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Titel

„Ich verstehe den Unmut.“

von Erwin Bernhart
Der Landesrat für Mobilität Daniel Alfreider ist eine Art Berufsoptimist. Alfreider sagt, dass die Optimierung der Vinschger Bahn ein Pilotprojekt auf staatlicher Ebene sei. Sicherheit und Zuverlässigkeit gehen vor Geschwindigkeit. Und zur Umfahrung im oberen Vinschgau sagt Alfreider: „Es gibt eher zu viele Ideen, aber keinen gemeinsamen Konsens.“
veröfftl. am 02. September 2026

Der Landesrat für Mobilität Daniel Alfreider nimmt zur Zugproblematik und zur Umfahrungsproblematik im oberen Vinschgau Stellung.

Vinschgerwind: Der Bus wird die Strecke Mals Meran weiterhin im Halbstundentakt bedienen. Der Zug ist noch nicht soweit, als dass er Verlässlichkeit aufweisen kann. Verstehen Sie den Unmut im Vinschgau?
Daniel Alfreider: Ja, natürlich verstehe ich die Ungeduld und auch den Unmut. Für die Menschen zählt am Ende, ob sie morgens verlässlich zur Arbeit, zur Schule oder zu einem Termin kommen. Genau daran müssen wir uns messen lassen. Wir befinden uns aber in einer außergewöhnlich anspruchsvollen Umstellung. Wir elektrifizieren nicht einfach eine bestehende Strecke. Wir führen gleichzeitig neue Züge, eine neue Stromversorgung und mit ETCS Level 2 ein vollkommen neues europäisches Sicherungssystem ein. Die Vinschger Bahn ist damit die erste Regionalbahn Italiens mit diesem System und ein Pilotprojekt auf staatlicher Ebene. Jemand wird fragen: Wieso machen wir das? Ja wir wollen, dass die Züge, die im Vinschgau fahren, morgen auch weiter bis auf die internationalen Strecken fahren können, eventuell auch durch den BBT und auf dem internationalen Brenner Korridor bis nach Innbruck. Deshalb gehen wir bewusst Schritt für Schritt vor. Die Buslinie B250 bleibt bis Dezember als direkte Verbindung zwischen Mals und Meran bestehen und sichert in dieser Übergangsphase zusätzlich die Mobilität. Ab 7. September fahren die neuen Elektrozüge bereits bis Latsch. Unser Ziel ist klar: ein moderner, dichter und vor allem verlässlicher Bahnverkehr für den gesamten Vinschgau. Es ist ein anspruchsvolles Projekt und die Probleme sind nicht wenige aber das Ziel ist für uns ganz klar: der Vinschgau und die westliche Seite Südtirols sollen in Zukunft gut mit dem Zug angebunden werden, bis nach Bozen und auf den Brenner-Korridor. Somit bauen wir Schritt für Schritt eine 2. Alternative zum Auto auf.

Vinschgerwind: Das neue Signalsystem, die neuen Oberleitungen, die Testfahrten der neuen Coradia Stream, alles schwieriger als gedacht?
Daniel Alfreider: Einige Schritte haben mehr Zeit und mehr technische Abstimmung gebraucht, als wir ursprünglich erwartet haben. Das muss man offen sagen.
Gleichzeitig muss man sich vor Augen halten, was hier gerade passiert. Die Vinschgerbahn war bis jetzt eine total unabhängige kleine Regionalbahn. Wir stellen jetzt aber diese gesamte Regionalbahn technisch neu auf und integrieren die „kleine“ unabhängige regionale Vinschgerbahn in das restliche nationale und internationale Zugnetz. Oberleitung, Stromversorgung, ETCS Level 2, neue Elektrozüge und die Schnittstellen zu anderen Bahnnetzen müssen am Ende als ein einziges System funktionieren und integriert werden, wenn man will, dass der Vinschgerzug direkt bis Bozen und später weiter direkt bis Innsbruck fahren soll ohne Umstieg. Gerade weil wir hier in Italien Pionierarbeit leisten, gibt es Erfahrungen, die wir erst im laufenden Betrieb sammeln können. Das ist keine Ausrede, sondern Teil eines Pilotprojekts dieser Größenordnung. Unsere Aufgabe ist es, die technischen Herausforderungen gemeinsam mit STA, RFI, den Herstellern und mit der europäischen und nationalen Zulassungsbehörde konsequent abzuarbeiten. Und genau das tun wir. Für die Fahrgäste zählt am Ende nicht, wie komplex die Technik dahinter ist, sondern dass der Zug zuverlässig fährt. Und für mich zählt vor allem auch, dass der Zug in Sicherheit fährt. Das ist der Auftrag an alle unsere verantwortlichen und ausführenden Unternehmen.

