Zwischen Töne
Die Kulturdelegation zu Besuch beim Vinschgerwind: v. l. Peter Silbernagl, Hans-Christoph von Hohenbühel, Kunhilde von Marsoner, Martin Trafoier und Daniel Clemente
Es ist mittlerweile lieb gewordene Tradition, dass eine Delegation des Südtiroler Kulturinstituts, des Kulturhauses und der Gemeinde Schlanders pünktlich zum Start der Theatersaison des Südtiroler Kulturinstituts in Schlanders zu Besuch in die Vinschgerwind-Redaktion kommt. Heuer trudelten Hans-Christoph von Hohenbühel, der Vorsitzende des Südtiroler Kulturinstituts, Peter Silbernagl, der Direktor desselben, Martin Trafoier, Verwaltungsratsmitglied des Südtiroler Kulturinstituts, Daniel Clemente, der neue Präsident des Kulturhauses Schlanders und die Schlanderser Kulturreferentin Kunhilde von Marsoner am 16. September ein und überbrachten Programmhefte und viel Information dazu. Es ist genauso lieb gewordene Tradition der Kulturdelegation jeweils zwei Fragen zu stellen: persönliche und unpersönliche – immer mit Bezug zu Stücken und Programm. Dem Neuling in der Runde, Clemente, haben wir zwei Fragerunden zukommen lassen.
Vinschgerwind: Herr Clemente, was war Ihr letztes Geheimnis, das Sie gelüftet haben?
Daniel Clemente: Ich kann sehr gut ein Geheimnis bewahren. Meistens lüftet es jemand vor mir. Dann gilt: Erstaunt sein. Das fällt in solchen Momenten auch einem Schauspieler schwer.
Vinschgerwind: Hochkarätiges Theater ist mit Sebastian Bezzel und Götz Otto auf der Bühne in Schlanders mit dem Auftakt-Stück „Geheimnisse“ garantiert. Zwillingsbrüder und ein Freund, der durch Geheimnisse zwischen die Fronten gerät. Auf was freuen Sie sich mehr, auf die Schauspieler oder das Stück?
Daniel Clemente: Das Kulturinstitut hat es auch in dieser Spielzeit wieder geschafft spannende Stücke und hochkarätige SchauspielerInnen aus Film und Fernsehen in unser Programm zu holen. Natürlich freut man sich, die Akteure live auf der Bühne erleben zu dürfen. Aber das Stück ist auch wichtig. Wenn das Stück nicht gefällt, retten den Abend die bekannten Namen auch nicht. Daher freue ich mich auf beides.
Vinschgerwind: Frau Marsoner, Demokratie ist….
Kunhilde von Marsoner: ...eine Staatsform, in der die politische Macht vom Volk ausgeht und diese durch freie Wahlen sowie den Schutz von Grundrechten gesichert wird. Aber für mich bedeutet Demokratie auch, dass Menschen ihre Meinung frei äußern können, dass unterschiedliche Sichtweisen ihren Platz haben und dass verantwortungsvolle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.
Vinschgerwind: Das Stück „Putsch“ mit dem Metropoltheater München ist eine Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie und bringt die Fragilität derselben auf die Bühne. Wie schützen Sie in Ihrem täglichen Tun die Demokratie?
Kunhilde von Marsoner: Auf Gemeindeebene bedeutet Demokratie für mich vor allem, zuzuhören, unterschiedliche Argumente abzuwägen und gemeinsam nach guten Lösungen zu suchen. Als Gemeindereferentin möchte ich dazu beitragen, dass sich die Menschen gehört, ernst genommen und als Teil unserer Gemeinschaft verstanden fühlen. Demokratie lebt nicht nur von Wahlen, sondern vom täglichen respektvollen Miteinander, vom Dialog und von der Bereitschaft, auch andere Meinungen auszuhalten.
Vinschgerwind: Herr Silbernagl, verläuft Weihnachten bei Ihnen immer harmonisch?
Peter Silbernagl: Je nachdem in welchem Moment Sie uns erwischen. Das Wort „immer“ würden ich und meine Familie wohl bestreiten, aber harmonische Weihnachtsminuten hat es auf jeden Fall schon mal gegeben.
Vinschgerwind: Samuel Finzi und Herbert Knaup stehen auf der Bühne in Schlanders und rezitieren und spielen „Eine Weihnachtsgeschichte“. Weihnachten ist Geld-und Zeitverschwendung sagt das Stück. Was sagen Sie?
Peter Silbernagl: Das Stück flüstert aber auch das Wort „Menschlichkeit“, ganz leise, fast weihnachtlich in den hoffentlich verschneiten, aber durch den Klimawandel wohl eher feucht-matschigen Theaterabend. In dem Sinne: Alle Jahre wieder kann das Theater familiäre und andere Verspannungen lösen.
Vinschgerwind: Herr Clemente, was ist die Kunst des Lebens?
Daniel Clemente: Die Kunst des Lebens ist zu leben. Glücklich zu sein und auch im Alltäglichen das Schöne und Wunderbare zu sehen. Wir haben schließlich nur das Eine. Dafür sollten wir unsere Zeit auch nutzen.
