Vollzeit auf Kufen: 11 Monate auf dem Eis
Benjamin Wunderer (links) ist in der Schweizer Eishockeywelt kein Unbekannter; Fotos: Marco Ritzmann; Alle Fotos Credits Sportissimus
Benjamin Wunderer hat einen vollen Terminkalender – und das nicht nur für die kommenden Monate. Elf Monate im Jahr ist das Eis sein Arbeitsplatz, bis 2027 ist nahezu jeder Tag, jedes Wochenende bereits verplant. „Typisch Schweiz – hier plant man alles für die nächsten zwei Jahre im Voraus“, erklärt er mit einem Lächeln. Bereits zu Beginn des Gespräches merkt man, dass der 45-Jährige seinen Beruf liebt, gleichzeitig zeigt sich aber auch seine Enttäuschung darüber, welches Bild der Beruf des Eishockeytrainers hierzulande hat: „In der Schweiz wird einem sprichwörtlich der rote Teppich ausgerollt, wenn jemand hört, dass ich als Eishockeytrainer arbeite. Der Beruf des Trainers genießt dort hohe Wertschätzung und wird als professionelle Arbeit anerkannt. Bei uns ist das ganz anders, hier bin ich ein Nobody: Man wird eher gefragt, was man denn ‚richtig‘ arbeite, statt das Trainerhandwerk ernst zu nehmen.“ Diese fehlende Anerkennung sei auch einer der Gründe, weshalb nur sehr wenige den Mut hätten, diesen Weg einzuschlagen. Auch die Wertschätzung für einheimische Trainer sei eine andere: „Ausländische Trainer werden oft viel höher geschätzt als einheimische.“
Traumberuf Spieler? Nein, Trainer!
Benjamin Wunderers Leidenschaft fürs Eishockey begann früh: Mit etwa vier Jahren betrat er zum ersten Mal das Natureis in Prad – und war sofort gefesselt vom schnellsten Mannschaftssport der Welt. Mit knapp zehn Jahren wechselte er nach Latsch, wo er sich bis in die erste Mannschaft kämpfte und sowohl in der Serie A und Serie B auf dem Eis stand. Doch während andere von einer Spielerkarriere träumten, wusste Wunderer schon im Jugendalter, dass er einen anderen Weg gehen möchte: Er wollte Trainer werden. Eine entscheidende Rolle spielte dabei sein damaliger Trainer Josef Vimmer, unter dem er mit 17 Jahren spielte. „Er wusste genau, wie man mit mir umgehen muss“, erinnert sich Wunderer. „Ich habe zu ihm hochgeschaut und mir gedacht: So will ich werden – so wie er!“ Dies prägte seinen Weg und legte den Grundstein für seine spätere Karriere als Profi-Trainer in der Schweiz. Sein Weg vom Spieler zum Profitrainer begann im Jahre 2007 beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB). Neben seiner Trainerausbildung in Deutschland hat er auch verschiedene Lizenzen in Italien und in der Schweiz erworben, denn er hatte stets im Hinterkopf: „Ich will ins Ausland.“ 2015 war es schließlich so weit, Wunderer erhielt die große Chance, seinen Traum zu verwirklichen. Der Schweizer Club SC Rheintal bot ihm für die Saison 2016/2017 eine Stelle im Nachwuchsbereich an und so wurde der Prader der erste Profitrainer in der Geschichte dieses Eishockeyvereins. Doch die Entscheidung, sich diesen Herzenswunsch zu erfüllen, war alles andere als einfach. Er musste sowohl finanziell – die Bezahlung war unterdurchschnittlich- als auch familiär volles Risiko eingehen. Sein zweiter Sohn war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein Jahr alt und er musste seine Familie in der Heimat zurücklassen. Doch Wunderers Frau Katja stand voll und ganz hinter ihm. Für diese Unterstützung ist er ihr bis heute unendlich dankbar: „Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen!“ Zwei Jahre lang hatte er schließlich den Posten des Jugendtrainers beim SC Rheintal inne, ehe er für ein Jahr in die Heimat zurückkehrte und beim AHC Vinschgau das Kommando hinter der Bande übernahm. Als jedoch 2019 ein erneutes Angebot aus der Schweiz auf seinen Schreibtisch flatterte, war für ihn klar: Er will es noch einmal im Ausland probieren. Und dieser Mut wurde schließlich belohnt.
