Zum Hauptinhalt springen

Medienkompetenz braucht Verbündete.

Dieser Artikel ist für dich kostenlos. Unabhängiger Journalismus in Südtirol braucht aber deine Unterstützung.
Wir würden uns daher freuen, wenn du ein Vinschgerwind Abo abschließt.
Vielen Dank!

Jetzt den Vinschgerwind abonnieren

Titel

Herausforderung für alle

von Heinrich Zoderer
Demenz ist eine der größten gesundheitlichen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit. Laut den offiziellen epidemiologischen Daten (ISS - Istituto Superiore di Sanità) gibt es derzeit in Südtirol knapp 9.000 Betroffene mit Demenz, im Vinschgau sind es rund 300 Menschen. Seit 2018 gibt es das Netzwerk „Demenzfreundlicher Vinschgau“, eine Initiativgruppe, die Gesprächsrunden, Informationsveranstaltungen und Vorträge organisiert, um Angehörige zu unterstützen und die Gesellschaft für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.
veröfftl. am 28. Oktober 2026

Informationsveranstaltung in Prad „Gemeinsam handeln bei Demenz“ v. l.: Heinrich Fliri, Liselotte Parth, Helga Meister, Annemarie Kainz und Christian Wenter

Die Initiative ging vom KVW Bezirk Vinschgau aus. Aber der Bezirksvorsitzende Heinrich Fliri und das Ausschussmitglied Annemarie Kainz versuchten von Anfang an, ein starkes Netzwerk verschiedener Organisationen zu bilden, um gemeinsam eine Infokampagne zu starten und die Gesellschaft für dieses Thema zu sensibilisieren. Gebildet wurde eine Kerngruppe aus rund 10 Personen. Mit dabei waren neben dem KVW auch die Sozialdienste, die Sozialsprengel, der Hauspflegedienst, der Sanitätsbetrieb, alle Altersheime von Mals bis Partschins, die Bibliothek Schlandersburg und die Vereinigung Alzheimer Südtirol Alto Adige (ASAA). Robert Peer, der ehemalige Pflegedirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebes, übernahm die Koordination dieses Netzwerkes. Wie Peer in einem Gespräch erläuterte, wollte man mit der Initiative „Demenzfreundlicher Vinschgau“ in erster Linie den Betroffenen Hilfe und Orientierung anbieten, die Zusammenarbeit mit der Alzheimervereinigung pflegen und Selbsthilfegruppen bzw. Angehörigentreffen aufbauen. Im Jahre 2019 wurde mit einem umfangreichen Programm gestartet. Neben Arbeitstreffen der Kerngruppe, wurden Vorträge, Informationsabende und Gesprächsrunden in mehreren Dörfern organisiert. Im Mai gab es eine Lehrfahrt nach Feldkirch in Vorarlberg, um das Konzept „Demenzfreundliche Gemeinde“ kennenzulernen. Im Oktober wurde für alle Altersheime eine Tagung zum Thema „Demenz geht uns alle an“ organisiert. Seit 2019 gab es rund 80 Veranstaltungen in allen Dörfern von Reschen bis Partschins. Erstmals trat die Initiativgruppe am 29. August 2026 beim Eventmarkt SelberGMOCHT auf dem Plawennpark zusammen mit anderen Institutionen in der Öffentlichkeit auf. Bei den Vorträgen und Gesprächsrunden konnte informiert und sensibilisiert werden, trotzdem ist es bis heute nicht gelungen, eine Selbsthilfegruppe bzw. ein regelmäßiges Treffen von Angehörigen zu organisieren. Wichtig bleibt nach Peer die Netzwerkarbeit der verschiedenen Systempartner, die Hilfestellung für Angehörige, die Sensibilisierung der Bevölkerung und der Einsatz für eine wohnortnahe Versorgung. Beim ersten Vortrag am 9. Jänner 2019 war bereits Christian Wenter, bis 2023 Primar der Geriatrie am Krankenhaus Meran, dabei, genauso wie die Krankenpflegerin Helga Meister aus Meran. Beim letzten Vortrag des heurigen Jahres am 15. Oktober in Prad waren wiederum Christian Wenter und Helga Meister dabei. Das Thema lautete „Gemeinsam handeln bei Demenz. Kreative Zugänge zu herausforderndem Verhalten aus professioneller und Angehörigen Perspektive“. Liselotte Parth aus Laas berichtete dabei über ihre Erfahrung im Umgang mit einer demenzkranken Oma, einer Tante, dem Schwiegervater und ihrer Mutter.

