzen Lebenszeit meist nur etwa 10 bis 20, in selten Fällen bis 40 Brutzellen. Bei der geringen Eizahl investieren solitäre Bienen umso mehr in den Nestbau und die Versorgung der Brutzellen mit Larvenproviant.

Nistplatzwahl
Wildbienen findet man in den unterschiedlichsten Lebensräumen. Von den bislang in Deutschland, Österreich und der Schweiz nachgewiesenen 795 Arten nisten rund 50% in selbst gegrabenen Gängen im Boden, 3% in selbst genagten Gängen in markhaltigen Pflanzenstängeln oder morschem Holz, 19% in bestehenden Hohlräumen, 1% bauen frei stehende Nester aus Pflanzenharz oder mineralischem Mörtel. Die Nistweise von etwa 3% ist bisher noch unbekannt. 24% bzw. 191 Arten sind Kuckucksbienen. Das heißt sie bauen keine eigenen Nester, sondern schmuggeln ihre Eier in die Brutzellen nestbauender Wildbienen. Das Nistverhalten der Wildbienen ist vielfältig und faszinierend. Manche Bienen mauern ihre Nester mit Mörtel in Felsnischen oder an Grashorsten, andere tapezieren die Nester mit Blütenblättern aus, wieder andere nutzen Schneckenhäuser oder unterschiedliche Hohlräume für die Nestanlage. Unter den Wildbienen, die ihr Nest in bestehenden Hohlräumen errichten, nehmen die auf Pflanzengallen spezialisierten Arten eine besondere Stellung ein. Vor der Ablage des einzelnen Eies wird bei allen nestbauenden Solitärbienen jede Nestkammer mit Pollenstaub verproviantisiert.

Beziehung zwischen Pflanzen und Bienen
Bienen und Blütenpflanzen haben sich im Laufe der Evolution gegenseitig beeinflusst. In der mittleren bis späten Kreidezeit vor rund 120 Millionen Jahren erlebten die Blütenpflanzen eine wahre Artenexplosion und wurden zur dominierenden Gruppe der Landpflanzen. Bienen entwickelten sich zu ihren wichtigsten Bestäubern. Von der Bestäubung der Pflanze profitieren auch die Bienen, da sie im Gegenzug mit Pollen, Nektar und in wenigen Fällen mit Pflanzenöl versorgt werden. Nektar und Pollen als Blütenprodukte sind die alleinige Nahrungsbasis der Bienen, sowohl was ihre eigene Ernährung als auch die ihrer Nachkommen betrifft. Damit unterscheiden sich die Bienen von den stammesgeschichtlich älteren Wespen, die ihre Nachkommen mit tierischer Nahrung versorgen (Ausnahme Honigwespen: Masarinae).

Pollen und Nektar
Um den eigenen Energiebedarf abzudecken, saugen die Wildbienen Nektar. Der Nektar, eine wässrige Lösung verschiedener Zucker, vornehmlich Sacharose, Glukose und Fructose, die den ausgewachsenen Bienen (Imagines) vor allem Kohlenhydrate als rasch verfügbare Energie liefert, welche die Bienen u.a. für das kräftezehrende Fliegen benötigen.
Für die Verproviantierung ihrer Brutzellen sammeln Weibchen neben flüssigen Blütenprodukten enorme Mengen an Pollen. Pollen enthält vorwiegend Proteine, in geringem Ausmaß auch Fette, Stärke und Mineralstoffe. Der Pollen ist ein begehrtes und besonders kostbares Pflanzenprodukt, das nur begrenzt verfügbar ist. Um sich vor übermäßigen Pollenverlust zu schützen, verfügen Blütenpflanzen über unterschiedliche Strategien: Bei manchen Arten findet sich der Pollen gut versteckt in tiefen Kronröhren (z.B. bei den Boretschgewächsen), unter der Oberlippe (bei den Lippenblütlern wie dem Salbei), im Inneren eines Schiffchens (bei den Schmetterlingsblütlern) oder an anderen schwer erreichbaren Teilen der Blüte. Pflanzen mit leicht zugänglichen Staubbeuteln (z.B. die Hahnenfußgewächse) schützen ihren Pollen chemisch durch Einlagerung von Giftstoffen. Viele Bienenarten haben sich an derartige Schutzmechanismen angepasst und sich im Laufe der Evolution auf bestimmte Blütenpflanzen als Pollenquellen spezialisiert.