Vom Vereinscoach zur Nachwuchs-Koryphäe
Seit nunmehr sechs Jahren ist Wunderer in der Schweiz beim CdH Engiadina als Cheftrainer und Nachwuchsverantwortlicher engagiert. Er pendelt fast täglich zwischen Prad und Scuol. Der Lohn dafür? Mittlerweile ist er im Schweizer Nachwuchs weitum bekannt. „Das Engagement bei Engiadina war der Jackpot“, freut er sich. Er gehört auch zu den Trainern des Vorzeigeprojektes Hockey Grischun Sud, einem Zusammenschluss mehrerer Vereine des Kantons Graubünden. Hierbei werden über 400 Kinder und Jugendliche aus 5 Vereinen koordiniert. Die Nachwuchscracks können in altersgerechten Teams spielen und werden je nach Leistung für verschiedene Partien und Turniere zu einer Mannschaft zusammengesetzt. So erhält jedes Kind und jeder jugendliche Eishockeyspieler die Möglichkeit, sich auf dem für ihn geeigneten Spielniveau weiterzuentwickeln „Siegen steht nicht an erster Stelle. Die Kinder sollen durch Spielerfahrungen besser werden. Und auf diese Weise erhalten alle genügend Spielpraxis“, erklärt Wunderer, der auch eng mit dem nahegelegenen Spitzenklub HC Davos zusammenarbeitet.
Als eine der Koryphäen im Schweizer Nachwuchshockey wirkte Wunderer zudem an gleich zwei Fachbüchern mit, in denen sowohl Praxis als auch Theorie von Eishockeykursen für Kinder und Jugendliche festgehalten sind. „Die Bücher sind eine Art Bibel für angehende Trainerinnen und Trainer im Nachwuchsbereich und werden in der gesamten Schweiz angewandt“, erzählt er stolz. Das Gespräch mit dem Vinschger Wind fällt schließlich auf die Unterschiede zwischen dem italienischen und dem Schweizer Eishockey. Dabei stellt Wunderer fest: „In der Schweiz ist der Weg von der Idee bis zur Umsetzung deutlich länger; oft dauert es Jahre, bis eine Entscheidung tatsächlich realisiert wird. Die Vereine haben ein Mitspracherecht und müssen mit Änderungen einverstanden sein. In Italien sind Regeländerungen wesentlich einfacher umzusetzen, allerdings ist manches weniger durchdacht und wird zu schnell eingeführt.“ Diese Unterschiede seien bereits im Nachwuchsbereich erkennbar. „Die Schweiz denkt langfristiger und behält das große Ganze im Blick. Kinder werden gezielt gefördert - alles mit dem Ziel, bei den Erwachsenen endlich das ersehnte erste WM-Gold zu holen.“
Zwischen TV-Derbys und Ligaverbleib
Wunderer sorgt nicht nur im Nachwuchsbereich für Aufsehen. Als Cheftrainer des CdH Engiadina mischt er mit seiner Mannschaft in der vierten Schweizer Spielklasse kräftig mit. Einige Partien dieser Liga – allen voran das elektrisierende Derby gegen St. Moritz – werden sogar live im Regional-Fernsehen übertragen und mit ausführlichen Analysen, Interviews und Hintergrundberichten begleitet. Das Zuschauerinteresse ist auch in dieser Liga enorm hoch. Angesprochen darauf, was seine Mannschaft so besonders macht, findet Wunderer klare Worte: „Jeder Spieler hat seine Ausbildung beim CdH Engiadina durchlaufen, wir sind ein echtes „Eigenbau“-Team!“ Solche Mannschaften sind mittlerweile eine Seltenheit. Auf die Frage nach seinen sportlichen Zielen antwortet Wunderer entschlossen: „Unser oberstes Ziel ist der Ligaverbleib.“
Der Preis ist hoch
Am Ende des Gespräches macht Wunderer deutlich, dass die Verwirklichung seines Traums mit großen persönlichen Opfern verbunden ist: „Aufgrund meines Zeitmangels sind viele Freundschaften zerbrochen, das soziale Leben in der Heimat existiert kaum noch.“ Sein Alltag folgt einem strengen Terminplan, feste Ferien oder spontane Unternehmungen mit der Familie sind kaum möglich. Doch er ist bereit, diesen Preis für seinen Traum zu bezahlen und er zeigt sich dankbar für seine Chance: „Ich darf jedes Wochenende in den schönsten Schweizer Stadien arbeiten und treffe die Stars der National League!“ Wunderer ist sich bewusst, dass seine Familie zurzeit noch viel zurückstecken muss, doch er weiß auch, dass sich seine Prioritäten im Alter ändern werden und dann das Familienleben wieder stärker in den Mittelpunkt rücken wird.
Benjamin Wunderer im Jahre 1999 als Spieler des LSC Vinschgau