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Titel

„Alles mit Vernunft!“

von Erwin Bernhart
Dass sich der Vinschgau darauf vorbereiten muss, sich wiederum als LEADER-Gebiet zu bewerben, fordert der Marteller BM Georg Altstätter. LEADER-Projekte seien wichtig und würden ohne EU-Gelder wohl kaum verwirklicht worden sein. Außerdem wünscht sich Altstätter „mehr Vernunft“ in Sachen Nationalpark und er erhofft sich, dass das Hotelprojekt in Martell umgesetzt wird.
veröfftl. am 19. August 2026

Der Bürgermeister von Martell Georg Altstätter ist in der Bezirksgemeinschaft Vinschgau für die EU-Programme, so auch für LEADER politisch zuständig. Altstätter ist auch Präsident des Führungsausschusses des Nationalparkes Stilfserjoch

Vinschgerwind: In der Bezirksgemeinschaft Vinschgau sind Sie unter anderem für EU-Programme, sprich für Leader- und Interregprojekte zuständig. Der Vinschgau ist seit den 90er Jahren Leadergebiet. Was bringen diese Leader-Projekte?
Georg Altstätter: Der Obervinschgau war von Anfang an als LEADER-Gebiet dabei. Später ist auch Martell hinzugekommen. 2010 gab es eine Periode, in der Martell mit dem Deutschnonsberg LEADER-Gebiet war und der Obervinschgau nicht mehr. 2015 ist es der Politik im Vinschgau gelungen, den gesamten Vinschgau von Reschen bis Schnals als LEADER-Gebiet deklarieren zu lassen. Man hat damals ins Regelwerk hineingeschrieben „bevorzugt Projekte über 1.000 Höhenmeter“. Man wollte das strukturschwache Berggebiet mit interessanten Projekten fördern, Almen etwa...

Vinschgerwind: Zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat man die Almen im Obervinschgau mit neuen hygienischen Kesseln und Strukturen ausgerüstet...
Georg Altstätter: Man muss sagen, es wurde sehr erfolgrich umgerüstet. Denn die Almen sind in Funktion geblieben und heute ist man bei Käseolympiaden mit bestem Käse dabei. Im Laufe der Zeit hat es für die Almen gute Landesförderungen gegeben, allerdings nicht für den Aufschank. Der ist für die Wirtschaftlichkeit der Almen auch wichtig.

Vinschgerwind: Welches sind einige bedeutende Leader-Projekte, einige Vorzeigeprojekte?
Georg Altstätter: Ich kann höchstens die letzten 10-15 Jahre überblicken. Es sind beispielsweise mit der Schliniger Alm und mit der Bruggeralm einige Almen im Obervinschgau saniert worden, es ist die Hängebrücke oberhalb Goldrain gemacht worden, der Themenweg auf die Soyalm, der Informationspavillon in Martell, Trockemauer sind saniert worden, oder die Restaurierung des Kalkofens in der Schmelz in Prad mit zwei Projekten. Auch das Projekt „Transhumanz“ wurde gefördert. Ein neuer Klettersteig bei Katharinaberg kommt jetzt in die Ausführungsphase. Die Zielsetzungen haben sich im Laufe der Jahre immer wieder etwas geändert. Man muss dazu sagen, dass nicht nur institutionelle Organisationen sondern auch Interessentschaften, Tourismusvereine und Genossenschaften Pojekte einreichen können. Der Erdbeeranbau auf Stellagen ist so ein Projekt.

Vinschgerwind: Die aktuelle Leader-Periode läuft demnächst aus. Mit welchen Argumenten wird sich der Vinschgau wieder bewerben?
Georg Altstätter: Es werden erste Gespräche aufgenommen. Demnächst gibt es ein Treffen der Leader-Gebiete im Sarntal mit dem Landeshauptmann. Der Vinschgau muss sich dafür stark machen, dass wir Leader-Gebiet bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass Leader für den Vinschgau ganz wichtig ist. Der Vinschgau ist ein großes Gebiet und es gibt darin viele kleine Realitäten. Ich kann nicht sagen, ob Gemeinde oder Tourismusvereine solche Kleinprojekte umsetzen könnten. Ich kann nur sagen, dass gemeinsam mit anderen Vereinen und Institutionen tolle Projekte umgesetzt worden sind. Wenn ich Beispiele nennen darf: Themenwege zum Beispiel wie den Marmorrundweg über 6 Gemeinden, beim Badhaus hat es seit Jahrzehnten Ideen gegeben, die allerdings an den finanziellen Mitteln gescheitert sind. Mit Leadergeldern konnte nun das Badhaus umgebaut und die Erinnerungskultur an den 1. Weltkrieg thematisch bestückt werden. Ich bin überzeugt, dass sinnvolle und wertvolle Sachen mit Leader geschaffen worden sind und in Zukunft geschaffen werden. Man soll den Schwerpunkt auf die kleinstrukturierte Wirtschaft, auf die tollen Sachen legen.