Blüten-Spezialisten und -Generalisten
Von den in Deutschland, Österreich und in der Schweiz vorkommenden und nestbauenden Wildbienenarten sind rund 34% beim Blütenbesuch spezialisiert. Das heißt, sie sammeln den Pollen zur Verproviantierung der Brutzellen ausschließlich oder stark bevorzugt auf einer einzigen Pflanzengattung oder -familie. Im Fachausdruck werden diese Pollenspezialisten als oligolektische Arten bezeichnet. Im Gegensatz zu den oligolektischen Arten sind die polylektischen Arten mehr oder weniger stark ausgeprägte Generalisten, die den Pollen auf mehreren Pflanzenfamilien sammeln. Zwischen Oligolektie und Polylektie gibt es breite Übergänge. Eindrucksvoll ist zum Beispiel die Sammluing des Pollens auf Salbei als Lippenblütler. Der Blütenstaub landet durch den sogenannten Schlagbaummechanismus auf dem Rücken der Biene. Besucht eine Biene eine Salbei-Blüte, um Nektar zu saugen, steckt sie ihren Kopf in den Kelchschlund und drückt dabei auch auf eine Platte, die den Drehmechanismus auslöst. Die in der Oberlippe der Pflanze verborgenen Staubbeutel senken sich nach unten und entleeren den Pollen auf den Rücken der Biene.

Transporteinrichtungen für den Pollenstaub
Nach dem Aufsammeln des Pollens muss dieser für den Transport zum Nest zwischengespeichert werden. Nach der Art des Pollentransportes kann man bei den Wildbienen zwischen Kropf-, Bein- und Bauchsammlerinnen unterscheiden. Bei den Maskenbienen (Hylaeus) und Keulenhornbienen (Ceratina) erfolgt der Pollentransport durch Verschlucken und späteres Hervorwürgen. Sie zählen zu den sogenannten Kropfsammlerinnen. Der überwiegende Teil der Wildbienen hat für den Pollentransport mehr oder weniger ausgeprägte Sammeleinrichtungen aus steifen Haaren am Hinterleib. Sandbienen (Andrena) und Seidenbienen (Colletes) zählen hingegen zu den typischen Beinsammlerinnen.

Kuckucksbienen
Wie schon ausgeführt, legen Wildbienen im Vergleich zu anderen Insekten wenige Eier. Obwohl sie in den Nestbau viel Energie investieren, sind ihre Brutausfälle meist hoch. Den Bruterfolg schmälern nicht nur Schimmelbefall und ungünstige Entwicklungsbedingungen, sondern auch Kuckucksbienen, Kuckuckswespen und andere Brutparasiten. Etwa ein Viertel aller Arten von Wildbienen zählt zu den Kuckucksbienen als Brutparasiten. Kuckucksbienen bauen keine eigenen Nester, sondern schmuggeln ihre Eier in die Brutzellen anderer Bienenarten, sodass sich die Eier auf dem Larvenproviant der Wirtsbiene entwickeln.

Schwarze Mörtelbiene (Megachile parietina). Foto: 4nature

Schwarze Mörtelbiene (Megachile parietina). Foto: 4nature

Polierte Sandbiene (Andrena polita). Foto: Adobe Stock
Gemeine Trauerbiene (Melecta albifrons) als Kuckucksbiene und Parasit bei der Pelzbiene (Anthrophora aestivalis). Foto: Adobe Stock
Morsches Totholz ist für viele Wildbienen Brutplatz zur Anlage ihrer Nestkammern. Foto: Wolfgang Platter