Vinschgerwind: Die neuen E Züge sollen einen Defekt in der Elektronik haben. Stimmt das?
Daniel Alfreider: So pauschal würde ich nicht von einem Defekt der Elektronik sprechen. Der neue Zug muss mit 3 unterschiedlichen Stromsystemen fahren können und zwischen den Systemen auch automatisch umschalten. Wir sind eine Grenzregion: In Südtirol haben wir 25 kVolt im Vinschgau und auf der neuen Brennerbahn, 3 kVolt zwischen Meran und Bozen und den restlichen regionalen Bahnstrecken und in Österreich 15 kVolt. Der neue Zug muss zwischen den Systemen hin und her schalten und die gesamte Elektronik im Zug muss unabhängig stabil laufen. Im Zuge der Inbetriebnahme der neuen Züge gibt es einzelne technische Auffälligkeiten, die gemeinsam mit dem Hersteller genau geprüft und gelöst werden. Gerade dafür sind Testfahrten und die schrittweise Inbetriebnahme da. Wir führen eine neue Zuggeneration auf einer vollkommen modernisierten Strecke und außerdem mit einem neuen Sicherungssystem ein. Da müssen sehr viele technische Komponenten exakt zusammenspielen. Für uns gilt dabei ein einfacher Grundsatz: Sicherheit und Zuverlässigkeit gehen vor Geschwindigkeit. Ein Problem wird nicht kleingeredet, sondern technisch gelöst, bevor wir den nächsten Schritt machen.

Vinschgerwind: Wenn der Elektrozug ab 7. September von Mals bis Latsch fährt, bezieht er dann den Strom aus der neuen Elektrokabine in Goldrain?
Daniel Alfreider: Das Unterwerk in Goldrain ist die zentrale Stromeinspeisung für die elektrifizierte Vinschger Bahn. Von dort wird die notwendige Energie für das neue 25 Kilovolt Bahnstromsystem bereitgestellt. Auch daran sieht man, wie umfassend dieses Projekt ist. Wir haben nicht einfach Oberleitungen gebaut. Dahinter steht eine komplett neue Energieinfrastruktur und -versorgung, die nun gemeinsam mit den neuen Zügen und dem neuen Sicherungssystem schrittweise in Betrieb genommen wird. Nur zur Info: Um mit dem neuen Elektrozug vom Vinschgau in den Bahhof Meran einzufahren, muss man dann wieder auf das RFI Stromsystem (3kVolt) und ein 2-Signal- und Sicherheitssystem umschalten.

Vinschgerwind: Sie sagen, dass der Halbstundentakt mit dem Zug im Frühjahr 2027 kommen wird. Was macht Sie da so zuversichtlich?
Daniel Alfreider: Wir haben uns dieses Ziel gemeinsam mit der STA ganz bewusst gesetzt und arbeiten konsequent darauf hin.
Dabei gehen wir in klaren Etappen vor. Ab 7. September fahren die Elektrozüge zwischen Mals und Latsch. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember wollen wir die Elektrozüge direkt bis Meran führen und gemeinsam mit den Dieselzügen den Halbstundentakt zwischen Mals und Meran wiederherstellen. Im Frühjahr 2027 sollen dann die ersten direkten Verbindungen zwischen Mals und Bozen folgen. Natürlich wissen wir nach den Erfahrungen der vergangenen Monate, wie anspruchsvoll diese Umstellung ist. Aber wir sehen auch, dass wir Schritt für Schritt weiterkommen und technische Herausforderungen gelöst werden. Wir ziehen uns von diesem Ziel nicht zurück. Im Gegenteil: Wir arbeiten gemeinsam mit der STA mit voller Kraft daran. Die Menschen im Vinschgau sollen wieder einen dichten, direkten und verlässlichen Bahnverkehr bekommen. Das ist unser Auftrag und daran halten wir fest.

