Offene und Mobile Jugendarbeit

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v. l.: Tobias Stecher, Geschäftsführer vom Jugenddienst Obervinschgau, Michaela Platzer, Vize-Bürgermeisterin und Referentin für Jugend der Gemeinde Prad, Michael Kneissl, Geschäftsführer vom Jugenddienst Mittelvinschgau v. l.: Tobias Stecher, Geschäftsführer vom Jugenddienst Obervinschgau, Michaela Platzer, Vize-Bürgermeisterin und Referentin für Jugend der Gemeinde Prad, Michael Kneissl, Geschäftsführer vom Jugenddienst Mittelvinschgau

Im Jahre 1983 wurde das Jugendfördergesetz vom Südtiroler Landtag genehmigt. Seit dieser Zeit ist die Jugendarbeit ein eigenständiger Bereich des gesamten Erziehungs- und Bildungswesens. Seit dieser Zeit gibt es in den Dörfern und Städten offene, selbstverwaltete Jugendräume, Jugendtreffs und Jugendzentren mit hauptberuflichen pädagogischen Mitarbeiter:innen. Im Vinschgau werden außerdem zwei Pilotprojekte durchgeführt: die Mobile Jugendarbeit Vinschgau und das Label „Junges Dorf“.

von Heinrich Zoderer

Insgesamt gibt es derzeit drei Jugendzentren und 14 Jugendtreffs mit 22 hauptberuflichen Mitarbeiter:innen zwischen Reschen und Kastelbell und außerdem rund 10 offene, selbstverwaltete Jugendräume. Es gibt den Jugenddienst Mittelvinschgau mit Sitz in Schlanders und den Jugenddienst Obervinschgau mit Sitz in Spondinig. Wie Tobias Stecher, der Geschäftsführer vom Jugenddienst Obervinschgau und Michael Kneissl, Geschäftsführer vom Jugenddienst Mittelvinschgau mitteilten, übernehmen die Jugenddienste die ganze Personalverwaltung, machen Projekt- Lobby- und Netzwerkarbeiten, leisten Informations- und Beratungsdienste, kümmern sich um finanzielle Angelegenheiten und fungieren als Koordinierungsstellen zwischen den Gemeinden, den verschiedenen Jugendeinrichtungen und den Sozialdiensten der Bezirksgemeinschaft und des Landes. Die Leiter:innen der Jugendtreffs und der Jugendzentren werden von den Jugenddiensten angestellt und mit 50% über das Jugendfördergesetz vom Land bezahlt. Den Rest bezahlen die Gemeinden. Wie Kneissl erzählte, entstand der erste Jugenddienst Ende der 70er Jahre in Sand in Taufers, damals noch unter kirchlicher Führung. Überhaupt war damals die Kirche neben den verschiedenen Vereinen sehr aktiv bei der Jugendförderung. Heute gibt es noch Ministrant:innengruppen, die Jugendschar, die katholische Jugend und die Kolpingjugend. Sehr stark ist die Vereins- und Verbandsjugendarbeit. Nach der letzten Jugendstudie über Werthaltungen, Lebensformen und Lebensentwürfe der Südtiroler Jugend aus dem Jahre 2016 sind insgesamt 56% der Jugendlichen Mitglied bei mindestens einem Verein. Ohne die Mitgliedschaft bei den verschiedenen Sportvereinen sind immerhin noch 31,2% Mitglied bei einem Verein in den Bereichen Kultur, Jugend, freiwillige Feuerwehr, Soziales oder Umwelt. Michaela Platzer, die Vize-Bürgermeisterin und Referentin für Jugend in der Gemeinde Prad berichtete, dass es in Prad insgesamt 52 Vereine und zusätzlich 12 Sportvereine gibt. Davon betreiben 21 Vereine plus die Sportvereine auch spezielle Jugendarbeit. Neben dieser Verbandsarbeit, die einen Großteil der Jugendarbeit ausmacht und sicherlich dazu beiträgt, dass Jugendliche ins Dorfleben hineinwachsen und sich daran aktiv beteiligen, findet seit 1983 eine Professionalisierung der Jugendarbeit statt. 1984 entstanden die Jugenddienste Mittelvinschgau und Obervinschgau. Die verschiedenen Jugendtreffs und Jugendzentren sind in den darauffolgenden Jahren entstanden, haben teilweise starke personelle Änderungen erfahren, wurden oft wieder geschlossen oder mussten nach neuen Räumlichkeiten suchen. In der Zwischenzeit ist die offene Jugendarbeit zu einer fixen Einrichtung geworden, alle Gemeinden haben Referent:innen für Jugend, die die Rahmenbedingungen für eine autonome und freiwillige Jugendarbeit schaffen. Die Corona-Pandemie und die Lockdowns waren nicht nur für Familien, Betriebe und die Schulen schwierige Zeiten, sondern auch für die Jugendlichen. Die Jugend hatte keine Stimme, wurde vielfach vergessen und vernachlässigt. Depressionen, Essstörungen, auch vermehrt Selbstmordgedanken, Vereinsamung, Zukunftsängste und starke Verunsicherungen waren die Folgen. Durch den fehlenden Austausch mit Gleichaltrigen wurden die Jugendlichen in ihrer Entwicklung blockiert. Auch deshalb muss die Jugendarbeit ein stärkeres Gewicht erhalten und die Situation der Jugendlichen, ihre Rolle im Dorf und in der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit erfahren. Zwei Pilotprojekte im Vinschgau sind ganz konkrete Initiativen dafür. Sie werden im Vinschgau erprobt und sollen dann landesweit eingeführt werden.