Vinschgerwind: Themenwechsel: Sie sind in der Bezirksgemeinschaft unter anderem auch für Nachhaltigkeit zuständig und Sie betreuen die Energiegemeinschaft EVI im Vinschgau. Wie läufts dort?
Georg Altstätter: Eigentlich bin ich mit der EVI sehr zufrieden. Wir bekommen immer mehr Mitglieder. Wir haben über das PNRR-Projekt „Green Comunities“ in der Bezirksgemeinschaft viele Photovoltaikanlagen für die Gemeinden mit einer 40%igen Förderung umgesetzt. Auch ganz viele Private haben neue Photovoltaikanlagen installiert und sind Mitglied bei der Evi. Etwas beunruhigen mich die Antworten vom GSE (Gestore dei Servizi Energetici - der GSE ist auch verantwortlich für die erneuerbaren Energieanlagen, Anm. d. Red.). Der GSE ist sehr schwerfällig und die kommen italienweit nicht mit der Aktualisierung und Akkreditierung der neuen Anlagen weiter. Es braucht es halt etwas Geduld von allen Seiten. Das Vinschgauer Energiekonsortium ist auch einmal gegründet worden und heute läuft’s und keiner weiß mehr, welchen Kampf die Väter des VEK führen mussten. Nur der Zusammenhalt aller Vinschger Gemeinden und grundsätzlich aller Vinschger konnte zum Erfolg führen. Mein Dank gilt in dieser Angelegenheit allen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern unseres Bezirkes sowie von Naturns und Plaus.

Vinschgerwind: Noch ein Themenwechsel: Beim Nationalpark Stilfserjoch geht es sehr schwerfällig weiter. Das sagt auch der Landeshauptmann immer wieder. Wird es demnächst einen Durchbruch geben, so dass die Gemeinden bzw. das Land die Bauten selbst regeln können?
Georg Altstätter: Man muss schon feststellen: Die Kompetenzen für die Verwaltung des Nationalparkes Stilfserjoch liegen beim Land Südtirol. Es gibt ein Amt des Nationalparkes. Aber: Seit die Kompentenzen auf das Land übergegangen sind, musste man eine Zonierung im Park machen. Das Umweltministerium hat gesagt, die Zonierung ist zu machen und die Beurteilung erfolgt erst dann, wenn alle drei Regionen, sprich Südtirol, das Trentino und die Lombardei geliefert haben. Südtirol und das Trentino haben geliefert, die Lombardei hat nicht geliefert. Der Landeshauptmann Arno Kompatscher und der Landesrat Brunner haben die Lombarden in Verhandlungen inständig darum gebeten, die Zonierung endlich zu machen. Auch unsere Vertreter in Rom sind diesbezüglich sehr bemüht. Die Lombardei hat grünes Licht gegeben. Es besteht also Hoffnung. Mitte September wird es ein Treffen in Rom geben. Irgendwie wollen alle den Sack zumachen. Wir sagen, dass das Landesgesetz für Raum und Landschaft 9/2018 in den D und C-Zonen in der Urbanistik gelten soll. In den D-Zonen (Wirtschaftszonen, Ortschaften) ist auch vorgesehen, dass die BürgermeisterInnen das sog. Nullaosta (Gutachten des Nationalparks) erlassen können. Auch für die verstreuten Höfe hätte, so die damalige Landesrätin Kuenzer, das Landesgesetz zur Geltung gebracht werden sollen. Ein schriftliches Einverständnis dazu von Seiten des Ministeriums hab ich aber noch nie gesehen. Das ist der große Knackpunkt. Allerdings muss man eines mitdenken: In Rom ist es immer ein langer Weg, man denke nur an die langwierigen Verhandlungen in Sachen Autonomie. Oft gelingt etwas, oft gelingt es eben nicht. Ich kann nur immer wieder an die politische Führungsebene den Appell machen, bittschön, schauen wir dieses Nationalparkproblem endlich einmal zu lösen. Auch damit wir den Nationalpark dann im positiven Sinne bewirtschaften können, mit stärkerer Förderung in Tourismus und Landwirtschaft. Da ist noch viel Luft nach oben. Aber eben erst dann, wenn wir klare Regeln im Hintergrund haben. Als sehr positiv anzumerken ist, dass in Sachen „Nationalparkhäuser“, z.B. aquaprad, culturamartell, naturatrafoi erst kürzlich die Möglichkeiten geschaffen wurden, bei der Instandhaltung und der Neugestaltung der Ausstellungen 90% Förderung vom Amt für Nationalpark zu bekommen. Dies ist eine große Hilfe und Unterstützung für die Standortgemeinden.

