„Jeder soll sich rühren“
Luis Walcher ist Landesrat für Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tourismus: „Ich hoffe, dass wir die Nächtigungen halten und ich hoffe, dass in zwei Jahren der Tourismus besser gesehen wird als heute.“
Vinschgerwind: Gemeinsam mit LH Arno Kompatscher haben Sie erreicht, dass für den italienischen Staat ganz Südtirol Berggebiet ist. Was hat das für Vorteile?
Luis Walcher: Das hat den Vorteil, dass bei allen Gesetzen, die wir in Südtirol machen, einheitlich vorgegangen werden kann und alle Gemeinden gleich berücksichtigt werden können. Wir haben uns die Gemeinden, die ursprünglich nicht als Berggebiet vorgesehen waren, gut angeschaut. Im Unterland wären es etwa Gemeinden gewesen, die teilweise unter der Etschsohle liegen und daher immer wieder Überschwemmungen ausgesetzt sein können. Uns war wichtig, dass wir unsere Politik einheitlich machen können. Was unterschiedliche Einstufungen von Gemeinden bedeutet, haben wir gerade im Tourismus erlebt.
Vinschgerwind: Geht es da auch um finanzielle Zuwendungen vom Staat?
Luis Walcher: Für uns hat das keinerlei finanzielle Auswirkungen, weil wir aus diesem Fonds nichts erhalten. Aber für unsere Maßnahmen im Lande hat es sehr wohl Auswirkungen, ob eine Gemeinde als Berggebiet eingestuft ist oder nicht. Wir mussten da lange kämpfen.
Vinschgerwind: Sie betonen bei jeder Gelegenheit, dass Sie nicht ungern im Vinschgau sind. Was ist ihre Sicht, dass die Vinschger Milchbauern ab sofort den Milchhof Südtirol beliefern?
Luis Walcher: Die Vinschger Bauern haben in den letzten Jahren mit großem Erfolg an die Bergmilch geliefert. Weil ich die Milchqualität aus dem Vinschgau kenne, weiß ich, dass die Vinschger Milch ein wesentlicher Bestandteil von der bisherigen Bergmilch gewesen ist und sie wird auch wesentlicher Bestandteil vom Milchhof Südtirol sein. Diese Fusion hat zwei Gewinner: Zum einen kommen zwei Betriebe zusammen, die ein unterschiedliches Sortiment haben und damit wird keinem etwas genommen. Beide ergänzen sich perfekt. Mit der Werbung, die wir mit IDM im vorigen Jahr für die Milchwirtschaft gestartet haben, brauchen wir eine Genossenschaft mit einer bestimmten Größe, um am italienischen Markt bestehen zu können und auf der anderen Seite diesen Anteil ausbauen zu können.
Vinschgerwind: Auch um einen guten Preis erzielen zu können?
Luis Walcher: Im Moment müssen wir um den Preis jeden Tag kämpfen. Der Milchmarkt ist sehr umkämpft. Der Spotmilchpreis (Tankmilch, Anm. d. Red.) liegt derzeit um die 20 Cent und unsere Bauern haben auf ihren Abrechnungen über 70 Cent erhalten. Die 70 bis 75 Cent pro Kilo Milch brauchen die Bauern, um halbwegs über die Runden zu kommen. Nochmal: Die Vinschger Milch ist wesentlicher Bestandteil, gerade was die Fettwerte betrifft, und auch damit kann der Preis für Südtiroler Milch gehalten werden.
Vinschgerwind: Ihr Vorgänger Schuler hat einmal darüber nachgedacht, in der Gemeinde Mals eine Modellregion – lokale landwirtschaftliche Produkte für Privat und für Gastronomie usw. zu etablieren. Für Sie ein Thema?