Das Label „Junges Dorf“ als Qualitätssiegel und Anschub für eine enga-gierte Jugendpolitik

Diskutiert und erarbeitet wurde dieses Konzept von den Jugenddiensten im ganzen Land. Eingeführt und erprobt wird es im Vinschgau. Das Jugendforum, bestehend aus Jugendlichen aus dem Vinschgau, hat zusammen mit den beiden Jugenddiensten ein umfangreiches Bewerbungsgesuch mit vielen Anregungen für eine engagierte Jugendarbeit im Dorf erarbeitet und den Vinschger Gemeinden zugeschickt. Mehrere Gemeinden haben Interesse gezeigt und Gespräche geführt, zwei Gemeinden haben sich letztendlich beworben. Das Jugendforum hat dann entschieden, die Gemeinde Prad mit dem Label „Junges Dorf“ für ihr Engagement für junge Menschen auszuzeichnen. Es ist aber nicht eine Auszeichnung, um sich auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern im Gegenteil. Die Gemeinde übernimmt durch die Verleihung des Labels „Junges Dorf“ die Verpflichtung sich noch mehr im Jugendbereich zu engagieren und die Jugendlichen am Dorfleben aktiv zu beteiligen. So gilt die Auszeichnung vor allem als Verpflichtung, als Ansporn, aktiv zu bleiben und die mit den Jugendlichen festgesetzten Ziele schrittweise umzusetzen. Das Bewerbungsgesuch hat die Gemeindejugendreferentin Michaela Platzer, zusammen mit der Landesjugendbeirätin Sarah Gritsch aus Prad und mit Jugendlichen aus dem Dorf erarbeitet. Dabei wurde die Ist-Situation beschrieben und es wurden konkrete Maßnahmen und Ziele bis 31.03.2023 bzw. 01.05.2025 festgelegt. Jedes Jahr wird die Gemeindeverwaltung vom Jugendforum zu einem Feedbackgespräch eingeladen, um das Erreichte zu überprüfen und neue Maßnahmen zu diskutieren. Konkret geplant ist u.a. ein neuer Jugendtreff mit mehr Tageslicht und Platz im Freien. Auch die Einführung eines Mitspracherechts für alle Jugendlichen über 16 Jahre, mehr Veranstaltungen und Workshops für Jugendliche, ein Nightliner am Freitag und Samstag in der Nacht, der Aufbau einer Mitfahrerzentrale, ein fahrradfreundliches Dorf, kostenlose WLAN Hotspots, die Schaffung von Co-Working Spaces sowie die Bereitstellung von günstigem Baugrund für junge Menschen wurden als Ziele formuliert. Ein erstes Feedbackgespräch mit den Jugendlichen hat es bereits gegeben. Für Michaela Platzer war es ein wertvolles und sehr anregendes Gespräch, da es für beide Seiten fruchtbringend und lösungsorientiert war.

Mobile Jugendarbeit sucht Kontakt zu Jugendlichen im öffentlichen und virtuellen Raum