Vinschgerwind: Die Bevölkerung und die Verwalter dürfen den Park nicht als Hemmschuh empfinden?
Georg Altstätter: Es muss schon klar gesagt werden: Auch außerhalb des Nationalparks können nicht alle tun und lassen, was sie wollen. Was auch richtig ist. Es gibt im Park oft den Trugschluss, dass bestimmte Dinge nur im Park nicht gehen. Landschaftsschutz, Naturschutz, Urbanistik usw. gibt es eben auch außerhalb des Nationalparkes. Auf der anderen Seite müssten wir uns energetisch und klimatechnisch an die neue Zeit anpassen. Etwa bei der Nutzung des Wassers auch im Park. Und die Nutzung des Wassers ist nationalparkspezifisch. Der Suldenbach fließt in einem mit Schwellen verbauten und betonierten Bachbett, aber energetisch ungenutzt. Das macht keinen Sinn. Ein kleiner Speicher für ein Pumpspeicherwerk bei Prad würde auch Sinn machen. Gerade wenn man den von den Photovoltaikanlagen erzeugten Strom speichern möchte. Alles mit Vernunft. Was mir eben Sorgen macht, sind die Genehmigungszeiten im Park. Nur mit einer guten Portion Hausverstand kann man Gemeinden wie Martell und Stilfs im Nationalpark weiterentwickeln. Auch bin ich der Meinung, dass Holzzäune, Trockenmauern und Schindeldächer und Ähnliches im Nationalpark mehr zu fördern sind als außerhalb. Der Führungsausschuss hat diesen Vorschlag in der Landesregierung deponiert. Es geht halt nicht, dass man sagt, im Park darfst du das Wasser nicht nutzen, dafür bekommst du gleichviel Förderung für Trockenmauern. Das geht nicht zusammen. Wir müssen alle Maßnahmn ergreifen, damit wir die Leute in den Gemeinden im Park halten können.

Vinschgerwind: Gehen wir zu einem Thema, welches auch mit der Attraktivität zu tun hat: Sie haben sich in der Vergangenheit gegen einen Bettenstopp ausgesprochen. Nun hat Ihr Gemeinderat in Martell die Fristen für die Tourismuszonen um 5 Jahre verlängert. Um welche Zonen handelt es sich und was erwarten Sie sich?
Georg Altstätter: Wir haben mit Stallwies, mit einer Zone im Dorf, eine im Unterdorf, eine bei Hölderle, eine beim Biathlonzentrum, eine in Hintermartell und eine in Gallenmahd insgesamt 6 eingetragene Tourismuszonen in Martell. Diese Zonen gibt es alle schon seit mehr als 20 Jahren und die sind alle nicht verbaut. Wir haben keine einzige neu ausgewiesen. Der Gemeinderat war dafür, dass die Zonen bleiben. Kritiker können sagen, die sind bis heute nicht verbaut und die werden auch nicht verbaut werden. Dann sage ich, da können sie eben auch als Tourismuszonen bleiben, denn es passiert ja nichts. Ich bin auch überzeugt, dass die Zonen nicht alle in den kommenden 5 Jahren verbaut werden. Nur zum Vegleich: Wir haben 600 Gästebetten und machen 60.000 Nächtigungen im Jahr. Es gibt Gemeinden mit 10.000 Gästebetten und mit 1,7 Millionen Nächtigungen. Das kann man ja gar nicht miteinander vergleichen. Ich bin überzeugt, dass wir uns die Möglichkeiten der Tourismuszonen offen lassen müssen, auch weil wir Schutzgebiet sind. Wenn wir die verfallen lassen, bekommen wir die nie mehr.

Vinschgerwind: Ihre konkreten Erwartungen?
Georg Altstätter: Beim Gallenmahd ist ein konkreter Bauwerber vorhanden. Ich hoffe, dass da was kommt. Der Durchführungsplan von 100-120 Betten ist genehmigt und das Projekt muss nun durch alle möglichen Instanzen und es ist UVP pflichtig.