Luis Walcher: Ob man eine Modellregion etablieren will oder nicht, ist zweitrangig. Man muss vorerst die Leute vor Ort haben. Es gibt in anderen Teilen Südtirols bereits solche Modellregionen, wo Bauern und Hoteliers an einem Tisch zusammenkommen. Im Eggental zum Beispiel. Da haben sich Bauern und Hoteliers zusammengeschlossen und sich die Frage gestellt, wie können wir etwas gemeinsam aufbauen. Die Hoteliers haben verstanden, dass sie ohne die Bauern, ohne die Kulturlandschaft die Gäste nicht mehr herlocken können. Die Bauern haben verstanden, einen Weg suchen zu müssen, wie sie ihre Produkte in die Hotellerie bringen können. Beide haben dann Angebot und Nachfrage ausgelotet.
Vinschgerwind: Ohne die Politik?
Luis Walcher: Mit einfachsten Mitteln. Eine Whatsapp-Gruppe hat genügt. Mittlerweile sind sehr viele im Tal dabei. Die Politik soll Rahmenbedingungen schaffen. Die Politik ist nicht dazu da, in den Markt einzugreifen. Es braucht Leute, die an eine Modellregion glauben.
Vinschgerwind: Sie rufen also den Malsern oder anderen zu, sie sollen sich selber rühren?
Luis Walcher: Jeder soll sich rühren. Ich hätt’ da die größte Freud’. Wir propagieren ja jeden Tag diese Zusammenarbeit Landwirtschaft-Tourismus. Wir haben etwa bei den Eiern eine sehr große Nachfrage und zu wenig Angebot. Wir könnten viel mehr Goggelen haben.
Vinschgerwind: Das Pestizidthema ist in der öffentlichen Wahrnehmung vom Tisch. Ist das Thema auch für den Landesrat für Landwirtschaft vom Tisch?
Luis Walcher: Also zuerst einmal, wir reden da von Pflanzenschutzmitteln, weil Pflanzenschutz heißt „Ich Landwirt schütze meine Anlage bzw. meine Pflanzen“, so wie jeder von uns in die Apotheke geht, um sich etwas für den Eigenschutz zu kaufen. Die Diskussion ist im Moment nicht laut, findet aber trotzdem statt. Südtirol hat in den letzten Jahren viel gemacht, man hat etwa die Sprühdüsen ausgetauscht. Auf der anderen Seite fehlen immer mehr Wirkstoffe, die auf europäischer Ebene nicht mehr verlängert werden. Das ist ein Problem und zwar auch für die Lebensmitteleigenständigkeit in Europa.
Vinschgerwind: Themenwechsel. Wir sind gerade bei der Fachtagung „Wald im Wandel“. Klimawandel mit Unwetter oder Trockenheit, Borkenkäfer und Waldbrände - Ist der Wald renovierungsbedürftig?
Luis Walcher: Der Wald ist nicht renovierungsbedürftig. Der Wald braucht Pflege. So wie jeder von uns. Wir haben in Südtirol um die 24.000 Waldbesitzer und 51% der Landesfläche ist Wald. Davon ist die Hälfte Schutzwald, Schutz von öffentlichen Straßen, Schutz von Gebäuden. Gerade wenn man den Vinschgau hinauffährt, fährt man auf der Straße sehr oft unter Berghängen durch. Der Wald kann seine Schutzfunktion nur erfüllen, wenn man den Wald bearbeitet. Indem man schadhaftes Holz entnimmt, so wie es mit dem Borkenkäferholz mustergültig geschehen ist und noch passiert, indem man aber auch den Wald immer wieder verjüngt. Der gesunde Wald hat einen immensen Wert. Wir müssen diesen Wert und die Funktion des Waldes den Südtiroler klar und bewusst machen. Mit einem gut aufgestellten Fördersystem möchten wir die Waldbesitzer anregen, den Wald besser zu pflegen, aufzuräumen, zu verjüngen usw. Ein gesunder Wald ist in jedem Fall resistenter. In den Gegenden, wo der Wald aufgeräumt war, hat sich der Borkenkäfer ungleich schwerer getan.
Vinschgerwind: Zum Tourismus: Als Tourismuslandesrat haben Sie erwirkt, dass in bestimmten Gemeinden, wenn diese das wollen, vorhandene Tourismuszonen verlängert werden können. In Teilen des Landes sind Sie der Buhmann. Im Vinschgau eher nicht.