Das Projekt „Mobile Jugendarbeit“ sucht junge Menschen da auf, wo sie ihre Freizeit verbringen. Im öffentlichen Raum, auf Straßen und Plätzen, in Freizeitanlagen, auf Bahnhöfen und bei öffentlichen Veranstaltungen. Aber auch im halb-öffentlichen Raum, in Bars, Jugendräumen, Schulen und öffentlichen Verkehrsmitteln. Der virtuelle Raum, die sozialen Netzwerke, sind für Jugendliche neben den angeeigneten öffentlichen, halböffentlichen und privaten Plätzen ein wichtiger Sozialisationsraum. Über Facebook, Instagram oder WhatsApp nehmen die mobilen Jugendarbeiter:innen Kontakt mit den Jugendlichen zwischen 13 und 25 Jahren auf. Andrea Innerhofer hat langjährige Erfahrung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Mit einem Camper, dem „Cämpi“ fährt sie nach einem genauen Wochenplan die verschiedenen Orte und Plätze zwischen den Gemeinden Graun und Kastelbell/Tschars ab, sucht das Gespräch mit Jugendlichen, ohne sich aufzudrängen, gibt Informationen, begleitet einzelne Jugendliche oder ganze Gruppen, entwickelt mit verschiedenen Gruppen Projekte auf Ortsebene, die dann gemeinsam mit den Jugendlichen umgesetzt werden. Das Projekt gibt es seit November 2019, Andrea Innerhofer macht die Arbeit seit Jänner dieses Jahres. Am Nachmittag und Abend von Dienstag bis Samstag ist sie unterwegs, begleitet Jugendliche und ist für sie da. Die Projektidee gibt es seit 10 Jahren. In Landeck gibt es diese Einrichtung schon länger. In den Städten Bozen und Meran arbeiten Streetworker, um problembelastete Zielgruppen zu unterstützen bzw. aus ihrer Situation herauszuholen. Die Mobile Jugendarbeit ist ein Interreg-Projekt für den ländlichen Raum, um alle Jugendlichen zu begleiten, zu fördern und zu unterstützen. Es wird im öffentlichen Raum potential- statt problemorientiert gearbeitet, meint Innerhofer. Der Camper ist für Andrea Dienstauto, Anlaufstelle und Büro. Im Camper führt sie eine Gitarre mit, um mit den Jugendlichen zu spielen und Musik zu machen. In nächster Zukunft will sie mit Jugendlichen den Camper jugendgerecht gestalten, damit ihr Dienstauto als Anlauf- und Begegnungsstätte noch mehr auffällt und zum Reden einlädt. In Schlanders plant sie mit Jugendlichen eine Basketballmannschaft zu gründen, in Prad in der Sportzone ein Streetballfeld einzuzeichnen. Die Arbeit ist abwechslungsreich und voller Überraschungen, aber auch spannend und erfüllend, meint Innerhofer. Ideal wäre es, die Arbeit zu zweit zu machen. Eine zweite Stelle ist ausgeschrieben. Längerfristig geplant sind insgesamt sechs Stellen, damit jeweils drei Gruppen öffentliche und halböffentliche Plätze im Vinschgau aufsuchen und so mit Jugendlichen ins Gespräch kommen und sie ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten und einige Projekte zusammen planen und durchführen können. Das Interreg-Projekt in der Terra Raetica (Italien-Österreich) läuft 2022 aus. Andrea Innerhofer hofft, dass aus dem Projekt dann eine fixe Einrichtung wird. Tobias Stecher und Michael Kneissl sind überzeugt, dass die Mobile Jugendarbeit ein notwendiges zusätzliches Standbein zur bestehenden Jugendarbeit ist. Sie bietet den jungen Menschen den für sie notwendigen Raum und bereichert das Dorfleben.

 

Wichtige Kontaktstellen:

Jugenddienst Mittelvinschgau:
Schlanders, Geschäftsführer: Michael Kneissl, Tel.: 0473/621236

Jugenddienst Obervinschgau:
Bahnhof Spondinig, Geschäftsführer: Tobias Stecher, Tel.: 3773200000

Mobile Jugendarbeit Vinschgau,
Andrea Innerhofer, Tel.: 328 9397035

Kinder- und Jugendanwaltschaft, Bozen,
Kinder- und Jugendanwältin: Daniela Höller,
Tel.: +39 0471 94 60 50

Young+Direct Die Beratungsstelle für junge Menschen in Südtirol.
Internet: https://www.young-direct.it/de/
WhatsApp! Nummer: 3450817056.
Jugendtelefon: 0471/1551551.

 

Jugendräume, Jugendtreffs
und Jugendzentren im Vinschgau:


Offene Jugendräume ohne hauptberufliche Mitarbeiter:innen: Schlinig, Schleis, Laatsch, Matsch, Lichtenberg, Eyrs, Kortsch, Morter, sporadisch aktiv auch in Tanas, Allitz, Plawenn;

Jugendtreffs mit hauptberuflichen Mitarbeiter:innen: JT „fResch“ Reschen, JT „Juze Hoad“ St. Valentin, JT Burgeis, JT „Revoluzer“ Taufers i. M., JT „Citytreff“ Glurns, JH „Phönix“ Schluderns, JT „Ju!P“ Prad, JT „Chillhouse“ Stilfs, JT Tschengls, JT „La:Ma“ Laas, JC „Taifun“ Martell, JR „Check In“ Goldrain, JT Tarsch, JT „All In“ Kastelbell, JT „All In“ Tschars;

Jugendzentren mit hauptberuflichen Mitarbeiter:innen: JZ „Green Turtle“ Latsch, JZ „Freiraum“ Schlanders, JZ „JuMa“ Mals

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