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Karl Plattner und Freunde

  • Vorspann: Heuer, am 8. Dezember, jährt sich zum 40. Mal der Todestag Karl Plattners (1919 – 1986), des international wohl erfolgreichsten Südtiroler Malers der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Plattners Bildsprache wurde hierzulande vielfach nicht verstanden, stieß auf Unverständnis und Ablehnung. „Karl Plattner und Freunde“ soll eine liebevolle und ehrende Hommage an jene Freunde und Bekannte sein, die Karl Plattner unterstützten, förderten und ihn auf seinem harten Lebensweg begleiteten. Es sind dies: Sepp Theiner, Ennio Casciaro, Sandro Canestrini, die Familie Gurschler aus Schlanders, Hans Wielander und Marjan Cescutti.
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  • Redakteur: Peter Tscholl
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  • Weitere Fotos - 1: v. l.: Karl Plattner, Christine Alber Waldboth, Paula Alber Cescutti, Marie-Jo Plattner und Marjan Cescutti in Cipières. (Foto: Robert Waldboth)
  • Weitere Fotos - 2: Sepp Theiner und Peter Tscholl, am 4. November 2005 (Foto Rudi Theiner)

Was Karl Plattners Freundschaften anlangt, ist an erster Stelle der Mohrenwirt von Burgeis, Sepp Theiner (1922-2014), zu nennen. Am 4. November 2005 war ich bei Sepp in Burgeis. In der Pension Plavina, wo die Gäste untergebracht wurden, zeigte er mir in den Gängen der drei Stockwerke etwa 37 oder 38 Bilder von Karl Plattner. „Fast alles Probedrucke, Erstabdrucke, keine Seriendrucke”, sagte Sepp Theiner. „Karl ließ auch immer einige Drucke zum Verkauf zurück. Der Preis war nicht besonders hoch. Nur 200.000 bis 250.000 Lire.” Im 3. Stock zeigte mir der Mohrenwirt dann auch das Zimmer, wo Karl Plattner schlief, und das Zimmer daneben, wo er sein Atelier hatte. „Hier war Karl zuhause, wenn er sich im Vinschgau aufhielt. In der letzten Zeit kam er immer öfters hierher, lange blieb er aber nie. Meistens kam er im Herbst, wenn das Gasthaus geschlossen war. Wenn er alleine war, ohne Frau, war er immer ganz anders. Seine Frau hatte immer etwas auszusetzen. Das oder jenes durfte er nicht essen. Wenn er aber alleine war, sagte meine Mutter einfach: Gell Karl, heute machen wir einen Schmarrn! Und Karl aß ihn gerne. Auch machte er gerne nach dem Essen ein Karterle. Karl war ein ganz normaler Mensch. Ich hätte in ihm nie den Künstler gesehen, den man heute in ihm sieht.”

Am 7. November 2009 fand beim Mohrenwirt in Burgeis der Kulturabend “In memoriam Karl Plattner” statt. Dabei erzählte Sepp Theiner, wie es zur ersten Begegnung mit Karl Plattner kam: “Eines Tages kam Karl, damals noch Schulkind, in unsere Gaststube. Er wollte der Mutter ein Bild machen, wenn er dafür ein Brot bekommen würde. Sie aber sagte: Ein Bild brauchst du mir keines machen, aber ein belegtes Brot bekommst du schon. Immer wenn du Hunger hast, kannst du ruhig kommen. So hat es angefangen”, sagte Sepp Theiner. Beim Mohrenwirt konnte sich der Hirtenjunge Plattner so richtig sattessen und es entstand daraus eine Freundschaft, die so weit ging, dass ihm die Familie Theiner später dann in der Pension Plavina die zwei Zimmer kostenfrei zur Verfügung stellte.

Zu den Freunden Karl Plattners gehörte auch Hans Wielander, Herausgeber der Kulturzeitschrift Arunda. In der Arunda 97 vom „Weissen Tisch” schreibt er bezüglich Freunden und Unterstützern Plattners unter anderem: „Die Casciaros von der Goethe-Galerie gehörten auch zu Plattners frühen Förderern und sind es bis heute geblieben. Es war Karl der Ennio Casciaro motivierte die Goethe-Galerie zu gründen. Plattner hat ihn, zusammen mit anderen Südtirolern, ermutigt und anfangs auch künstlerisch beraten. Daraus ist über Jahrzehnte ein Haus der Begegnung enstanden zwischen verschiedenen Temperamenten und zwischen nordischem und südlichem Kunstverständnis.” Weiters schreibt Hans Wielander: „Besonders verständnisvoll und großzügig war auch die Familie Gurschler. Die erste Ausstellung überhaupt veranstaltete die Familie Gurschler in Räumen des Gemeindehauses von Schlanders. Das war im Jahr 1950.”
Ich frage Hans: „Gibt es vielleicht noch etwas zu sagen, worüber du nicht geschrieben hast?” Hans denkt etwas nach - wie er es eigentlich immer macht, bevor er antwortet - dann sagt er: „Ja! Ja! Ich bin mit Rechtsanwalt Sandro Canestrini (1922-2019) zur Beerdigung nach Mals gefahren. Da Karl Plattner auch italienische Freunde hatte, meinten wir, es wäre gut, wenn jemand ein paar Worte auf Italienisch sagen würde. Die Grabrede hat dann Marjan Cescutti in deutscher Sprache gehalten. Ich habe mir aber schon auch gedacht, was ich wohl sagen würde. Wenn ich die Grabrede hätte halten müssen, hätte ich Karl Plattners Bedeutung als Motor hervorgehoben. Ja, ich hätte da meine Ansichten und Erfahrungen angedeutet, inwiefern er ein Motor war. Erstens einmal druckgrafisch bzw. technisch. Aber ganz wichtig ist auch: Plattner hat weniger über die Habsburger geredet – die waren natürlich auch entfernte Freunde – sondern mehr über den Michael Gaismair. Gaismair war ein politischer Kopf, wie kaum ein anderer damals in unserem Land. Und Karl Plattner war ein Denker und hat dessen Bedeutung richtig eingeschätzt. Plattner hat mit seinem relativ billigen Linolschnitt Gaismairs Gedankengut wachgehalten und nicht in Vergessenheit geraten lassen. Also hätte ich erwähnt, wie Karl Plattner uns damit begeistern konnte. Der Karl war unkonventionell, kein politischer Kriecher, kein religiöser Fanatiker. Seine Welt, die er dargestellt hat, war seine ureigenste, eigene Welt und das hat uns junge Leute schon beeindruckt und ist bei uns angekommen.”