Es gibt verschiedene Demenzformen

Ausführlich, aber recht verständlich, informierte Christian Wenter über den derzeitigen Wissensstand. Gleich zu Beginn lobte er die Initiative Demenzfreundlicher Vinschgau, die eine Vorreiterrolle in Südtirol spielt und nun auch Nachfolger im Pustertal und in Brixen gefunden hat. Demenz betrifft nicht nur die Angehörigen, sondern muss ein Anliegen der gesamten Gesellschaft werden. Es braucht alle und ein Netzwerk ist dabei sehr hilfreich, so Wenter. Viele begegnen den Demenzkranken mit Hilflosigkeit, haben Berührungsängste und wissen wenig. Selbst bei manchen Fachpersonen (Ärztinnen, Pflegerinnen u.a.m.) sind die Kenntnisse teilweise gering. Demenz ist ein Syndrom, ein Überbegriff für viele unterschiedliche Erkrankungen. Das Demenz-Syndrom besteht aus kognitiven Defiziten, Verhaltensauffälligkeiten, psychischen und somatischen Störungen. Alzheimer mit Gedächtnis‑, Orientierungs‑ und Sprachstörungen ist mit über 50% die häufigste Form von Demenz, aber es gibt eine vaskuläre Demenz (Durchblutungsstörungen im Gehirn), Lewy-Body-Demenz, Alkohol-Demenz, Huntington, frontotemporale Demenz, Parkinson+Demenz, genetisch bedingte Demenz und viele weitere Formen. Je nachdem welcher Gehirnteil betroffen ist, gibt es unterschiedliche Formen der Demenz. Die Liste von Krankheiten, die zu Demenz führen können, wird nach Wenter immer länger. Es gibt Demenzerkrankungen mit psychischen Störungen wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Aggressivität, Depression, Angst, Euphorie oder Apathie. Und es gibt Demenzerkrankungen mit Verhaltensauffälligkeiten: Wandering (Herumwandern), Tag-Nacht-Umkehr, Agitiertheit, Stereotypien, Enthemmung, verändertes Essverhalten oder unangemessenes Sozialverhalten. Viele Demenzformen sind medikamentös beeinflussbar, andere nicht.

Suchen Sie früh Hilfe. Bleiben Sie nicht allein. Schützen Sie Ihre eigene Gesundheit.

Liselotte Parth berichtete über den Umgang mit mehreren demenzkranken Personen aus ihrer Verwandtschaft seit den 80er Jahren. Alle waren unterschiedlich und mussten unterschiedlich behandelt werden. Die Oma hat nicht mehr viel geredet. Der Schwiegervater war aggressiv und ist immer herumgerannt. Er war ein guter Sänger und erzählte gerne von früher. In der Gesellschaft verhielt er sich gut, zu Hause schlecht. Das war belastend. Helga Meister arbeitet in der Memory Clinik in Meran und leitet seit Jahren eine Austauschgruppe Angehöriger von Demenzkranken. Viele Angehörige leiden unter der Belastung, werden selber krank und verzweifeln. Deshalb ist es für Angehörige wichtig, frühzeitig Hilfe zu holen, über die Belastungen zu reden und die eigene Gesundheit zu schützen. Wenter meinte, dass einige Patienten ihre Demenzerkrankung lange verstecken und überspielen können, andere offen darüber reden. Er erklärte, dass die Personen vergesslich werden, aber nicht die Intelligenz verlieren. Sie leben in einer anderen Wirklichkeit. Als vorbeugende Maßnahmen meint Wenter, dass es wichtig ist, das Gehirn maximal zu fordern, sich viel zu bewegen, vor allem Muskelarbeit zu betreiben und die sozialen Kontakte zu pflegen. Wichtig ist auch ein guter Schlaf. Rauchen und Alkohol sind schlecht. Wenter plädierte dafür, demente Menschen im Dorf zu lassen und in den Alltag zu integrieren und nicht in Zentren abzuschieben. Wir müssen lernen mit demenzkranken Menschen im Dorf zu leben und die Arbeit der Angehörigen anerkennen und sie unterstützen. Eigene Schulungen für Polizisten hat Wenter bereits gemacht. Auch andere Berufsgruppen, wie Bankangestellte, Geschäftsleute und Gastwirte müssen im Umgang mit Dementen geschult und vorbereitet werden, genauso wie die ganze Gesellschaft. In diesem Sinne will auch das Netzwerk Demenzfreundlicher Vinschgau weiterarbeiten und auch in den nächsten Jahren informieren und sensibilisieren.

 

Telefonkontakte im Vinschgau
Bürozeiten Montag - Freitag
Sprengel Mals: 0473-836021
Sprengel Schlanders: 3666800422
Sprengel Naturns: 0473-671700

Vereinigung Alzheimer
Südtirol Alto Adige (ASAA)
https://alzheimer.bz.it
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Sorgentelefon: 0471 051 951, Montag und Mittwoch: 15:00 – 18:00 Uhr.
Grüne Nummer: 800 660 561 Für Betreuer:innen von Demenzkranken
Montag bis Sonntag von 7:00 – 22:00 Uhr

Robert Peer,  Koordinator  des Netzwerkes  Demenzfreundlicher Vinschgau

Robert Peer, Koordinator des Netzwerkes Demenzfreundlicher Vinschgau