Vinschgerwind: Frida Kahlo führte ein Leben für die Kunst. Frida nennt sich das Stück, das im Jänner in Schlanders zu sehen sein wird. Warum sollte man sich das Stück mit Vivienne Causemann ansehen?
Daniel Clemente: Ich glaube Frida Kahlo hat mittlerweile nicht nur in Mexiko Kultstatus, sondern gilt weltweit als Kunst- und Kultur-Ikone. Besonders junge Menschen identifizieren sich mit der Künstlerin, ihren Werken und ihrer Lebenseinstellung. Deshalb wünsche ich mir, das dieses Stück auf großes Interesse bei den neuen Generationen stößt und wir junges Publikum ins Theater bringen. Ein sicherlich sehenswertes, kunstvolles Stück, über ein Leben, das nicht ganz einfach war.
Vinschgerwind: Herr Trafoier, die Medienlandschaft in Südtirol: Was sagen Sie dazu?
Martin Trafoier: Mit der Medienlandschaft in Südtirol verhält es sich wie mit den Kirchturmglocken in einem Dorf. Da gibt es die große Glocke, die immer wieder einmal alle anderen übertönt, aber es gibt auch die anderen, kleineren, etwas leiseren, aber nicht weniger wichtigen Glocken, die sich auch Gehör zu verschaffen wissen und manchmal - wie das Zügenglöckchen - mit ihrer Botschaft aufschrecken und aufhorchen lassen.
Vinschgerwind: Die Quelle bringt das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Journalisten und Politik und die Mechanismen des Whistleblowings auf die Bühne und ist eine Uraufführung u.a. mit Gerti Drassl. Warum werden Sie sich das Stück anschauen?
Martin Trafoier: Diktatoren und Fanatiker aller Couleur schalten zuallererst Meinungsvielfalt und freie Presse aus und werfen ihre Kritiker ins Gefängnis; von Profit getriebene Konzerne vertuschen oder verharmlosen z. B. immer wieder gesundheits- oder umweltschädliche Produktionsverfahren, entlassen oder schüchtern Mitarbeiter*innen ein, die auf Risiken, Unregelmäßigkeiten oder Ungesetzlichkeiten hinweisen, und Whistleblower, die über solche Vorgänge und Praktiken Medien oder Gesetzesorgane informieren, müssen - wenn es um Millionengewinne geht - nicht selten um ihr Leben fürchten. Dieses Stück von Calle Fuhr, der uns in der letzten Spielzeit mit „Aufstieg und Fall des René Benko“ begeistert hat, handelt von all dem und verspricht deshalb ein spannender Theaterabend zu werden.
Vinschgerwind: Herr von Hohenbühel, wie oft haben Sie heute die KI verwendet?
Hans-Christoph von Hohenbühel: Ich dachte zunächst: heute noch gar nicht – schließlich bin ich gleich nach dem Frühstück nach Schlanders gefahren; dann fiel mir ein, dass Direktor Silbernagl mich im E-Auto in Ihre Redaktion chauffiert hat: Die KI hatte ihren Arbeitstag also wohl schon vor mir begonnen – und vermutlich ist das typisch, denn wir begegnen ihr heute hundertfach, ohne es überhaupt zu bemerken.
Vinschgerwind: „Sophia“ ist ein Stück über eine Maschine, die sich menschliche Züge aneignet. Die jüngsten Prognosen der KI Bosse sehen die KI als unkontrollierbares Risiko. Wie lautet Ihre Meinung dazu?
Hans-Christoph von Hohenbühel: Das Stück heißt nicht zufällig ‚Sophia. Oder das Ende der Humanisten‘. Es erzählt von einem Wissenschaftler, der eine künstliche Sophia erschafft – und sich schließlich in sie verliebt. Damit stellt der Autor Moritz Rinke eine Frage, die weit über die Technik hinausgeht: Wenn eine Maschine Sprache, Empathie und vielleicht sogar Zuneigung überzeugend simulieren kann, worin besteht dann eigentlich das unverwechselbar Menschliche? Wie kontrollierbar die Risiken künftig sein werden, lässt sich schwer beurteilen. Spannend und herausfordernd finde ich aber: Je menschlicher Maschinen erscheinen, desto stärker zwingen sie uns, über Liebe, Nähe, Verantwortung – und letztlich über unser eigenes Menschsein – nachzudenken, unser Bewusstsein dafür zu schärfen, was Menschlichkeit ausmacht, und diese Menschlichkeit nicht preiszugeben.
Aufführungen kulturhaus Karl Schönherr Schlanders 2026/27
Geheimnisse
von Sébastian Blanc
St. Pauli Theater, Hamburg
Putsch
von Dietmar Jacobs/
Alistair Beaton, MetropolTheater, München
Die Weihnachtsgeschichte
von Charles Dieckens,
Samuel Finzi/Herbert knaup
Frida - viva la vida
von Leopold huber, landestheater Vorarlberg/weiterspielen
Die Quelle
von calle fuhr,
Theater am Werk, Wien
Dienstag, 04. April 2027
Sophia oder das Ende der Humanisten
von Moritz Rinke,
Renaissance-theater Berlin
Infos: Beginn jeweils um 19:30 Uhr I Einzelkarten Reservierung unter www.kulturinstitut.org oder Abendkasse Tel. 0473 732052