Besonders eng verbunden mit Karl Plattner war Marjan Cescutti, langjähriger Präsident des Südtiroler Kulturinstitutes. Cescutti war nicht nur ein perönlicher Freund von Karl Plattner, die beiden pflegten auch einen persönlichen Briefwechsel. In der Zeit zwischen Juni 1979 und August 1982 – Plattner lebte und arbeitete damals unter anderem auch in Cipières (Provence), wo ihn Cescutti einmal besuchte - hatte Plattner insgesamt 14 Briefe an Marjan Cescutti geschrieben und ihm Einblick in sein äußeres Dasein und sein Innenleben gegeben. Marjan Cescutti schildert Plattner als einen Menschen, der viel Leid, Armut und Selbstzweifel erlebt hatte. Und gerade weil Plattners Kunst oft von Einsamkeit, existentieller Unsicherheit und der Suche nach Nähe erzählt, waren vertrauensvolle Freundschaften wie die mit Marjan Cescutti ein besonders wertvoller Teil seines Lebens. Ich frage Herrn Cescutti: „Könnten Sie heute Karl noch eine Frage stellen, was würden Sie ihm wohl fragen?” Seine Antwort lautet: „Ich würde ihm folgende Frage stellen: Warum hast du trotz deiner großen Begabung nicht stärker an dich geglaubt.”
Für Marjan Cescutti war Karl Plattner nicht nur ein begnadeter Maler, sondern auch ein großer Brückenbauer zwischen Nord- und Süd, zwischen Südamerika und Europa, aber auch zwischen den beiden großen Volksgruppen unseres Landes. „Karl Plattner hat als Brückenbauer die große Aufgabe unseres Landes erfüllt, nämlich zwischen zwei großen Kulturräumen zu vermitteln und er hat bei allem Wissen um die Tragik und Hinfälligkeit der menschlichen Existenz in seiner kritischen Heimatliebe letztlich ein Projekt für Frieden, Toleranz, die Freiheit der Kunst und die Menschlichkeit geschaffen.”

Marjan Cescutti war es, der auf Wunsch der Angehörigen, die Grabrede auf Karl Plattner in Mals gehalten hat. Cescuttis Grabrede wird hier vollständig wiedergegeben:

Verehrte Trauergemeinde,
in dieser schweren Stunde des Abschieds von Karl Plattner überkommt uns unwillkürlich die Erinnerung an den harten Lebensweg, der ihm beschieden war. Nach einer von Not, Auswanderung und Krieg geprägten Jugend begann er – nur von wenigen Freunden unterstützt – seine künstlerische Ausbildung nachzuholen. Einsam und grüblerisch beschäftigte er sich bereits in seinen ersten Arbeiten mit den großen Fragen der Existenz, mit dem Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zum Mitmenschen, zur Natur, zum Tod. Da er innerlich stets unruhig und aufbruchsbereit war, entdeckte er das Bild des Menschen auch in den großen Städten der Welt, wobei es ihm gelang, die individuelle Not, wie er sie in seinem Heimattal erlebte, in eine existentielle, allgemein menschliche zu verwandeln. Aufrecht und ehrlich, in seltener Einheit und Leben und Werk, suchte und fand er für die Kunst unseres Landes neue Wege und wurde dabei auch missdeutet und missverstanden. Als dann später der Ruhm kam, hat er seinen Verlockungen nie nachgegeben. Es blieb sein beharrliches Nachdenken über das Sein, seine Suche nach neuen Formen des Ausdrucks; es blieb sein Hingespannt-Sein zwischen der Ferne, die ihm auch Heimat geworden ist, und der Heimat, deren Bild er immer in sich trug. Und so ist er nun in den Vinschgau, dessen Landschaft ihm so viel bedeutet, endgültig zurückgekehrt.
Lieber Karl Plattner, deine Familie, deine Verwandten, und wir, deine Freunde, stehen betroffen und verstört an deinem Grab, weil wir dir in deinen dunklen Stunden nicht helfen konnten.
Uns bleiben deine Bilder, von denen wir heute wissen, unter welch schmerzvollen Erfahrungen sie entstanden sind: Es bleibt aber für dich und für uns die Hoffnung auf jenes uralte Wort, das da lautet “et non confundar”. Oder wie es der dir so verwandte Georg Trakl ausdrückt: “Strahlender Arme Erbarmen umfängt ein brechendes Herz.”

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