Vinschgerwind: Schwenken wir zum Verkehr auf der Straße. Welche Erklärung haben Sie, dass der Verkehr immer mehr zunimmt?
Daniel Alfreider: Wir sehen besonders an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten eine sehr hohe Belastung im Vinschgau. Dabei kommen mehrere Verkehrsarten zusammen: der tägliche Pendlerverkehr, der Wirtschaftsverkehr, der Tourismus und der grenzüberschreitende Verkehr. In den letzten 25 Jahren hat es in Südtirol einen Bevölkerungszuwachs von ca. 15% gegeben, die Mobilitätsgewohnheiten und Bedürfnisse sind sehr stark gestiegen, hinzu kommt noch ein Zuwachs der Nächtigungen der Gäste bei gleichzeitiger Verkürzung der Aufenthaltsdauer, was natürlich alles dazu beigetragen hat, dass unsere 2-spurigen Straßen in Südtirol bereits teilweise über den maximalen technischen Parametern belastet sind. Für die Menschen, die entlang der Straße wohnen, spielt es am Ende keine Rolle, warum das Auto oder der Lkw vor ihrem Haus vorbeifährt. Sie spüren den Verkehr, den Lärm und die Belastung. Deshalb brauchen wir verschiedene Antworten. Wir müssen den öffentlichen Verkehr so attraktiv und verlässlich machen, dass er für immer mehr Menschen eine echte Alternative zum Auto wird. Genau deshalb investieren wir so stark in Bahn und Bus. Gleichzeitig müssen wir dort, wo Dörfer besonders stark belastet sind, gemeinsam mit den Gemeinden auch an infrastrukturellen Lösungen wie auch Umfahrungen arbeiten. Es geht nicht um Straße gegen Bahn. Es geht darum, die Mobilität im Tal insgesamt besser zu organisieren und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.

Vinschgerwind: Der Glurnser Bürgermeister hat die Stadt probeweise im Juli und August für den Durchzugsverkehr sperren lassen. Ist das Notwehr?
Daniel Alfreider: Ich würde nicht von Notwehr sprechen. Aber ich verstehe sehr gut, dass eine historische Stadt wie Glurns nach Lösungen sucht, wenn die Menschen dort täglich eine hohe Verkehrsbelastung erleben. Der Versuch ist deshalb auch eine Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und zu sehen, welche Auswirkungen eine solche Maßnahme tatsächlich hat. Für mich ist aber eines entscheidend: Wir dürfen ein Verkehrsproblem nicht einfach von einem Ort in den nächsten verschieben. Mobilität hat keine Grenzen und schon gar nicht Gemeindegrenzen. Deshalb müssen alle beteiligten Gemeinden und das Land die Auswirkungen gemeinsam betrachten und daraus die richtigen Schlüsse für den gesamten Obervinschgau ziehen.

Vinschgerwind: Offensichtlich gibt es keine Idee für eine großräumige Umfahrung im oberen Vinschgau, auf die man sich verständigen könnte. Was rufen Sie den Bürgermeistern von Prad, Glurns, Mals und Schluderns zu?
Daniel Alfreider: Wir arbeiten an diesem Thema und stehen dazu auch mit den Gemeinden im Austausch. Es stimmt deshalb nicht, dass es keine Überlegungen gibt: es gibt eher zu viele Ideen, aber keinen gemeinsamen Konsens. Das ist oft das größere Problem. Entscheidend ist aber, dass man dennoch konsequent weiterarbeitet und dass gemeinsam eine Lösung entsteht, die für den gesamten Obervinschgau funktioniert. Eine großräumige Verkehrslösung kann nicht an einer Gemeindegrenze beginnen und an der nächsten enden. Prad, Glurns, Mals und Schluderns hängen verkehrlich unmittelbar zusammen. Deshalb brauchen wir Zusammenarbeit und vor allem eine gemeinsame Vorstellung davon, wohin wir wollen. Genau daran arbeiten wir. Das Land bringt die technischen und planerischen Kompetenzen ein, die Gemeinden kennen die Situation vor Ort und die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung. Beides müssen wir zusammenführen. Ich bin überzeugt, dass wir wie auch in anderen Orten mit Mut und Konsequenz auch hier zu einer echten gemeinsamen Zielsetzung kommen. Die Menschen erwarten zu Recht, dass nicht nur über Probleme gesprochen wird, sondern gemeinsam nach konkreten Lösungen gesucht und umgesetzt wird. So sehe ich das und so versuchen wir es auch hier und in ganz Südtirol zu tun.
Interview: Erwin Bernhart