Dienstag, 14 April 2020 16:05

„Vielleicht schätzen es die Leute, dass sie vor Ort alles bekommen“

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Robert Zampieri, Geschäftsführer der Genossenschaft „Bergmilch Südtirol“
Er ist aufgewachsen in Gries/Bozen. Von 1999 bis 2004 war er Geschäftsführer Bio-Vinschgau und Marketingleiter VI.P, ab 2004 Geschäftsführer der Milkon, seit 2013 Geschäftsführer der Bergmilch Südtirol und seit 2010 der Tochterfirma Stella Bianca in Lodi. Er ist Obmann der Raiffeisenkasse Unterland, seit 2015 zweiter Obmann-Stellvertreter des Raiffeisenverbandes Südtirol. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern (18 u 20), und er lebt auf dem „Aschmüllerhof“ in Leifers.

 

Vinschgerwind: Herr Zampieri, was macht Ihnen als Geschäftsführer von „Bergmilch Südtirol“ derzeit die größten Sorgen?
Robert Zampieri: Die größten Sorgen sind, dass die Mitarbeiter gesund bleiben, jene die Maschinen bedienen, die die Sammelwagen fahren usw. Wir sorgen uns um die Arbeitskräfte für alle Schritte, die es braucht, dass die Milch innerhalb 24 Stunden verarbeitet werden kann. Viele Kleinigkeiten müssen stimmen, damit das Produkt in kürzester Zeit im Lager bzw. im Geschäft ist. Die Facharbeiter sind also extrem wichtig für die Versorgungskette.

Vinschgerwind: Die Milch durfte immer geliefert werden. Zu Beginn der Corona Krise haben sie über fehlendes Verpackungsmaterial geklagt.
Zampieri: Ja, wir hatten am Anfang große Schwierigkeiten. So wie einzelne Länder mit dieser Krise umgegangen sind, haben wir alles Mögliche erlebt: LKW Fahrer, die nicht fahren durften, die verspätet ankamen, Fahrer die nicht wussten, ob sie in die Quarantäne mussten. Die Koordination in der EU hat völlig gefehlt. Wir haben auch keine großen Taten der Europa Region Tirol erlebt. Als die Nordtiroler noch Touristen aus Südtirol auf dem roten Teppich empfangen haben, wurde bei unseren Fahrern an den Grenzen Fieber gemessen. Ein besonderes Problem war das Verpackungsmaterial (zum Beispiel Joghurtbecher), das nicht aus einem EU Land, sondern aus Serbien kommt. Wir beziehen es über ein österreichisches Unternehmen, das in Serbien ein Werk hat. Die Einfuhr war lange Zeit sehr problematisch.

Vinschgerwind: Stimmt es, dass Sie die Bauern deshalb aufgefordert haben, weniger Milch zu produzieren? Wenn ja, wie haben diese reagiert?
Zampieri: Ja, wir haben die Bauern aufgefordert, wenn möglich weniger Milch zu produzieren, mit Kraftfuttereinsatz zu bremsen, oder den Kälbern statt Milchpulver eine gute Muttermilch zu geben. Die Bauern haben sehr gut reagiert. Die meisten haben weniger Milch geliefert. Es ist uns weder darum gegangen, ein Mitglied zu strafen, noch die Milchmengen sofort nach unten zu drücken. Sondern wir wollten die Mitglieder sensibilisieren und ihnen sagen, dass es für uns hilfreich ist, weniger zu produzieren, weil es derzeit keinen Überschussmarkt gibt. Denn das könnte für die ganze Genossenschaft mangels Absatz ein größeres Problem werden. Vieles hängt in Krisenzeiten an einem seidenen Faden, wenn eines der ineinander greifenden Zahnräder ausfällt. Es ist jedoch jeden Tag extrem spannend, im negativen Sinne, weil immer wieder neue Probleme auftauchen und wir oft den Atem anhalten.

Vinschgerwind: Die Haupt-Absatzmärkte sind Italien und Deutschland. Wie reagieren die Märkte derzeit?
Zampieri: Nun, unsere Hauptabsatzmärkte sind die Region und Italien. In der Regel geht alles gut bei den Produkten, die länger haltbar sind, zum Beispiel die H-Milch und das Joghurt. Andere Produkte leiden sehr. Der Verkauf von Frischmilch ist eingebrochen, genauso wie das Skyr-Yogurt, das sonst sehr gut lief. Wir vermuten, dass dieses proteinhaltige Produkt vor allem von Sportlern konsumiert wurde und von Menschen im Büro als Mahlzeitersatz. Zu Hause in der Quarantäne ist dieses Produkt jetzt weniger gefragt, mehr das klassische Joghurt. Auch der Export leidet. Unser Marcarpone wird weltweit vermarktet und ist zum Teil weggebrochen. In Deutschland merken wir, dass unsere Thekenware (Käse), abnimmt. Die Konsumenten wollen nun alles abgepackt. Das Verpackungsmaterial war vorher die größte Sorge, denn die Forderung der Konsumenten auf Plastik zu verzichten war spürbar. Jetzt, mitten in der Krise ist das Thema rund um Kunststoffverpackung kein Thema mehr. Umso mehr Verpackung, desto sicherer fühlen sich die Kunden. So schnell kann sich etwas ändern.