Luis Walcher: Ich muss vorausschicken, dass ich, seit ich Landesrat für Tourismus bin, kein einziges Bett neu genehmigt habe und keine einzige Tourismuszone neu ausgewiesen habe. Ich habe den status quo so geerbt und schaue nun, das Beste aus der ganzen Sache zu machen. Ich habe mir die Zeit für die Analyse genommen, ob Südtirol mit einer Geschwindigkeit oder mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Tourismus unterwegs ist. Gerade im Vinschgau ist viel weniger Tourismus als anderswo. Es besteht auch die Notwendigkeit, Dorfgasthäuser zu retten damit soziale Kontakte gepflegt werden können. Es ist nicht nur das schöne Hotel im Ort, da gehört auch das Restaurant, die Bar und die Pizzeria dazu. Das ist mir wichtig, die Hotellerie, die Gastronomie, die Gastwirtschaft als Ganzes zu sehen ...
Vinschgerwind: Ihre Worte in Gottes Ohr. Aber die neue Hotellerie neigt zu großen Ressorts, in denen den Gästen ein Gesamtpaket geboten wird. Derweil sterben die Gasthöfe und Bars...
Luis Walcher: Das mag vereinzelt vorkommen und ich begrüße das in keinster Weise. Südtirol ist mit dem Tourismus stark geworden und der Tourismus hat den Mehrwert, dass zusätzliche Leute vor Ort die Gasthäuser, die Bars und die Geschäfte und auch die Dörfer insgesamt beleben. Wenn Leute jahrzehntelang nach Südtirol in den Urlaub kommen, heißt das, dass die Gäste eine besondere Beziehung zum Ort und zu den Leuten vor Ort aufgebaut haben und dass auch Freundschaften entstanden sind. Aber nochmals zur Geschwindigkeit des Tourismus im Vinschgau. Es gibt Gemeinden, die touristisch besser aufgestellt sind und es gibt Gemeinden, die kaum Tourismus haben. Wir sollten diesen Gemeinden sehr wohl die Gelegenheit geben, selber zu bestimmen, ob sie die Tourismuszonen verlängern wollen. Ich glaube schon, dass das die Gemeinden wahrnehmen werden. Denn alle haben verstanden, wenn der Tourismus nicht eine gewisse Stärke hat und damit eine gewisse Frequenz von Leuten im Dorf zirkuliert, dann wird das letzte Gasthaus ebensowenig zu halten sein, wie das letzte Geschäft.
Vinschgerwind: Wenn Sie sich in zweieinhalb Jahren der Wiederwahl stellen, wo sehen Sie dann den Tourismus?
Luis Walcher: Ich glaube, dass wir mit dem Tourismus sehr offen umgehen müssen. Wir werden heuer eine große Umfrage starten. Ich möchte von den Leuten wissen, was sie am Tourismus gut finden, was sie weniger gut finden. Ich möchte wissen, wo die Leute den Tourismus in Zukunft hindenken. Und diese Umfrage werden wir in den einzelnen Talgemeinschaften machen. Dabei werden wir sicher merken, dass die Leute in bestimmten Gegenden sagen werden, dass es noch etwas Tourismus brauchen wird und wir werden heraushören, dass es in bestimmten Gegenden reicht. Ich glaube, dass die Politik gerade im Tourismus nicht eine Regel für alle machen und diese bis zum bitteren Ende durchziehen kann. Ich glaube, dass schwächeren Gegenden besondere Chancen zu geben sind. Das ist auch mit den Tourismustreibenden, auch von meinem Vorgänger, so vereinbart worden, indem man schaut, allen eine Chance zu geben. Auf der anderen Seite, mehr als voll kann man gar nicht machen. Ich hoffe, dass wir die Nächtigungen halten und ich hoffe, dass in zwei Jahren der Tourismus besser gesehen wird als heute. Ich bin mir sicher, dass uns der Tourismus Sicherheit bei den Arbeitsplätzen gibt, Sicherheit auch in anderen Wirtschaftskreisen, sei es im Handwerk als auch im Handel. Deshalb hoffe ich, dass in zwei Jahren der Tourismus besser dasteht als heute.