Vinschgerwind: Stillstand im Tourismus und bei Gastrofresh, wie spürbar ist das?
Zampieri: Das ist extrem spürbar, Gastrofresh ist nach guten Absätzen im Jänner und Februar innerhalb März von 100 auf Null abgestürzt. Die Lager waren voll, die LKW’s stehen alle auf dem Parkplatz und mehr als 130 Mitarbeiter haben keine Arbeit. Die Mitarbeiter befinden sich nun im Lohnausgleich oder wurden ins Home Office geschickt. Das Lager musste abgebaut werden. Lieferanten haben Waren zum Teil zurück genommen. Vieles wurde verschenkt, an Altersheime, an die Vinzenzgemeinschaft, an den Banco Alimentare. Einiges musste auch vernichtet werden, was sehr schmerzhaft ist. Den mangelnden Absatzkanal Tourismus, den spüren wir ganz deutlich beim Konsum. Beispielsweise braucht es keine Frischsahne in den Eisdielen.

Vinschgerwind: 93.000 kg Milch kommen täglich vom Vinschgau nach Bozen. Wird diese Milch zur Gänze verarbeitet?
Zampieri: Ja. Die Milch aus dem Westen wird zur Gänze in Bozen verarbeitet. Durch die vollständige Veredelung erreichen wir Wertschöpfung, die sich positiv auf den Auszahlungspreis auswirkt. Milch-Überschüsse kommen noch aus dem Pustertal, weil das Werk dort nicht die gesamte Milch des Einzugsgebiet verarbeitet. Die dort übrige Milch kommt zum Großteil nach Bozen und in kleineren Mengen auf den Versandmilchmarkt.

Vinschgerwind: Wird sich die Corona-Krise im Milch-Auszahlungspreis niederschlagen?
Zampieri: Alles hängt jetzt davon ab, wie lange die Situation anhält und wie rasch wir wieder zum Normalzustand zurückkehren. Die Bergmilch hat natürlich Reserven und ist ein starkes Unternehmen. Ein paar Wochen halten wir aus. Natürlich, wenn die ganze Sache vier, fünf Monate andauert, muss es eine Auswirkung habe, weil vieles nicht mehr stimmt. Alles, was bisher so perfekt ausbalanciert war, würde dann aus dem Ruder laufen und würde je nach Tiefe der Krise auch Auswirkungen auf den Auszahlungspreis 2020 haben. Wir bemühen uns jedoch, das zu verhindern.

Vinschgerwind: Welche Unterstützungsmaßnahmen erwarten Sie sich von der Politik?
Zampieri: Ich glaube, dass die Politik uns als Betriebe richtig einschneidend kaum helfen kann. Wichtig ist jetzt, dass die Konsumenten nicht verzweifelt sind, dass sie genügend zum Leben haben. Es gibt so viele Menschen, die Liquiditätsschwierigkeiten haben, oder Angst haben ihren Job zu verlieren, die im Lohnausgleich sind und mit 600-700 Euro leben müssen. Die Politik muss dafür sorgen, dass diese Menschen keine Ängste haben, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen können und sich auch weiterhin vor Ort Lebensmittel leisten können. Was die Politik noch tun kann, ist die lokalen Wirtschaftkreisläufe zu unterstützen. Sie sollte den Wert der Nahversorgung, den Wert der einheimischen Produkte erkennen. Vielleicht sollten wir nachdenken, woher wir unsere Waren und Dienstleistungen holen und dass es wichtig ist, unsere eigenen Strukturen zu stärken, auch wenn es manchmal mehr kostet. Ausschreibungen zum Beispiel sind vorwiegend preisorientiert. Vielleicht kommt ein radikaes Umdenken?!

Vinschgerwind: Sie haben in Vergangenheit bereits einiges in die Wege geleitet, um die „Bergmilch Südtirol“ zukunftsfähig zu machen, mit Projekten wie Heumilch und Bio- Heumilch. Haben die Bauern verstanden, um was es bei all den Projekten geht?
Zampieri: Die Bauern produzieren grundsätzlich alle eine tolle Milch und ein hochwertiges Produkt. Da wir es mit einem Überflussmarkt zu tun haben, ist es immer wieder wichtig, zu differenzieren und sich von anderen abzuheben. Südtirol muss deshalb Geschichten finden und erzählen, um nicht in einen Topf mit der großen Masse geworfen zu werden. Südtirol hat die wunderschönen Berge, Almen, Wiesen, wertvolle Traditionen und daher vielfältige Möglichkeiten. Die Heumilch passt zu Südtirol wie die Faust auf’s Auge. Es ist ein tolles Produkt zum Kommunizieren. Und ich glaube, die Heumilch tut dem Image Südtirols gut, genauso wie die Biomilch. Ich glaube, dass eine so große Genossenschaft wie die Bergmilch alle diese Schienen bedienen muss, denn nur so bekommt man die großen Milchmengen auch bestens verkauft. Ob’s die Bauern verstanden haben? Ich glaube ja, denn es reicht nicht zu sagen, meine Milch ist weiß und gut. Sondern es braucht dazu auch die Geschichten. Und diese sind Geschichten der Herkunft. Denn es gibt nichts Stärkeres als Herkunft und Tradition in unserem kleinen Land. Und natürlich muss das Lebensmittel gesund sein und nachhaltig produziert werden.

Vinschgerwind: Neuerdings wird über das Projekt „Almmilch“ nachgedacht?
Zampieri: Die Almen haben im Vinschgau eine sehr lange Tradition. Sie sind wichtig und produzieren einen tollen Almkäse und guten Almbutter. Wir sind immer etwas eifersüchtig auf die Almen, weil uns die gute Milch fehlt. Wir möchten mit dem Projekt Almmilch den Almen nicht Konkurrenz machen, wir möchten nur die Möglichkeit schaffen, dass den Konsumenten auch Almmilch zur Verfügung steht. Auch das würde dem Image der Bergmilch gut tun. Es sollte ein sehr elitäres Projekt werden, hochpreisig im Verkauf und mit einem Preis von 70 Cent pro Liter dem Bauern vergütet werden. Wir würden die Milch direkt auf den Almen holen. Die Mitglieder sind aber noch etwas skeptisch. Wir versuchen jedoch zu erklären, warum die Bergmilch das tun möchte und hoffen, dass es sich langsam in den Köpfen breit macht und dass verstanden wird, das das nur Chancen sind und keine Risiken - Chancen die man wahr nehmen muss. Wenn auch nur 100 Liter verkauft werden, sind es 100 Liter mit hoher Wertschöpfung. Mir kommt vor, dass das Paket sehr attraktiv wäre. Es gilt Traditionen zu durchbrechen, sich entsprechend zu organisieren und es möglich zu machen, dass dieses Experiment durchgeführt werden kann. Angesichts der derzeitigen Krise könnte das Projekts erst im Sommer 2021 starten.

Vinschgerwind: Zurück zu den Verpackungen: Viele Konsumenten stören sich daran, dass der Großteil im Restmüll entsorgt werden muss. Was kann Bergmilch dagegen tun? Was ist mit Glasflaschen?
Zampieri: Die Bergmilch kann grundsätzlich nur das tun, was die Verpackungsindustrie anbietet. Wir haben selbst kein Forschungszentrum für Verpackungsmaterialien. Und zudem haben wir in Bozen sehr beengte Verhältnisse und keinen Platz für großräumige Verpackungsmaschinen. Wir müssen mit dem, was wir haben, das Bestmögliche machen. Die Glasflasche ist keine Option. Im gesamten Umgang mit Glasflaschen haben wir bereits viele Jahre Erfahrung und es war eine Katastrophe. Die Flaschen immer wieder in den Betrieb zurückholen, das Auswaschen mit starken Laugen, dann wieder in Zirkulation bringen, war für uns sehr aufwändig. Und Experten haben uns auch bescheinigt, dass es von der so genannten Ökobilanz her unsinnig ist. Glas ist allerdings ein sympathisches Verpackungsmaterial für unsere Konsumenten. Ein Mitbewerber von uns fährt auch recht gut damit, aber wir hätten in Bozen beim besten Willen keinen Platz. Wir halten jedoch laufend Ausschau, um unseren Konsumenten nachhaltige Verpackungen anbieten zu können.

Vinschgerwind: Es wird eine Zeit nach Corona geben. Welche Lehren aus der Krise lassen sich ziehen?
Zampieri: Die größte Lehre ist auch die größte Freude, weil ganz viele Menschen verstanden haben, wie wichtig die Bauern sind, die Lebensmittel herstellen, und wie wichtig es ist, diese lokal zu finden und dass diese auch etwas mehr kosten können. Die neu entdeckte Wertschätzung für kleine Wirtschaftkreisläufe hält hoffentlich an. Vielleicht schätzen es die Leute, dass sie vor Ort alles bekommen und zwar in der besten und sichersten Qualität.
Vielleicht hat diese Krise auch gezeigt, dass wir im Grunde genommen großteils Egoisten sind, weil jeder von uns schaut so viel wie möglich zu erreichen, soviel wie möglich Geld zu verdienen, so groß wie möglich zu werden mit den billigsten Mitteln. Vielleicht hat uns diese Krise aufgezeigt, dass es in jeglicher Hinsicht Grenzen gibt. Wir tun gut daran, diese Grenzen auszuloten, aber wir sollten nicht dem Glauben unterliegen, dass die grenzenlose Globalisierung das Allheilmittel für Wohlstand wäre. Viele Menschen haben mittlerweile eine gewisse Antipathie gegen Waren entwickelt, die von weither kommen. Das könnte der regionalen Wirtschaft umgehend viel helfen. Seien wir stolz auf unsere Lebensmittel, seien wir stolz auf unsere Bauern. Nörgeln wir nicht ständig herum. Wir leben in einer der schönsten Ecken der Welt. Schützen wir sie gemeinsam mit unseren Bauern!

Interview: Magdalena Dietl Sapelza


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